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Heimat, Ursprung und Authentizität: Die Lederhose als kulturelles Erbe

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LEDERHOSE
sebastian-julian via Getty Images
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Der Begriff Heimat war lange Zeit ideologisch vergiftet. Doch mit der Globalisierung und den lebens- und kulturverändernden Umwälzungen wurde er wieder in unseren Alltag gespült. Die Menschen haben ein starkes Verlangen nach Stabilität, Identität, Sicherheit und Zugehörigkeit. Dieses Bedürfnis wird durch Fernsehserien wie „Der Bergdoktor" und Magazine wie „Landlust", „Servus", „LandLeben", „Land & Leute" und „daheim" zu befriedigen versucht.

Der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger definiert Heimat als eine innere Einstellung, bei der es nicht um eine Mia-san-mia-Mentalität geht. Vielmehr müssen den vorhandenen Werten immer wieder neue hinzugefügt werden, so dass sich das Eigene und das Fremde auf nachhaltige Weise verbinden und als Bereicherung gesehen werden. Heimat ist also kein Klischee, sondern ein unverzichtbarer Wert.

Heimatpflege braucht heute den Blick über den eigenen Tellerrand, aber auch liebevolle Detailgenauigkeit. Um zu erahnen, wie unverrückbar Menschen einst an ihre Scholle gebunden waren, muss man sich beispielsweise nur an den oberbayerischen Schliersee begeben. Am südlichsten Zipfel des Sees steht das Bauernhof- und Wintersportmuseum von Markus Wasmeier, Doppelolympiasieger von 1994 im Skirennlauf. Die Gebäude wurden an ihren ursprünglichen Standorten abgetragen und im Freilichtmuseum wieder aufgebaut: vier historische Höfe mit Stallungen, eine alte Schöpfbrauerei und ein Handwerkerhaus, alle aus der Zeit um 1700. Seit 2007 können sie besichtigt werden. Gezeigt wird hier aber auch altes Handwerk, es wird Brot gebacken und Bier gebraucht. Bereits 1997 gründete Wasmeier mit Freunden und Nachbarn den Museumsverein.

Auch die nachfolgenden Generationen sollen sehen, wie die Bauern und Handwerker zwischen Inn und Isar vor 300 Jahren gelebt haben: „Ich möchte mit unserem Museum das kulturelle Erbe pflegen und für kommende Generationen bewahren - damit die Kinder wissen, dass die Kühe nicht lila sind", sagt Wasmeier.

Er wollte schon immer mit seinen Händen etwas schaffen und Schreiner werden, aber der Betrieb gab ihm im Winter nicht zum Skifahren frei, deshalb stieg er auf Maler um - im Betrieb, wo schon sein Vater Günther gelernt hatte und er im Winter freibekam. Sein Vater war Lüftlmaler und Restaurator. Beide verfügten über das nötige Handwerkszeug und wussten genau, was beim Translozieren der historischen Gebäude beachtet werden musste.

Mit der zunehmenden Kritik an einer Technologie, die immer komplexer wird, ist auch der Wunsch nach Stabilität und Dingen verbunden, die eine lange Haltbarkeit und Geschichte haben, einfach zu verstehen und leicht zu benutzen sind. Ein Kleidungsstück, das Jahrhunderte überlebt hat und auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht an Bedeutung und Beliebtheit verloren hat, ist die gute alte und speckige Lederhose, die auch im altbayerischen Dorf von Markus Wasmeier ihren Platz gefunden hat.

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Lederhose im Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee (Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt)

Die kurze Lederhose war früher eine unzerstörbare Rüstung, die nicht einmal Schaden nahm, wenn Glutspritzer vom Lagerfeuer darin erloschen. Die Lederne musste weder gewaschen, genäht noch gebügelt werden.

In krisenhaften Zeiten ist die emotionale Bindung an nicht kopierbare und konkurrenzlose Dinge, die mit den eigenen Händen zusammengefügt wurden, besonders ausgeprägt. Deshalb wird auch verstärkt in Lederhosen investiert, die entsprechende Qualitätsmerkmale aufweisen und mit billigen Lederteilen aus Pakistan, die streng riechen und sehr hart sind, nichts zu tun haben. Die erste Lederhose schneiderte Lukas Meindl 1935. Sein Enkel Markus begann mit acht Jahren. Heute ist das Unternehmen Weltmarktführer für Lederhosen. Bis zu 60 Stunden Handarbeit sind für eine Hirschlederne notwendig.

In seiner Studie "Geliebte Dinge" (1996) untersuchte der Frankfurter Psychologe Tilmann Habermas die Bedeutsamkeit von persönlichen Objekten für das Selbstverständnis eines Menschen und bemerkte, dass es häufig sogenannte autobiografische Souvenirs sind, „die den entscheidenden Wert in sich verkörpern". Das kann eine alte Geldbörse, ein Schmuckkästchen, ein Foto sein - oder eine Lederhose. Die Geschichten über diese Dinge helfen uns, unsere eigene Lebensgeschichte zu konstruieren. Sie sind eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Weiterführende Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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