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Good News statt Fake News: Die Bildwelten des US-amerikanischen Fotografen David LaChapelle

18/11/2017 17:45 CET | Aktualisiert 18/11/2017 17:59 CET
maxcam2008 via Getty Images

Meister der Kunst brauchen Abstand zu aktuellen Ereignissen - denn Kunst braucht Dauer und Durchdringung. Manchmal können Jahre vergehen, bis kritische Ereignisse ihren künstlerischen Niederschlag finden. Künstler setzen sich selbst die Regel und biedern sich dem Zeitgeist nicht an. Sie folgen ihren ästhetischen Maßstäben. Auch wenn sie politische und aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen nicht sofort verarbeiten oder nicht formal ausdrücken, sind sie noch lange nicht weltfremd. Im Gegenteil: Gerade weil sie nicht aufs Krisenkarussell aufspringen, haben sie einen klaren Blick vom Boden aus und Distanz - was im Zeitalter der Digitalisierung leider häufig fehlt.

Mit seinen surrealen Bildwelten avancierte der US-amerikanische Fotograf und Regisseur zu einem der bekanntesten Fotokünstler der Gegenwart. Seine Arbeiten, die sich zwischen Pornografie und Porträtkunst bewegen, zeigen unsere immer komplexer werdende Welt, die die wie ein Spielball zwischen Populärkultur und Kunstgeschichte geworfen scheint. Sein vielseitiges Oeuvre ist geprägt vom Surrealismus, Pop-Art und der Postmoderne - verpackt im Glitzer des amerikanischen Konsumverhaltens.

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Seine Arbeit ist von Künstlern wie Salvador Dalí, Cindy Sherman, Jeff Koons und Michelangelo beeinflusst. Diversity ist nicht nur ein wichtiger Aspekt unserer Gesellschaft und heutigen Unternehmenskultur - Vielfalt in all ihren Ausprägungen zeigt sich in besonderer Weise in den Arbeiten von LaChapelle. Unvergessen ist seine berühmte Werbung für Diesel, in der sich zwei Matrosen küssen, die auf der Höhe der „Don't ask, don't tell"-Debatte in den USA erschien und für ihre humorvoll-kritische Position zu Gay Rights und Queer-Politik gelobt wurde.

Von diesem moderne Apostel erschienen gerade die surrealen Bibeln des 21. Jahrhunderts: Die TASCHEN-Bildbände Lost + Found, Part I und Good News, Part II bilden den vierten und fünften Teil seiner fünfbändigen Anthologie, die mit LaChapelle Land (1996) begann und mit Hotel LaChapelle (1999) sowie mit Heaven to Hell (2006) fortgesetzt wurde. Die hier präsentierten Arbeiten wurden noch nie zuvor in Buchform veröffentlicht.

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David LaChapelle. Lost + Found. Part I

Copyright: TASCHEN Verlag (Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages)

In phosphoreszierenden Glanzbildern wird hier unsere Epoche ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt - eine Mischung aus Religion, Apokalypse, Porno, Pop und Bildzitaten alter Meister.

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David LaChapelle. Good News. Part II

Copyright: TASCHEN Verlag

Der zweite Band, Good News, Part II, widmet sich sakralen Motiven und schlägt eine Brücke von frühen Aufnahmen nackter Engel und Liebender aus dem New York der 1980-er Jahre bis zu aktuellen Bildern, auf denen sich LaChapelles Refugium auf Hawaii in einen schillernden Garten Eden und Celebrities in Heilige verwandeln. Außerdem sind Beispiele aus jüngeren Werkgruppen wie Earth Laughs In Flowers oder Awakened zu sehen, die zeigen, wie durch Kreative Good News hervorgebracht werden können - und dass Kunst ein wichtiges Gestaltungsinstrument gegen Fake News und Gleichgültigkeit sein kann.

Zur Person:

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Copyright: Thomas Schweigert

David LaChapelle wurde am 11. März 1963 in Fairfield im Bundesstaat Connecticut geboren. Er fühlte sich schon früh zur Fotografie hingezogen. Schon als Sechsjähriger soll er seine Mutter im Bikini mit einem Glas Martini in der Hand fotografiert haben. Im Alter von 15 Jahren kam er Ende der 1970-er Jahre nach New York, wo sich eine fotografische Avantgarde um Robert Mapplethorpe und Richard Avedon formierte. LaChapelle brach die Schule ab und nahm eine Aushilfsstelle in der legendären Diskothek "Studio 54", New York, an. Neben Keith Haring lernte er hier auch Andy Warhol kennen, der sein Talent entdeckte und ein Förderer von ihm wurde. Noch im selben Jahr verließ er New York wieder, um in North Carolina die Highschool abzuschließen. Drei Jahre später wurde er zurück in New York als freier Fotograf tätig. LaChapelle machte Aufnahmen für Warhols Magazin "Interview", bald folgen Aufträge für Zeitschriften wie den Rolling Stone, die Vogue oder Vanity Fair.

Ab den 1990-er Jahren inszenierte er verstärkt surreale Bildwelten. Die Transsexuelle Amanda LePore wurde seine Muse. David LaChapelle fotografierte u.a. Elizabeth Taylor, Madonna, Leonardo DiCaprio, Muhammad Ali, Mariah Carey, Naomi Campbell, Eminem, Courtney Love, Lil' Kim, Britney Spears, Tom Jones, David Beckham, Whitney Houston, Keith Richards und Fleetwood Mac. Seit den 1990-er Jahren arbeitet er auch als Regisseur von Musikvideos und Werbespots. Unter anderem führte er Regie in den Musikvideos von von Christina Aguilera, Jennifer Lopez, No Doubt, Avril Lavigne, Moby, Elton John und The Dandy Warhols.

Er ist ein Grenzgänger zwischen Kunst, Werbung und Mode. Ausstellungen u.a. im Fotografiska Museet in Stockholm (2012), in der Kestner-Gesellschaft in Hannover (2011), im Tel Aviv Museum of Art (2010), im Musée de la Monnaie de Paris (2009), im Museo di Capodimonte in Neapel (2006) oder im Kunsthaus Wien (2002).

LaChapelle erhielt zahlreiche Auszeichnungen für seine Arbeit, wie den Annual MVPA Award für das "Video des Jahres", MTV Europe Music Award für das "Beste Video", Art Director's Club Award für das "BestesBuch-Design". 2005 erschien sein erster Dokumentarfilm "Rize" über eine urbane Tanzkultur. 2005 wird er unter die "25 Most Influential Living Photographers" (PDN) gewählt. 2006 erhielt er den Vito Russo Award. LaChapelle lebt und arbeitet in New York und Paris.

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