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Hand, Herz und Hirn: Wie A-ha-Sänger Morten Harket die Welt begreift

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AHA
Simon Hofmann via Getty Images
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Die Entdeckung der Welt

Was liegt hinter den Dingen? Worum geht es im Leben wirklich? Und was macht einen Menschen letztlich aus? Diesen Fragen widmet sich Morten Harket, Sänger der norwegischen Popband A-ha, in seiner Autobiographie "My Take On Me".

Es ist ein Buch, das zum modernen Weltverständnis beiträgt und auf wunderbare Weise begreifbar macht, dass die Beziehung zu Menschen und Dingen nicht von der eigenen biographischen und kollektiven Geschichte zu trennen ist.

Am wichtigsten ist dabei die Erfahrung handelnder Selbstwirksamkeit, die Morten Harket immer beibehalten hat: "Nichts wird mich daran hindern, die Dinge selbst zu entdecken!"

Damit verbunden ist ihre Berührung, Gestaltung und Veränderung. Während die Stimme für ihn für das steht, was der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa „resonante Weltbeziehungen" nennt, stiftet die Hand "instrumentelle Weltbeziehungen".

Das Thema seines Buches ist so wichtig, weil wir heute vielfach (nicht zuletzt durch den Einfluss der digitalen Informationstechnik) die Kontrolle über viele Aspekte unseres Lebens verloren haben und das Gefühl verspüren, es nicht mehr im Griff zu haben. Das wird von vielen Menschen als Fremdbestimmung erlebt.

Werde, der du bist!

Als Jugendlicher wusste Morten Harket nicht genau, was er später werden wollte: Bildhauer, Maler oder Handwerker? Es sollte auf jeden Fall etwas mit den Händen sein, das seinen tätigkeitsbestimmten Zweck in sich selbst trägt und mit dem Gefühl von Glück und Freude verbunden ist. Hände haben für ihn eine so besondere Bedeutung, weil sie nicht nur Werkzeug, sondern auch Sinnesorgan sind, die der ganzheitlichen Weltwahrnehmung dienen.

Durch sie wird die Welt sinnlich und motorisch buchstäblich be-griffen, was wiederum dazu führt, besser und aufmerksamer über sie nachdenken zu können. Be-Greifen, die Entwicklung und das Training der Feinmotorik, räumliches Denken und die auf diese Weise begriffenen Dinge führen zum Handeln.

Nur "durch Handeln erobern sich Kinder die Welt und machen sie zu ihrer Welt", bestätigt der Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer. Er verweist dabei auf Studien, die zeigen, dass tatsächlich "mit der Hand" gelernt wird, wenn man mit Dingen hantiert:

Motorische und auch sensorische Zentren lernen mit, wodurch zusätzliche Bereiche des Gehirns für das Behalten und spätere Nachdenken zum Einsatz kommen. Man lernt schneller und kann mit dem Gelernten auch besser umgehen und kreativ einsetzen.

Nobelpreisträger würden sich von „normalen" Menschen durch eine Kleinigkeiten unterscheiden, wie eine Studie von Lebensläufen und insbesondere der Kindheit ergeben hat: "Sie haben als Kind mehr mit Bauklötzen gespielt. Schon die alten Pädagogen wussten: Gelernt wird mit Herz, Hirn und Hand!"

Selbstbestimmung und Weltbeziehung

Schon das „Backen eines Brotes oder das Hacken von Holz kann in diesem Sinne als ungemein befriedigend erlebt werden", arbeitete der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinen Arbeiten zum Handwerk heraus.

Auch schnitzen konnte Morten Harket gut, was er teilweise auf seine Geschicklichkeit zurückführte und sein ausgeprägtes Gefühl für Formen. Von meiner Mutter lernte er kochen. Besonders interessierte ihn das (Brot)Backen, das Kneten und Bearbeiten des Teiges, um danach etwas Köstliches herzustellen:

"Die Konsistenz von selbstgebackenem Brot hängt davon ab, was du mit deinen Händen machst. Das ist ein sinnliches Erlebnis, das mir wirklich gefällt." Die schönen Dinge des Lebens sind für ihn mit sinnstiftenden Tätigkeiten und einer resonanten Weltbeziehung verbunden. Das zeigt sich in besonderer Weise an diesem Beispiel:

Zu Weihnachten 1987 erhielt jeder der Band A-ha eine Gitarre von dem Gitarrenbauer Robert Steinegger, die für Morten Harket auch in anderer Hinsicht ein Geschenk wurde. Denn sie war nicht nur ein "wunderbares handgemachtes Instrument", sondern gab ihm auch eine "musikalische Stimme":

"Ich konnte damit komponieren. Bei all meinem ungeschliffenen musikalischen Talent, das es mir als Kind erlaubt hatte, mich durch meine Klavierstunden zu improvisieren und so weiter, hatte ich doch nie ein Instrument besessen, mit dem ich schreiben und komponieren konnte. Ich brachte mir selbst das Spielen auf der Steinegger bei und begann, meine eigenen Stücke zu schreiben."

Der gute Maßstab

Was für Morten Harket einst richtungsweisend beim Backen war, bezog sich nun auf das Spielen. Teig und Bäcker waren nun Gitarre und Gitarrist. Zwischen ihnen bildete sich das, was Hartmut Rosa als "genuine Antwortbeziehungen in dem für resonante Weltbeziehungen charakteristischen Sinn" bezeichnet und das, was den guten Maßstab ausmacht. Wir brauchen ihn heute dringender denn je.

Das Buch von Morten Harket ist vor diesem Hintergrund auch als Plädoyer für mehr Selbstbestimmung zu lesen, die nur entstehen kann, wenn wir die Welt vorher begriffen haben, denn: "Wir entscheiden, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen - sonst wird es hinter unserem Rücken für uns entschieden." (Morten Harket)

Weitere Informationen:

A-ha-Sänger Morten Harket über Mobbing, Menschenmengen und die Kraft des Einzelnen

Literatur:

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag Berlin 2016.

Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2015.

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