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Götz George: Zum Tod eines Schattensuchers

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GTZ GEORGE
Getty
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"Mit dem Leben gespielt"

„Götz George muss damit leben, dass wir ihn nicht missen wollen. Sein Leben soll ihm gehören, aber sein Spiel uns." Der Autor und Journalist Torsten Körner schreibt diese Zeilen in seinem George-Buch „Mit dem Leben gespielt", das 2008 erschien. Es ist mehr als nur eine Biographie des Schauspielers, weil es auch Götz Georges innere Geschichte erzählt, die mit seiner kindlichen Psyche beginnt:

„Sind es die großen oder kleinen Geschichten, die das Lebensmuster prägen? Ist es der Krieg mit seinem Schrecken, der sich dem Kind unauslöschlich einbrennt oder ist es eher ein hartes Wort, ein kalter Blick oder eine zärtliche Geste von Vater und Mutter?"

Auf dem Titelblatt ist nur eine Hälfte des Gesichts von Götz George zu sehen. Die andere ist verborgen. So lebte er, und so starb er auch.

George war ein Aufrichtiger, der mit Rückgrat durch die Spiele dieser Welt ging, ein Perfektionist, auf den man sich verlassen konnte. Für Torsten Körner war er „Weltklasse", immer pünktlich und zuverlässig. Das zeichnet echte Könner aus: Sie widmen sich ihrer Aufgabe sehr präzise und erwarten diese Ernsthaftigkeit auch von anderen.

Talent, das wusste er, reicht nicht, um ein guter Schauspieler zu sein. Es nur zu „besitzen", heißt, auf ihm sitzen zu bleiben.

Er war ein Handwerker seines Berufs und seiner Berufung. Menschen wie er machen eine Könnensgesellschaft aus, denn sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand und gehen präzise „ans Werk". George zeichnete zugleich eine haptische Sensibilität aus, die ihn auch für andere greifbar machte, wenngleich er nie ganz zu greifen war.

Stets ist er ein handwerklich geschickter Mensch gewesen, der schon als Kind viel bastelte. Als Jugendlicher baute er seine Möbel selbst, und als Erwachsener gestaltete er sein Haus und dessen Inneneinrichtung mit. „Diese lebenslange Hinwendung zu den fassbaren Dingen spürt man, wenn man dem Spiel seiner Hände zusieht", schreibt Körner.

Ebenso ernsthaft und detailgenau arbeitete George an seinen Rollen. Gerade heute brauchen wir diese von ihm gepflegte Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Details, weil sie uns zugleich Halt geben in einer haltlosen Welt.

Götz George machte sich die Dinge schon vor dem Dreh verständlich und fassbar. So übte er beispielsweise das Drehen eines Schlüssels so lange, „bis die Bewegung wie eine beiläufige aussieht", er setzte eine Pistole so geschmeidig zusammen, als sei er seit Jahrzehnten mit ihr vertraut, er baute ein Transistorradio so rasch auseinander, „als ob seine Figuren den Bauplan auswendig gelernt hätten." Achtsamkeit für die Dinge verstand er auch als Kunst.

Der junge George brachte zwar viele Fähigkeiten mit, wusste aber noch nicht, wohin er sie tragen sollte. Er war ein Garten-Kind, ein Villen-Kind vom Wannsee. Das Talent seiner Mutter Berta Drews zur „vitalen Ausschweifung" und ihre bedingungslose Hingabe an den Beruf verbindet sie mit dem Schauspieler Heinrich George, der tiefer als andere in die Keller des Lebens hinabsteigt und den Figuren auf der Bühne „jedes Papier vom Leib" streift (Torsten Körner).

„Lebe, als wenn du vor Tausenden spielst, und spiele, als wenn du einsam lebst" war ein Leitsatz von ihm für den Nachwuchs. Auf den Lorbeeren seiner berühmten Eltern hat sich Götz George allerdings nie ausgeruht. Im Gegenteil: die Lorbeeren taten oft eher weh und beunruhigten ihn.

Er war ständig in Bewegung und auf dem Sprung. Konzentration fiel ihm als junger Mensch schwer - ganz anders als seinem Vater, der immer eine konzentrierte Kraft ausstrahlte.

Als Kind fühlte sich Götz George anderen häufig unterlegen und entdeckte den Sport als Möglichkeit, sein Selbstbewusstsein zu steigern und seine innere Unruhe zu bändigen. Spiel und Sport waren für ihn eine Befestigung gegen die Angst.

Er bewegte sich gern an den Rändern, um das Leben von allen Seiten zu spüren, aber auch, um sich nicht festlegen zu lassen. Wer sich selbst gehört, ist eben oft auch eigensinnig und wählerisch. Wenn alle ins Kollektiv flüchteten, blieb er ein Einzelgänger, der nicht viele Menschen um sich brauchte, sondern die richtigen.

Ein moderner Peter Schlemihl

Er kam sich nie abhandenkam, weil er unbestechlich war und auf Vorschriften pfiff, ja Götz George war ein moderner Peter Schlemihl. Doch wer erinnert sich heute noch daran, dass das sein erster „richtiger" Fernsehfilm war?

1967 drehte er „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" in der Regie von Peter Beauvais. Der grandiosen Geld- und Schattennovelle von Chamisso war bereits bei ihrer ersten Veröffentlichung 1814 ein sensationeller Erfolg beschieden. Das Buch gehört zu den eigentümlichsten, gewiss zu den rätselhaftesten Hervorbringungen der deutschen Romantik und hat viel mit Georges Leben und Haltung zu tun.

Der Schatten ist in Fiktion und Wirklichkeit gleichermaßen Symbol der eigenen Identität. Wer seinen Schatten verliert, ist sich selbst und der Welt abhandengekommen. Vor diesem Hintergrund verstehen sich die Schlusszeilen der Schlemihl-Dichtung von selbst:

"Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld."

Götz George war lebenslang ein Schattensucher und kam wie Schlemihl erst in späteren Jahren zur Ruhe. Der einst rastlose Kerl wurde, wie Torsten Körner in seinem Buch auf schönste Weise belegt, sogar zu einem „Meister der Stille". Er hetzte er nicht mehr, sondern lernte sogar das Schlendern:

„Ich wollte immer gut sein, aber ich war nie ehrgeizig. Dieser Ehrgeiz fehlt mir jetzt auch zum Abschluss, wo ich die Ziellinie sehe. Da kann ich doch drüberspazieren, da muss ich nicht laufen."

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