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Greifen und reifen: Warum Berührungen im Zeitalter der Digitalisierung überlebenswichtig sind

21/11/2017 15:14 CET | Aktualisiert 21/11/2017 15:14 CET
alvarez via Getty Images

"In welcher Welt leben wir, dass wir Menschen nur noch digital anstupsen, um Aufmerksamkeit zu erregen, anstatt jemanden real zu umarmen, um Wertschätzung zu verschenken?!" (Steffen Kirchner, Jg. 1981)

Im Digitalisierungszeitalter ist das Potenzial der menschlichen Hand immer mehr reduziert worden. Es scheint, als seien Zeigefinger oder digitaler Stift das Ende unseres Vermögens zum gestaltenden Zugriff auf die Welt geworden.

Dabei ist die überlebenswichtige Bedeutung des Tastsinns, den wir ab der achten Schwangerschaftswoche entwickeln, allgemein bekannt. Auch das Gehirn kann ohne Körperreize nicht wachsen und reifen. Wird die Handfläche eines Säuglings berührt, schließt sich die Hand reflexhaft. Ähnlich reagiert der Fuß auf eine Berührung der Fußsohle.

Wissenschaftler vermuten, dass diese Reflexleistung ein evolutionäres Erbe ist. Dieser „Rest" gestattete es dem Säugling in früheren Epochen unserer Spezies, sich am Fell der Mutter festzuhalten. Für Martin Grunwald, Pionier der Hapikforschung, ist der Tastsinn eine Art biologische Ursprache, die uns ein Leben lang begleitet. Das schlägt sich auch in unserer Sprache nieder: Situationen „berühren" uns, etwas geht uns „unter die Haut".

Die Wirkungen kurzer Körperberührungen auf den menschlichen Organismus wurden auch im klinischen Kontext untersucht: Danach zeigen Patienten eine schnellere Genesungsrate, wenn sie Ärzte und Pflegekräfte im Vorfeld einer Operation wertschätzend an Kopf, Schulter oder Arm berührten.

Diese Entspannungseffekte haben wiederum positive Auswirkungen auf Schlafstörungen oder depressive Symptome. Auch bewerten Patienten Ärzte, die ihre sprachliche Kommunikation mit dem Patienten mit elementaren Körperberührungen wie Handschlag oder aufmunternden Gesten verknüpfen, als kompetenter und freundlicher.

Grunwald wies nach, dass sich Berührungseffekte sogar in barer Münze niederschlagen. Dies wurde u.a. in einer Restaurantstudie festgestellt: Die Servicekräfte wurden gebeten, in dem Moment, in dem sie die Rechnung überreichten, die eine Hälfte der Restaurantbesucher leicht an der Schulter oder der Hand zu berühren, die andere Hälfte ohne dergleichen abzukassieren. Die Analyse der Trinkgeldhöhe ergab, dass diejenigen Gäste, die kurz berührt worden waren, deutlich mehr Trinkgeld gaben.

Mit fortschreitender Digitalisierung wird zwar in vielen Bereichen das Potenzial der Hand reduziert und ignoriert (Smartphone, Touchscreen) - es gibt aber auch eine Parallelentwicklung, die immer wichtiger wird: das Handwerk.

Lou Doillon, die Tochter Jane Birkin, zeichnet mit Vorliebe ihre eigenen Hände, weil sie ehrlich sind und der einzige Teil des Körpers, an dem das Alter nicht durch Schönheitschirurgie versteckt werden kann. Auch sie liebt wahre Handwerkskunst, ja sieht in ihr sogar eine Investition fürs Leben und plädiert im Interview mit dem séducation magazin (11/2017) für mehr Bewusstsein gegenüber dem eigenen Konsumverhalten.

Vielen gemeinsam ist auch die Vorliebe für ihr Moleskine-Notizbuch. Für den internationalen Marketingexperte Tim Leberecht sind sie ein demokratisches Vehikel der Selbstdarstellung und zugleich handgefertigte Objekte, die als konkrete, schlichte Gefäße unseres komplexen Lebens dienen - aber auch ein narrativer Kompass sind: „voller Kontext (in jedem Buch steckt ein Zettel, der Moleskines Geschichte in Erinnerung ruft) und doch völlig offen für etwas Neues." Die Soziologin Maria Sebregondi nennt sie sogar „analoge Cloud" - eine offene Plattform für miteinander geteilte Nähe und Imagination.

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„Interessanterweise berichten viele analoge Schreiber, dass sich handschriftliche Notizen in geliebten Notizbüchern wertiger anfühlen (!) als andere Notizen. Der optische und physische Rahmen eines Buches verleiht den eigenen Gedanken scheinbar mehr Gewicht", schreibt Christian Mähler in seinem Beitrag „Stift und Papier - analoge Multitalente", der gerade im Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" erschienen ist.

Von ist er Beruf Informatiker und arbeitet als Entwicklungsleiter in einer Softwarefirma. Er gestaltet so direkt die Digitalisierung des Lebens mit und bloggt gleichzeitig privat seit 2009 über die analoge Welt. Sein Notizbuchblog ist zu einem der wichtigsten Blogs über Notizbücher geworden. Hier ist die digitale und analoge Welt auf nachhaltige und schönste Weise verbunden -weil sie berührt.

Weiterführende Informationen:

Martin Grunwald: Homo Hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2017.

Christian Mähler: Stift und Papier - analoge Multitalente. Und: Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung. Beide in: Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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