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Green Events: Warum wir auch hier ein gutes Klima brauchen

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Interview mit Dr. Sascha Lafeld, Geschäftsführer des Klimaschutz- und Nachhaltigkeitsdienstleisters First Climate

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Foto: Dr. Sascha Lafeld (Copyright: First Climate AG)

_ Herr Dr. Lafeld, ist Nachhaltigkeit heute ein Erfolgsfaktor für Unternehmen?

Immer mehr Kunden verlangen heute beispielsweise nach umweltgerecht hergestellten Produkten, immer mehr Anleger investieren bevorzugt in Unternehmen, die sich klimaorientiert und damit zukunftsfähig aufstellen, und für immer mehr Mitarbeiter spielt das Umweltengagement eines Unternehmens bei der Auswahl potenzieller Arbeitgeber eine wichtige Rolle.

Wer sich für den Umwelt- und Ressourcenschutz sowie für soziale Gerechtigkeit in der Welt einsetzt, beweist deshalb nicht nur Verantwortung, sondern auch Geschäftssinn.

_ Wie sieht das konkret aus?

Die Aufgabenstellungen unterscheiden sich in der Praxis natürlich stark und orientieren sich an der individuellen Situation und den Zielen der jeweiligen Organisation. Grundsätzlich verläuft der Weg zu mehr Nachhaltigkeit aber immer in drei Stufen:

Zunächst einmal geht es darum, die eigenen Umweltauswirkungen möglichst genau zu erfassen. Wie viel Ressourcen werden eigentlich verbraucht? Wie viel CO2 gelangt durch die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens in die Atmosphäre? Und was sind die Prozesse, die dafür verantwortlich sind?

Im zweiten Schritt geht es darum, das Optimierungspotenzial auszuschöpfen. Also Maßnahmen zu entwickeln, um weniger Energie und weniger Wasser zu verbrauchen oder weniger CO2-Emissionen zu verursachen.

Trotz aller Effizienzmaßnahmen werden sich der Wasser- oder Energieverbrauch sowie die CO2-Bilanz eines Unternehmens aber nur in den seltensten Fällen auf null zurückfahren lassen.

Im dritten Schritt geht es deshalb schließlich um die Frage des richtigen Umgangs mit dem verbleibenden Rest, also dem unvermeidbaren Ressourcenverbrauch und den unvermeidbaren Emissionen.

Eine Möglichkeit ist die Umsetzung oder Unterstützung geeigneter Klimaschutz- oder Wasserprojekte. In vielen Fällen lässt sich der Umwelt-Fußabdruck auf diese Weise komplett ausgleichen.

_ Wann sind Sie persönlich auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam geworden?

Die Frage „Wie geht Good Business?" hat mich schon während meiner Studienzeit beschäftigt. Ich wollte herausfinden, wie Unternehmen jenseits von kurzfristigen Profiten langfristig und nachhaltig erfolgreich sein können. Umweltschutz und Wirtschaftlichkeitsprinzipien zum gegenseitigen Nutzen zu vereinen, das ist die Vision, die mich begeistert und für die ich mich bis heute engagiere.

_ ... und das seit Neuestem ja auch im Bereich von klimaneutralen Veranstaltungen und sogenannten Green Events?

Ja, zumal man hier nicht unbedingt als erstes daran denkt, dass es auch um freiwilligen Klima- und Umweltschutz geht. Dabei ist es gerade für Veranstaltungsplaner und Eventorganisatoren wirklich lohnenswert, sich mit dem Klima- und Umweltschutz zu beschäftigen:

Jenseits des Imagegewinns durch eine umweltfreundliche Ausrichtung von Veranstaltungen bietet dieser Bereich noch großes Potenzial für mehr Energie- und Ressourceneffizienz und damit die Möglichkeit, nicht nur tatsächlich etwas für den Umweltschutz zu bewegen, sondern auch handfeste Kostenersparnisse bei den Betriebsausgaben zu erzielen.

Hinzu kommt: Engagierte Künstler spielen als Multiplikatoren und Vorbilder eine wichtige Rolle. Wenn sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz stark machen, hilft das sehr, das Thema im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und andere zum Mitmachen zu bewegen.

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Ute Lemper mit dem Berlin Show Orchestra beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis (Foto: Darius Misztal)

_ Was ist zu beachten, wenn man zum Beispiel eine klimaneutrale Konzert-Tournee organisieren möchte?

Wenn man es ernst meint mit dem Konzept der Nachhaltigkeit, dann gilt es, eine ganze Reihe von Aspekten zu beachten: Es beginnt bei der richtigen Planung für die Anreise und Unterkunft der Künstler und aller Mitarbeiter vor Ort. Für das Catering sollten unbedingt biologische und idealerweise auch lokal produzierte Lebensmittel ausgewählt werden.

Dann geht es um die Entwicklung Energieeffizienzkonzepten für die Veranstaltungslocation inklusive der Bühnen- und Beleuchtungstechnik. Und auch die Frage, wie und mit welchen Partnern sich Werbung und Merchandising auf nachhaltige Weise umsetzen lassen, ist wichtig.

_ Inwiefern haben Sie bei First Climate Erfahrung mit der Planung und Ausgestaltung klimafreundlicher Veranstaltungen?

Wir geben seit vielen Jahren beispielsweise bei der Umsetzung klimaneutraler Firmenveranstaltungen wie Messen oder Aktionärsversammlungen Unterstützung. Darüber hinaus haben wir unter anderem auch zur Kompensation der Treibhausgasemissionen bei der Fußballweltmeisterschaft der Herren 2006 und der Frauen 2011 sowie der Olympischen Sommerspiele von London im Sommer 2012 beigetragen sowie mehrere Kirchen- und Hessen-Tage mit Millionen von Besuchern klimaneutral gestellt.

In diesen Bereich ist das Thema Nachhaltigkeit insgesamt schon recht gut etabliert.

_ Weshalb tut man sich in der Event- und Musikbranche diesbezüglich noch etwas schwerer?

Umweltfreundlich organisierte Konzerte sind noch nicht sehr verbreitet, und wir sehen immer wieder, dass es noch Aufklärungsbedarf gibt. Um auch im Bereich nachhaltiger Veranstaltungs- und Tourneeplanung von Anfang an alle erforderlichen Leistungen aus einer Hand anbieten zu können, haben wir uns kompetente Partner gesucht:

Mit den Eventspezialisten der POOL-Group aus Emsdetten sowie dem Hamburger Talent Buyer und Booking Manager Stefan Lohmann haben wir das Kompetenznetzwerk Sustainable Events Solutions gegründet.

Gemeinsam sind wir derzeit dabei, die ersten Touren von international bekannten Künstlern klimaneutral zu stellen. Leider darf ich derzeit noch keine Namen nennen, aber wir werden unsere Kooperation in Kürze bekannt geben und damit sicher Rückenwind für das Thema schaffen.

_ Wo liegen die besonderen Herausforderungen bei der umweltgerechten Gestaltung von Events und Großveranstaltungen?

Sie liegt insbesondere im Bereich der Klimabilanz: Je nach Größe des jeweiligen Events kann die An- und Abreise der Zuschauer für einen Großteil der Gesamtemissionen verantwortlich sein. Wenn aber beispielsweise für ein Rockkonzert in einem Fußballstadion alle Zuschauer mit dem privaten PKW anreisen, dann ist es für den Konzertveranstalter sehr schwierig, die entstehenden Emissionen zu kontrollieren beziehungsweise zu senken. Er hat darauf praktisch keinen Einfluss.

_ Bedeutet das, dass es das klimaverträgliche Konzert also gar nicht gibt?

Doch, durchaus. Die Lösung liegt darin, die Besucher mit einzubeziehen und ihnen die Verantwortung dafür zu übertragen, ihren Veranstaltungsbesuch klimafreundlich zu gestalten. Das geht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern nur, indem man klar kommuniziert, dass jeder Einzelne einen wichtigen Beitrag leisten kann und außerdem eine einfache Möglichkeit anbietet, die anfallenden Emissionen effektiv zu kompensieren.

Dafür hat First Climate das sogenannte Green Ticketing entwickelt, das wir gemeinsam mit Ticketanbietern umsetzen. Dadurch erhalten Ticketkäufer bereits bei der Bestellung ihrer Eintrittskarten die Möglichkeit, ihre Anreise klimaneutral zu stellen und die anfallenden Treibhausgasemissionen auszugleichen.

Dafür stellen wir sicher, dass durch ein internationales Klimaschutzprojekt genau die Menge an Treibhausgasemissionen eingespart wird, die durch die Anfahrt zum Veranstaltungsort entsteht.

Erste Reaktionen zeigen, dass die Möglichkeit von den Ticketkäufern gut angenommen wird.

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Berlin Show Orchestra vorm Auftritt beim Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt (Foto: Ben Pakalski)

_ Wie wird sich das Thema Klima- und Umweltschutz in der Eventbranche aus Ihrer Sicht entwickeln?

Seriöse Prognosen sind bei diesem Thema sehr schwer zu treffen. Grundsätzlich hat das Thema Klimaschutz seit dem UN-Klimagipfel in Paris Ende des vergangenen Jahres wieder deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen. Das gibt möglicherweise Grund zu verhaltenem Optimismus. Gleichzeitig ist und bleibt das Thema Klimaschutz ein Thema der kleinen Schritte.

Gleichwohl gibt es sehr interessante Beispiele, wie mehr Nachhaltigkeit in der Eventbranche gelingen kann.

Bei der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit im vergangenen Jahr in Frankfurt bin ich beispielsweise erstmals auf das Berlin Show Orchestra aufmerksam geworden.

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Berlin Show Orchestra beim Leipziger Opernball (Foto: Benjamin Frik)

Seit Anfang des Jahres unterstützen wir das Orchester als offizieller Partner. Das Konzept lässt sich sicher nicht auf die breite Masse der Showacts und Künstler übertragen, aber es zeigt, dass sich mit guten Ideen vieles bewegen lässt.

Zur Person:

Dr. Sascha Lafeld Sascha Lafeld ist CEO der First Climate Markets AG aus Bad Vilbel bei Frankfurt am Main. Gemeinsam mit seinem Team bietet er Expertenwissen und Projektlösungen für Unternehmen, die sich für den Klima- und Ressourcenschutz einsetzen möchten und unterstützt sie dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. First Climate gehört zu den weltweit führenden Anbietern in den Bereichen Klimaneutralität, Grüne Energie und Wassermanagement.

Vor der Gründung von First Climate leitete Sascha Lafeld unter anderem die Klimastrategieentwicklung bei einer großen deutschen Bank und arbeitete im Bereich internationale Umweltpolitik für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Paris, für das er noch heute als Berater tätig ist.

Von 2011 bis 2012 war Sascha Lafeld Co-Vorsitzender der Carbon Reduction and Offset Alliance (ICROA). Als Mitglied der Steering Group der European Innovation Partnership on Water wirkt Sascha Lafeld unter anderem an der Beratung der EU-Kommission in Wasserfragen mit. Darüber hinaus ist er auch Mitglied des Water Technical Advisory Committee (WTAC) der Gold Standard Foundation.
Sascha Lafeld studierte Umweltökonomie und Umweltpolitik in Münster, London und Tokio und promovierte mit einer Arbeit zum Emissionsrechtehandel in der Europäischen Union.

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