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Gut leben digital: Interview mit Dr. Stefan Bergheim

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Dr. Stefan Bergheim ist seit 2009 Direktor der gemeinn├╝tzigen Denkfabrik ÔÇ×Zentrum f├╝r gesellschaftlichen Fortschritt" in Frankfurt am Main. Dort erarbeitet er mit einem gro├čen Netzwerk engagierter Mitstreiter neue Wege und Methoden, mit denen die Lebensqualit├Ąt der Menschen dauerhaft verbessert werden kann.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Indikatorensysteme f├╝r Lebensqualit├Ąt sowohl in der Bev├Âlkerung als auch bei politischen Entscheidern so verankert werden k├Ânnen, dass sie eine positive gesellschaftliche Wirkung entfalten k├Ânnen. Dazu schl├Ągt er einen Prozess aus vier Kernelementen vor, den er im ÔÇ×Handbuch Lebensqualit├Ątsprozesse" beschrieben hat: Dialog, Visionen, Messung und Handeln. Im Prozess ÔÇ×Sch├Âne Aussichten - Forum f├╝r Frankfurt" hat er diese Elemente in der Praxis erfolgreich eingesetzt. Mit Studien wie ÔÇ×Besser leben in Deutschland" und ÔÇ×Die gl├╝ckliche Variante des Kapitalismus" begleitet er diese Themen wissenschaftlich.

2011/12 war Dr. Bergheim als Leiter der Arbeitsgruppe ÔÇ×Wohlstand, Lebens-qualit├Ąt und Fortschritt" einer von 18 Kern-Experten im Dialog der Bundes-kanzlerin ├╝ber Deutschlands Zukunft. Einige Vorschl├Ąge aus seiner Arbeitsgruppe gingen in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung 2013 ein. Die Regierungsstrategie ÔÇ×Gut leben in Deutschland" begleitete er 2015/16 als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats. Zudem ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule St. Gallen.

Von 1995 bis 2008 hat Dr. Bergheim als Volkswirt f├╝r f├╝hrende Banken in Frankfurt gearbeitet. Von der Konjunkturanalyse f├╝hrte sein Weg ├╝ber Langfristthemen wie Demografie, Bildung und Wachstum hin zu Lebensqualit├Ąt und gesellschaftlichem Fortschritt. Im Jahr 2006 wurde dazu seine erste Studie ÔÇ×BIP allein macht nicht gl├╝cklich" ver├Âffentlicht, im Jahr darauf ÔÇ×Die gl├╝ckliche Variante des Kapitalismus".

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Foto und Copyright: Dr. Stefan Bergheim

Herr Dr. Bergheim, was war f├╝r Sie der Anlass, sich tiefergehend mit dem Thema Digitalisierung zu befassen?

Die Digitalisierung hat schon heute erheblichen Einfluss auf die Lebensqualit├Ąt der Menschen, auf die Demokratie und auf die Zukunftsf├Ąhigkeit unserer Gesellschaften. Sie wirft neue und alte Fragen ├╝ber Selbst- und Mitbestimmung, Teilhabe und Sicherheit auf.

Ausgangsbasis des Digitalisierungsdiskurses sind technologische Neuerungen wie k├╝nstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, Machine Learning, Big Data etc. Diese Innovationen beeinflussen alle Themenfelder, die im Lebensqualit├Ątsdiskurs immer wieder betrachtet werden: Wirtschaftsprozesse, Arbeitsstrukturen, Bildung, Wohnen, Freizeitverhalten, Mobilit├Ąt, Gesundheit, Sicherheit, Politik & Verwaltung, Umwelt und Zusammenleben.

Bisher verlaufen die beiden Diskurse jedoch weitgehend getrennt voneinander: Die Digitalisierung wird oft ohne die Einblicke zur Lebensqualit├Ąt diskutiert. Gleichzeitig kommt die Digitalisierung im Lebensqualit├Ątsdiskurs bisher nur am Rande vor. Eine Verzahnung der beiden Bereiche in einem offenen Dialogprozess w├Ąre daher sinnvoll. So k├Ânnte die Grundlage f├╝r robuste Zukunftsentscheidungen in Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und f├╝r jeden einzelnen Menschen verbessert werden. Ein solcher Dialog wird von vielen Vordenkern der Digitalisierung gefordert und ben├Âtigt eine kompetente und neutrale Koordinationsstelle. Als eine solche bieten wir uns mit der gemeinn├╝tzigen Denkfabrik ÔÇ×Zentrum f├╝r gesellschaftlichen Fortschritt e.V." an.

Was tun Sie konkret?

Die Leitfrage des zweij├Ąhrigen Dialogprozesses ÔÇ×Gut leben digital", kurz #gutlebendigital, lautet: Wie k├Ânnen wir die Digitalisierung so gestalten, dass sie sich m├Âglichst positiv auf unsere Lebensqualit├Ąt auswirkt? Um sie zu beantworten, werden Methoden wie Wertsch├Ątzende Befragung, Future Search oder Futures Literacy Labs sowohl online als auch offline eingesetzt. Im Dialog wird die kollektive Intelligenz sowohl von Fachleuten zu Digitalisierung und Lebensqualit├Ąt als auch von B├╝rgerinnen und B├╝rgern sichtbar gemacht und miteinander verwoben. So werden die Ergebnisse auf eine belastbare Basis gestellt und neue Verbindungen k├Ânnen entstehen. Momentan k├Ânnen alle Interessenten auf der Internetseite an unserer Umfrage teilnehmen. Zudem f├╝hren wir gemeinsam mit Partnern Veranstaltungen in ganz Deutschland durch. Alle Antworten flie├čen zusammen mit den Erkenntnissen aus den Experteninterviews in die weiteren Schritte von #gutlebendigital ein. F├╝r das Fr├╝hjahr 2018 ist eine Zukunftskonferenz geplant.

Als Strukturierungshilfe f├╝r die Auswertung der Befragungen dienen die Themenfelder aus der Regierungsstrategie ÔÇ×Gut leben in Deutschland" https://www.gut-leben-in-deutschland.de/static/LB/index.html, die die Lebensqualit├Ąt aus der Sicht der B├╝rger beschreiben. Neue, tiefergehende Fragen werden dann aus technischer, ethischer, juristischer, politischer, medizinischer, soziologischer und ├Âkonomischer Sicht betrachtet.

Was wollen Sie mit dem Prozess bewirken?

Ziel von #gutlebendigital ist es, die Informationsbasis zum Zusammenspiel zwischen Lebensqualit├Ąt und Digitalisierung indem Handelnde, Meinungsbildner und Entscheider f├╝r das Thema sensibilisiert und miteinander vernetzt werden. Durch Studien und die begleitende Kommunikation zum Beispiel im Blog zum Prozess wird die ├Âffentliche Diskussion ├╝ber diese Themen aufgenommen und durch den Dialogprozess ver├Ąndert.

Am Ende des Prozesses steht eine strukturierte ├ťbersicht mit Handlungsempfehlungen und Orientierungshilfen f├╝r konkrete Projekte und langfristige individuelle und gesellschaftliche Entscheidungen. Neue Indikatoren f├╝r Lebensqualit├Ąt im digitalen Raum werden identifiziert.

Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

Weiterf├╝hrende Informationen:

Ina Schmidt: Was ist ein gutes Leben in einer digitalen Welt? In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung f├╝r Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landh├Ąu├čer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017, S. 1157-1171.