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Glaube, Gott und das schrecklich schöne Leben: Was für uns unaussprechbar ist

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KONSTANTIN WECKER
Hannes Magerstaedt via Getty Images
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Der Liedermacher Konstantin Wecker sprach anlässlich seines 70. Geburtstages am 1. Juni in vielen Interviews über die Schwerkraft der Liebe und die Notwendigkeit einer Revolution der Zärtlichkeit, die uns alle und dieses Universum zusammenhält. Damit sind zugleich innere Zustände beschrieben, die nur die Poesie in Worte zu fassen vermag. In deutscher Sprache gelang dies nach Ansicht von Wecker wohl am besten dem Dichter Rainer Maria Rilke.

Vom 11. bis 17. Juni 2017 fand die ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?" statt. Fernsehen, Radio und Internet präsentierten unterschiedliche Blicke auf die vielen Spielarten des Glaubens. Nicht immer werden Menschen wirklich erreicht, wenn von Glaube und Gott gesprochen wird - doch wenn sie erreicht werden, dann hat das buchstäblich „Gründe": So konnte Konstantin Wecker mit Rilkes Gott selbst in seinen atheistischen Zeiten immer etwas anfangen. Durch ihn erhielt er einen völlig neuen Zugang zu Gott. Er verwendet den Begriff als Symbol, weil er sich bewusst ist, dass sein Verstand niemals in der Lage sein wird, das zu benennen, was eigentlich unaussprechbar ist.

Was aber macht Rilkes Gott aus? Was hat das mit uns zu tun? Das Symbol des Schöpfers geistiger und künstlerischer Werte für die kommende Zeit war für Rilke Michelangelo. Der Meister steht ununterbrochen in Verbindung mit Gott, dem aufbauenden, dem konstruierenden Geist, der sich den Menschen nur durch seine Werke zeigt:

„Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;
so daß schon tausend Mauern um dich stehn.
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,
sooft dich unsre Herzen offen sehn."

Da Gott für das menschliche Auge nicht sichtbar ist, weil es seine Unermesslichkeit, seinen Glanz, nicht ertragen würde, bemühen sich die Menschen seit je, ihn zu konstruieren und zu bauen. Bei Rilke spielt die zentrale Tatsache eine Rolle, dass der Mensch nicht passiv hoffen darf, sondern an Gott und sich selbst arbeiten soll: "Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen", heißt es im "Stunden-Buch". Das meditierende Ich entfernt sich hier von seiner mönchischen Ausgangssituation, indem es die Rollen wechselt. Auch Gott erscheint in immer neuen Figurationen und Zusammenhängen.
Die Suche nach sich selbst und die Suche nach Gott sind bei Rilke nahezu identisch. Gott ist für Rilke, der sich ihm ständig in Unruhe nähert, das einzig Seiende, das niemals vollendet werden kann, da er in seiner Ganzheit doch vollendet ist.

Durch Beten, das für Rilke die gleiche Bedeutung hat wie Erbauen, erhält der Mensch eine Ahnung von Gott, der wiederum an der Vollendung des Menschen baut. Wie in der platonischen Schrift "Timaeus" erscheint Gott in Rilkes Dichtung auch als Werkmeister und Baumeister des Kosmos.

An den Rebstöcken reift für Rilke die Botschaft Gottes. Wer sie kennt, kennt den Grund aller Dinge, das Wesen der Liebe und den Sinn des Lebens.

Davon handeln auch die zärtlichen Lieder von Konstantin Wecker, der bei den besten oft nicht weiß, wer da seine Hände mit im Spiel hatte - sie sind ihm an Weisheit weit voraus und umfassen das „ganze schrecklich schöne Leben".

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Quellen und weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Rainer Maria Rilke: Von einem, der die Steine belauscht: Bausteine einer Biografie. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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