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Haariges Business: Was der Meistertitel jungen Menschen im Friseurhandwerk bedeutet

26/11/2017 15:06 CET | Aktualisiert 26/11/2017 15:07 CET
franckreporter via Getty Images

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde im deutschsprachigen Raum über einen Niedergang des Handwerks geklagt. Vor allem die in Großstädten zunehmende Industrialisierung und die wachsenden Fabriken, in der Arbeitsteilung, Spezialisierung und Rationalisierung Einzug hielten, sowie ständig wechselnde Moden seien schuld daran, dass das Handwerk zunehmend verkomme.

Um 1800 findet in klassischen Bildungsromanen (Goethes Wilhelm Meister-Romane) und romantischen Künstlerromanen die Auseinandersetzung mit dem Thema dann einen ersten Höhepunkt.

Handwerk und Nachhaltigkeit haben in Zeiten des Umbruchs Hochkonjunktur, weil Menschen nach Identität suchen - und nach etwas, an dem sie sich festhalten können, wenn alles andere nicht mehr hält.

Auch in Zeiten des digitalen Wandels ist handwerkliche Arbeit auf Dinge bezogen, die Körper und Geist gleichermaßen erfüllen und befriedigen. Handwerk stiftet Sinn, hält das Denken in Bewegung und macht es dadurch frei und urteilsfähig.

Das bestätigt auch der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch "Handwerk", in dem er die zivilisations- und kulturbildende Kraft der Arbeit beschreibt. Der Stolz auf die eigene Arbeit hat für ihn auch eine soziale und politische Dimension.

Viele junge Menschen wollen heute Handwerker ihres Berufs und ihrer Berufung sein, wie das Interview mit Tim Polifke, Masterstylist bei „Intercoiffure Haare Olaf Krebs", zeigt.

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Tim Polifke (Copyright: Intercoiffure Haare Olaf Krebs)

Nach seinem mittleren Bildungsabschluss im Jahr 2009 entschied er sich, ein freiwilliges Berufsjahr im Bürowesen zu absolvieren. Während dieser Zeit reifte sein Entschluss, dass er etwas Kreatives mit und am Menschen machen möchte. Deshalb begann er im August 2010 eine Ausbildung als Friseur:

Seine Karriere begann mit fünf Wochen Meininghaus in Forchheim, eine der erfolgreichsten Friseurschulen in Deutschland. Während seiner dreijährigen Ausbildung nahm er an zahlreichen Weiterbildungen und Workshops teil, darunter das Redken Symposium in Las Vegas.

Im Juli 2013 beendete er seine Ausbildung als Friseur mit Auszeichnung und dem Staatspreis. In den Folgejahren bildete er sich ständig weiter und stand mit den Intercoiffuren auf der Bühne, nahm an Workshops und verschiedenen Wettbewerben teil, unter anderen an der „Bayrischen Meisterschaft der Friseure".

Im Januar 2017 begann er mit dem Meisterkurs in Meininghaus Forchheim, der über drei Monate dauerte. Im Mai 2017 beendete er die Meisterschule mit Auszeichnung.

Herr Polifke, welche Wege eröffnet die Meisterqualifikation im Friseurhandwerk?

Wichtig ist, dass kommuniziert wird, dass er weitere, unterschiedliche Wege im Berufsleben eröffnet. Der Meister wird heute mit dem Bachelor gleichgestellt. Damit ist die Möglichkeit gegeben, nach dem Meister unter anderem zu studieren und Berufsschullehrer in dem jeweiligen Handwerk zu werden. Würde man mehr und positiver über den Meister und deren Fähigkeiten berichten, wäre das Interesse größer. Zudem wird man durch das Meister BaFög unterstützt und erhält bei bestandener Prüfung zusätzlich 1000 €.

Wo gibt es Ihrer Meinung nach noch Handlungsbedarf?

Den größten Handlungsbedarf gibt es meiner Ansicht nach bei den Auszubildenden: Mehr Azubis bedeutet in der Zukunft auch mehr Meister. Dazu müsste der schlechte Ruf des Friseurs verschwinden und mehr über die positiven Seiten des Friseurberufes berichtet werden, damit das Interesse wieder steigt, diesen Beruf zu erlernen.

Was muss ein Meister heute können?

Dazu gehören bestimmte Kernkompetenzen, die wichtig sind, um selbstständig ein Unternehmen aufzubauen. Unter anderem ist der gesamte kaufmännische Bereich in Zukunft wichtig. Man muss wissen, wie Businesspläne erstellt werden und wie Buchhaltung, Marketing und Personalführung richtig funktionieren. Der Meisterabschluss ist allerdings keine Garantie für eine gesicherte Selbstständigkeit. Man sollte immer die eigenen Zahlen im Hinterkopf behalten und mit einem Unternehmensberater zusammen arbeiten. Auch einen Steuerberater sollte man sich dazu holen, der diesbezüglich noch mehr Know-how und Erfahrung im kaufmännischen Bereich hat. Auch im fachlichen Bereich wird man zusätzlich gefördert, man lernt neue Bereiche kennen und ist in der Lage, Lehrlinge selbst auszubilden.

Was braucht es, um Ihren Beruf gut auszuführen?

Nicht nur eine Portion an Talent gehört dazu, sondern auch viel Übung. Der Friseurberuf beinhaltet viele Komplexe Bereiche sowohl im Praktischen als auch im Theoriebereich. Während im praktischen Bereich jede Schnitt, Föhn, Eindreh- oder Farbtechnik trainiert und ständig wiederholt werden sollte, um Routine zu bekommen, hat man im theoretischen viel mit Chemie und Kundenmanagement zu tun. Es braucht viel theoretisches Wissen dazu, um das Ganze in die Praxis umzusetzen.

Beispielsweise entwickelt sich das Verständnis für einen klassischen Haarschnitt erst bei mehrmaliger Ausführung. Auch entwickeln wir uns ständig weiter, die Trends erneuern sich ständig und müssen immer wieder aufgefrischt werden.

Was tun Sie für eine nachhaltige „Meisterschaft"?

Unter anderen nehme ich ständig an Weiterbildungen und Seminaren teil. Zahlreiche sind von Intercoiffure, der weltweiten Elitevereinigung der Friseure. Hier lerne ich die meisten Trendtechniken in Schnitt, Farbe und Styling, die ich dann im Salon am Kunden umsetzen kann.

Durch Redken ist es mir ermöglicht worden, zweimal nach Las Vegas zu fliegen, um an Workshops teilnehmen zu können und einer der ersten zu sein, der diese Trends hier neu anwendet. Dieses Wissen gebe ich auch an meine Kollegen weiter.

Was bedeutet Ihnen Ihr Meistertitel?

Er bedeutet mir vor allem, wieder einen Schritt weiter zu sein, mehr gelernt und weitere Perspektiven für meine Zukunft zu haben. Zurzeit arbeite ich mit viel Engagement im Salon „Intercoiffure Haare Olaf Krebs", bei dem ich im Jahr 2010 meine Ausbildung gestartet habe. Mir war früh klar, dass ich eines Tages einen genau so großen Salon eröffnen will. Dazu habe ich jetzt die Basis geschaffen - mit dem Meistertitel. Dadurch habe ich die Chance, mich selbstständig zu machen und Lehrlinge auszubilden.

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Momentan unterstütze ich die Lehrlinge im Salon, in dem ich ihnen viel Neues zeige und sie bei ihrem Werdegang unterstütze. Dies macht mir viel Spaß. Auch das Wissen im kaufmännischen Bereich, das mir am Anfang völlig fremd war, konnte ich durch den Meister erlangen.

Was ist für Sie das Faszinierendste an Ihrem Beruf?

Am schönsten ist es für mich, direkt am Kunden zu sein. Der direkte Kontakt war ausschlaggebend, mich damals gegen einen Beruf im Büro zu entscheiden. Aktiv am Kunden zu arbeiten, kreativ zu sein, sich austoben zu können, Kunden glücklich zu machen mit dem, was man tut - das ist für mich erfüllend. Friseur, Stylist ist ein Beruf, bei dem einen nicht langweilig wird, man geht mit der Zeit. Da sich Trends ständig erneuern, erfindet man sich selbst auch immer wieder neu.

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: TUN! Warum wir Könner brauchen, um die Zukunft meisterlich zu gestalten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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