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Gift und Gülle: Was passiert, wenn Geschäfte zum Himmel stinken

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Dieter Meyrl via Getty Images
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Warum die gute Landluft ein Klischee ist

Wer in nachhaltigen Hauptsachen vorankommen möchte, sollte auch Nebensächliches ernst nehmen. Dazu gehört auch das, was zum Himmel stinkt: Gülle. Die Gesellschaft hat ein Recht darauf zu erfahren und mitzubestimmen, wie die Mittel eingesetzt werden, die sie bereitstellt.

Das ist ein wichtiges Anliegen des Naturforschers Josef H. Reichholf, der in seinem aktuellen Buch „Mein Leben für die Natur" nicht nur auf ein wunderbares Leben in Fülle und Schönheit zurückblickt, sondern auch die Gegenwart im Blick hat, um die er sich sorgt.

Das Problem beginnt ganz unten: dort, wo Güllemengen das Land zum Himmel stinken lassen, „dass das Grundwasser so stark belastet und als Trinkwasser unbrauchbar gemacht wird, dass die Massentierhaltung dem Tierschutzgesetz Hohn spottet und dass von ihr gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung ausgehen".

Gülle hatte seiner Ansicht nach möglicherweise sogar mit einem Massensterben von Vögeln zu tun, um das sich die Behörden allerdings nicht sonderlich kümmerten, da es sich „nur" um Wasservögel handelte.

Der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe kritisiert, dass ökologisch kaum näher untersucht wird, was Gülle, die häufig am Wochenende oder zur Ferienzeit im Hochsommer ausgefahren wird, wirklich enthält.

Gülle gilt als „Wertstoff" (obwohl bekannt ist, dass sie Antibiotika aus der Tierhaltung enthält), der das Landleben auf eine nicht nachhaltige Weise beeinträchtigen darf.

Es gibt keine Prüfverfahren, wie sie etwa für die Zulassung neuer Pestizide oder Medikamente vorgeschrieben sind.

Gülle in Fülle steht zugleich symbolisch für ein krankes System, denn um das Leben und die Gesundheit im industriellen Agrarsystem steht es schlecht.

Durch den Einsatz von Pestiziden und mineralischen Düngern erleiden jährlich drei bis fünf Millionen Bäuerinnen und Landarbeiter, die über deren Anwendung zu wenig erfahren, Vergiftungen - davon enden jährlich etwa 220.000 tödlich. Im Buch „Saatgut" von Anja Banzhaf finden sich viele weitere Beispiele:

Durch den massiven Einsatz von mineralischen Düngemitteln wachsen nicht nur Kulturpflanzen, sondern auch (Super-)Unkräuter, die wiederum mit neuen und noch stärkeren Herbiziden bekämpft werden.

Und wo Glyphosat nicht mehr hilft, wird inzwischen 2,4-D eingesetzt - ein Bestandteil des Entlaubungsmittels „Agent Orange", das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Für die Saatgut- und Agrarchemiekonzerne ist das ein „glänzendes Geschäft".

Viele neue landwirtschaftliche Praktiken, die Mensch und Umwelt schädigen, haben, wie Banzhaf anhand zahlreicher Beispiele bestätigt, nichts mehr mit dem traditionellen Wissen zu tun, „das wir uns so gerne vorstellen".

Die gute Landluft ist auch für Josef H. Reichholf ein altes Klischee, denn es wird hier im Gegensatz zur Stadt oft nicht überprüft, wie hoch die Feinstaubbelastung ist, und wie viel vom Kunstdünger oder anderen Agrochemikalien umherwehen.

Massenhaft kann die Landwirtschaft ihre Gifte weiterhin ausbringen, „das Land mit Gülle überfluten und ihren Viehbestand großenteils mit Futtermitteln versorgen, für deren Erzeugung riesige Flächen von Tropenwäldern vernichtet wurden."

(Agro-)Business as usual läuft laut Reichholf bestens als Big Business, „an dem von sehr wenigen immens viel verdient wird - auf Kosten der Allgemeinheit und der Natur."

Der Naturforscher widmet sich allerdings nicht nur der großen, zum Himmel stinkenden Realität, sondern auch den vielfältigen Möglichkeiten positiver Veränderung im Kleinen. So verweist er auf den ursprünglich indianischen Namen „Guano", was auf Spanisch Vogelkot bedeutet und als Dünger sehr geschätzt ist.

Über ein Jahrhundert lang wurde er intensiv abgebaut, bis er durch Kunstdünger ersetzt wurde.

Dennoch wird er vielfach weiterhin genutzt, was sich seiner Eigenschaft verdankt, die den Stickstoff-Verbindungen im Kunstdünger fehlt:

„Der Vogelkot enthält sie in Form von Harnsäure, nicht als Nitrat, wie der Kunstdünger. Nitrat löst sich leicht in Wasser. Wo es reichliche Niederschläge gibt, wird es schnell ausgewaschen. Es landet im Grundwasser anstatt in den Pflanzen, für deren Wachstum die Düngung vorgesehen ist.

Anders die Harnsäure. Sie ist schwer löslich, weshalb die Vögel keinen flüssigen Harn erzeugen, sondern einen schmierigen Brei von sich geben, der meistens gleich mit den Ausscheidungen des Darms gemischt wird. Bei den Vögeln münden Harnweg und Darm in ein gemeinsames Endstück, Kloake genannt."

Reichholf bedauert, dass dies heute nur wenige Menschen kennen, weil es kaum noch Hühnerhöfe mit freilaufenden Hühnern gibt. Doch gerade dies sei wichtig zu wissen und bei der Düngung zu beachten.

Was uns wirklich trägt

Dass wir uns wieder auf natürliche Maßnahmen besinnen sollten und weltweit viel zu viel chemisch hergestellte Pestizide eingesetzt werden, bemerkt auch Claudia Silber, die bei der memo AG in Greußenheim die Unternehmenskommunikation leitet und zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört:

„Die aktuelle Diskussion um die Fortsetzung der Zulassung von Glyphosat zeigt, dass immer mehr Menschen gegen den Einsatz von Pflanzengiften sind. Dabei ist doch gegen alles ein Kraut gewachsen, z.B. Brennnessel gegen Blattläuse. Dass das auch in größerem Rahmen funktioniert, zeigt beispielsweise der biologische Weinbau in Franken."

Der Boden trägt und nährt uns, aber er hat kaum keine richtige Lobby. Statt von uns gepflegt und behütet zu werden, wird er mit Füßen getreten.

Umso wichtiger sind vor diesem Hintergrund Bücher wie Josef H. Reichholfs „Leben für die Natur".

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In einer nachhaltigen Gesellschaft bedeutet „Leben für die Natur" aber auch, über das eigene Fachgebiet hinaus zu sehen, leidenschaftlich zu forschen, vernetzt zu denken und sich immer seiner eigenen Unvollständigkeit bewusst zu sein, sich einzugestehen, dass dem Spezialistentum sehr viel entgeht, wenn es sich nur vertieft.

Um der Zukunft einen gesunden und fruchtbaren Boden zu bereiten, braucht es ein breites Spektrum von Perspektiven aus den Agrar-, Sozial-, Kultur- und Naturwissenschaften, aus Theologie, Philosophie, Psychologie, Architektur und Kunst - und ein Humboldtsches Bildungsideal, wie es Reichholf verkörpert:

Er ist sich bewusst, dass wir nie vollständig umfassende Einblicke gewinnen können, und dass das „Mehr" unserer Möglichkeiten heute niemals der Weisheit letzter Schluss ist.

Worauf es allerdings ankommt, ist die nie versiegende Freude, die uns umfasst, wenn wir in die Geheimnisse der Natur vordringen.

Wer sich der Weisheit durch die Begegnung mit der Erde annähern will, dem sei das Buch dieses (buchstäblich) bodenständigen Humanisten ans Herz gelegt.

Humus und humanus haben im Lateinischen dieselbe Wortwurzel. Zudem bedeutet humanus neben „menschlich", „menschenwürdig" und „menschenfreundlich" auch „fein gebildet", was auf ihn unbedingt zutrifft.

Der wirklich Gebildete setzt sich immer auch für praktisches Handeln ein und verkörpert eine Haltung, die Fremdsteuerung und Manipulation nicht zulässt. Ein selbstbestimmtes Leben hat immer Rückgrat.

AUF EIN WORT: Rückgrat

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Der Schauspieler Hannes Jaenicke - ebenfalls ein Gesicht der Nachhaltigkeit - gehört zu den Unterstützern der Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT, die von den Schauspielkolleginnen Valerie Niehaus und Christina Hecke sowie der Fotografin Steffi Henn gegründet wurde:

"Im Rahmen dieser Bewegung sollten wir mal darüber nachdenken, welche Prioritäten wir eigentlich haben. Die sind ja wohl hierzulande ein bisschen verrutscht." Sagt Hannes Jaenicke im Rahmen seines Wortbeitrags. Sein ausgewählter Begriff ist Rückgrat.

Als Umweltschützer setzt er sich für eine echte Energiewende, für Plastiktüten-Verbot, Meeres- und Naturschutz und keine genmanipulierten Saat- und Lebensmittel ein. Er ist bekennender Bio-Kunde, weil es ihm darum geht, wie Nahrungsmittel produziert werden:

„Was man im Grundwasser oder auch in Seegetier findet, an Düngemitteln, Pestiziden, Fungiziden, Herbiziden und sonstigen Giftstoffen, ist gespenstisch."

AUF EIN WORT trägt dazu bei, der Realität den Schleier des Gespenstischen zu nehmen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen - auch wenn sie nicht immer leicht zu ertragen ist. Um die Welt zu gestalten, müssen wir sie vorher richtig gesehen und begriffen haben.

Warum ich die Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT unterstütze

Literaturempfehlungen:

Josef H. Reichholf: Mein Leben für die Natur. Auf den Spuren von Evolution und Ökologie. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

Gerd Wessolek (Hg.): Von ganz unten. Warum wir unsere Böden besser schützen müssen. Oekom Verlag, München 2015.

Anja Banzhaf: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen. Oekom Verlag, München 2016.

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