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Gute Geschäfte vom Kleinsten: Was Könner (er)schaffen

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„Gesundmacher" einer digitalen Gesellschaft

Vor zwei Jahren erschien in diesem HuffBlog der Beitrag „Warum wir den Trost von Telefonzellen brauchen", der sich auch mit den ikonischen, britischen Telefonhäuschen, die zwischen 48 und 96 Jahren alt sind, beschäftigte.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Damals lag der Fokus auf ihrer Umnutzung als Straßenbibliotheken. Und heute? Die markanten roten Telefonzellen, deren ursprünglicher Zweck seit Jahren von Mobilgeräten ausgeführt wird, sind längst nicht abgestorben, sondern geben dem Organismus unserer Gesellschaft neues Leben:

Jene Geräte, die sie einst verdrängt haben, werden jetzt dorthin getragen, um wieder „gesund" zu werden.

Dass die britischen Telefonhäuschen buchstäblich therapeutische Wirkung haben, zeigt das Beispiel Lovefon: Der Dienstleister hat damit begonnen, einige der Telefonzellen zu Reparaturshops für Smartphones umzubauen.

Es sind die „kleinsten Repair-Shops der Welt", die eine Fläche von etwa 0,8 Quadratmetern besitzen.

Lovefone-CEO Rob Kerr spricht sogar davon, dass es für das Unternehmen von Beginn an feststand, die Telefonzellen zu nutzen, da Lovefone Reparaturen auf kleinstem Raum durchführen kann.

Das passt auch zur speziellen Fähigkeit, „winzige Komponenten und Geräte reparieren zu können!"

Der erste Mini-Servicestand steht in Greenwich High Road, in den nächsten Monaten sollen im Londoner Stadtgebiet weitere Reparaturstationen folgen.

Die Reparaturbox für Handys ist mit einer Arbeitsfläche sowie verschiedenen Werkzeugen ausgestattet. Äußerlich ist alles unverändert, „eine winzige Werkbank im Inneren und ein paar Stauraum-Module reichen für den Einmannservice aus, bei dem vorrangig gesplitterte iPhone-Scheiben, defekte Kameras und Akkus getauscht werden" (SZ, 27.8.2016)

Das Thema hat zugleich eine enorme Symbolik, denn es zeigt, welche Kraft und welche Möglichkeiten im Kleinen stecken.

Wer das Kleine nicht schätzt und nicht zu nutzen versteht, wird niemals ein großer Meister.

„Jene sehen, die übersehen werden"

Parallel zur aktuellen Presseinformation von Lovefone erschien gerade ein Büchlein, das auf den ersten Blick nichts mit den roten Telefonzellen zu tun hat. Doch wer sich dem Kleinen öffnet und auch das Detail liebt, sieht mehr:

Der CSR-Experte Wolfgang Keck hat ein Buch geschrieben, das ein wahres Kleinod ist, weil es ein sperriges Thema auf seine kleinsten Einheiten herunterbricht und in sieben Geschichten zeigt, dass Corporate Social Responsibility nicht nur etwas für Großunternehmen ist, die das Thema häufig als Imageverbesserung und Marketingmaßnahme benutzen, sondern auch für Einzelpersonen und Klein(st)unternehmen, die auch ohne Zertifizierungen und Normen nachhaltig wirtschaften - aus Überzeugung und Leidenschaft: „ 7 Tage CSR vom Kleinsten. Nachhaltig/r Geschäfte machen".

Es ist im ersten Teil ein Tagebuch und im zweiten ein Mitmachbuch, in dem jeder Leser seine eigene kleine Erfolgsgeschichte schreiben kann.

Eine Geschichte widmet sich beispielsweise der Frage, was in unserer Gesellschaft mit Menschen ohne Krankenversicherung passiert: In Ulm folgt ein Arzt seinem Eid des Heilens - trotz etlicher Hürden geht er diesen schweren Weg.

In Köln setzt der Unternehmer von „reditum - Möbel mit Vorleben" scheinbar unbrauchbare Dinge zu neuen Wohnelementen zusammen und wird dabei von Helfern aus sozialen Werkstätten unterstützt.

Nachhaltigkeit ist für ihn etwas zum Selbermachen: haltbar, belastbar und kreativ kombinierbar.

Es geht um Kompetenz, Können und Anschlussfähigkeit wie beim roten Telefonhäuschen. Eine nachhaltige Umnutzung des Alten, scheinbar nicht mehr Brauchbaren findet sich auch in der Geschichte über das „Unternehmenskontor" in Scheeßel, wo Gründern und Selbstständige bedarfsgerecht in allen betrieblichen Phasen begleitet werden.

Das historische Bahnhofsgebäude hat auch räumliche Möglichkeiten für weitere Ansiedlungen von Unternehmen. Zweimal wöchentlich findet in Zusammenarbeit mit einem Sozialverein am ehemaligen Schalter für Zugfahrkarten eine Lebensmittelausgabe an bedürftige Einheimische statt.

Werte sind hier alles: „Wir wollen Talente zum Strahlen bringen", beschreibt das Unternehmerduo, Carin und Peter Vollmer, seine Kerntätigkeit.

„7 Tage CSR vom Kleinsten" ist ein Buch über Könner und Lebenskünstler, die nicht aufhören zu üben, um die Probleme der Gegenwart meisterhaft zu bewältigen und die Welt zum Besseren zu verändern.

Die Bedeutung des Handwerks und der Manufakturen nimmt dabei breiten Raum ein - beispielsweise findet sich im Buch auch die Geschichte über einen Goldschmied, der mit fairem Gold arbeitet.

Letztlich sind alle hier vorgestellten Unternehmer Handwerker ihres eigenen Lebens, in dem Beruf und Berufung miteinander verschmelzen. Das ist (be)greifbare Corporate Social Responsibility, die im Kleinen beginnt.

Fritz Lietsch, Gründer des ALTOP-Verlags, Herausgeber der ECO-World und Chefredakteur der forum Nachhaltig Wirtschaften, bemerkt in seinem Vorwort, dass es nicht auf die Größe des Unternehmens ankommt, sondern auf das eigene Verantwortungsbewusstsein, die eigene Überzeugung und Umsetzung.

Das ist auch die Voraussetzung für einen Satz wie Angela Merkels „Wir schaffen das", der auch in einem solchen Kontext interpretiert werden sollte.

Prof. Günther Bachmann, Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrates der Bundesregierung, der mit Wolfgang Keck und Julia Brunner, die das Cover des Buches gestaltete, zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört, hat ein bewegendes Nachwort geschrieben, das zugleich den Kreis zum eingangs erwähnten roten Telefonhäuschen schließt, denn es steht auch für Individualität, Rückzug, Kultur, Tradition und Begrenzung im grenzenlosen Digitalisierungszeitalter, in dem es kaum mehr echte Gesprächsräume gibt:

„Der Einzelne zählt mehr denn je. Heute erhält das Handeln des Einzelnen einen neuartig-anderen Kontext." Das Unkonventionelle sei deshalb so wichtig, weil es Veränderungen und Übergänge schafft.

Kleinstunternehmen sind nach Bachmann wie Autorenfilme, die eine klare Handschrift haben und häufig mit einer nicht gerade üppigen Finanzgrundlage verbunden sind: „Oft totgesagt und nie wegzukriegen." Warum? Weil die Wirklichkeit immer wieder Neues, Individuelles und Authentisches hervorbringt.

Hoffnung im Kleinen.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Weitere Informationen:

Ganz bei sich selbst. Warum Ein-Personen-Unternehmen Großes leisten

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