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Guter Fang, gutes Leben! Was wir vom klugen Fischer lernen können

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HARBOUR LONELY
Photographer via Getty Images
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In einer Hafenstadt liegt ein Fischer in seinem Boot und schläft. Ein geschäftiger Tourist steht plötzlich vor ihm an der Hafenkante und fotografiert die idyllische Szene. So beginnt Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral", die 1963 erschien und noch immer hochaktuell ist.

„Sie werden heute einen guten Fang machen", sagt der „urlaubende" Unternehmer, der den Fischer aufweckt und über scheinbar unbegrenzte, wirtschaftliche Wachstumsmöglichkeiten spricht, die der Fischer hätte, wenn er heute noch ein weiteres Mal ausfahren würde. Schließlich kann er damit seinen Fang verdoppeln oder sogar verdreifachen.

Der Fischer nickt, versteht allerdings nicht den Sinn dahinter. Darauf der Unternehmer: „Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden sie natürlich viel mehr fangen."

Der Fischer könne ein Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber fliegen, die Fischschwärme ausmachen „und ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben".

Den Fischer lässt das alles unbeeindruckt - und er fragt: „Was dann?" - „Dann", sagt der Urlauber begeistert, „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken." - „Aber genau das tue er doch längst, antwortet der Fischer völlig unbeeindruckt und fügt hinzu: „nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört."

Er ist die Ruhe selbst und entnimmt der Natur nur das, was er zum Leben benötigt und was auch wieder neu entsteht. Nach getaner Arbeit legt er sich zufrieden in sein kleines Boot und döst in der Sonne.

Das erinnert auch an den antiken Philosophen Diogenes, von dem berichtet wird, dass er in einer Tonne lebte: An einem sonnigen Tag kam Alexander der Große vorbei und fragte, welchen Wunsch er ihm erfüllen könne.

„Geh mir aus der Sonne!", sagte der Philosoph, der für sein Glück keine Reichtümer, sondern nur das Licht des Augenblicks brauchte. Nichts zu tun und nur zu sein hatte für ihn nicht mit Zeitverschwendung zu tun, sondern mit Lebensgewinn.

Diese Einstellung ist vielen Menschen heute fremd - sie müssen immer etwas tun. Sonst scheint ihnen die Zeit ungenutzt und vergeudet. Doch die Beispiele zeigen: Das Glück gehört allen, die sich selbst genügen (Arthur Schopenhauer). Der wahre Lebensgenuss liegt für sie nicht in der Ferne, sondern in der Nähe, nicht im Abschalten und Herunterfahren, sondern im Loslassen.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Das, was viele Menschen davon abhält, es zu erkennen, ist häufig die Jagd nach Anerkennung, mehr Umsatz, mehr Gewinn, mehr Erfolg. Dabei wachsen auch Angst, Aggressivität, Ungleichheit, Unlust an der Politik, Schulden und die Umweltbelastungen. All das hat seinen Preis. Unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt kann es auch mit den besten Technologien nicht geben.

Mit Blick auf die kommenden Jahre hängt alles davon ab, ob uns eine Entkoppelung von Wachstum und Naturverbrauch gelingt. Nicht ob, sondern wie die Wirtschaft wächst, ist die entscheidende Frage einer Green Economy 2.0, die Gerechtigkeitsfragen, nachhaltiges Wirtschaften und inneres menschliches Wachstum miteinander verbindet.

Die Sehnsucht nach mehr Gemeinsinn, nach Halt, nach Heimat, nach einem maßvollen Leben, einer Gesellschaft im Gleichgewicht, nach Natur, nach Sinn, nach Solidarität und nach Verantwortung ist mit einem Universum von Möglichkeiten verbunden.

Quellen:

Heinrich Böll und Émilie Bravo: Der kluge Fischer. Bilderbuch. Carl Hanser Verlag. München 2014.

Alexandra Hildebrandt: Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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