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Getretener Quark: Der literarische FuĂźabdruck gefallener Ex-Manager

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BOOK
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Aufgelesenes

Wenn Ex-Manager über ihr angebliches „Scheitern" Bücher schreiben, mag das zunächst berühren, denn sie werden nahbar und zeigen sich in ihrer Verletzlichkeit. Das kann einen empathischen Leser nicht kaltlassen. Doch gibt es auch viele Aber, die Überlegung kosten: Viele von ihnen argumentieren, dass „wir" Helden fallen sehen wollen, und dass die Häme eine Waffe der Dummen ist, mit der sie den Gefallenen noch einmal verletzen. Es gibt Situationen, für die das sicher zutrifft, aber nicht für die meisten, denn Menschen sind nicht nur „schwarmdumm" - sie vereint auch ein gemeinschaftliches Gerechtigkeitsgefühl.

Nach der Lektüre von Thomas Middelhoffs Buch „A115 - Der Sturz" (Langen Müller), in dem er seine Haftzeit beschreibt, bleibt das Gefühl einer schmerzlichen Verwunderung. All die Zitate von Kafka und Bonhoeffer wirken wie ein buchstäblich „aufgelesener" Schutz eines Nackten.

Das Buch warf in mir viele Fragen auf, die ich Thomas Middelhoff ĂĽber die Presseabteilung seines Verlages zukommen lieĂź, die aber bislang nicht beantwortet wurden. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um die Antworten, sondern um den Kern der Fragen, der irgendwann im Leben mit uns allen zu tun hat.

Fragen an Thomas Middelhoff

• Ihr Buch beginnt mit dem Bibelzitat „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." (Buch Hiob, Kap. 1, Vers 20). Warum bedeutet Ihnen die biblische Geschichte von Hiob, die zu den ergreifendsten Erzählungen der Menschheit gehört, so viel?

• Der Katholik Leo Kirch verwies im Gericht ebenfalls auf Hiob und den viel zitierten Satz: Auch er verlor zuerst sein Vermögen und dann seine Gesundheit. Auch er wurde zuerst geliebt und verehrt und dann wegen ihrer „Gier" und „Unersättlichkeit" öffentlich gegeißelt. „Die Pläne werden zunichte, wo man nicht miteinander berät", meint Salomo und warnt vor Selbstüberhöhung (Sprüche 15, 22; Prediger 7, 16). Sehen Sie Parallelen?

• Medien kritisieren, dass einst Mächtige auch in ihren Niederlagen noch groß zu denken „scheinen" - und eine Identifikation mit Hiob würde sie darin bestärken, sich noch in der Niederlage als Auserwählte zu sehen. Was sagen Sie dazu? Wie erklären Sie sich diesen unbändigen medialen Hass gegen Sie?

• Die Journalistin und Moderatorin Christine Westermann sagte einmal: „Ich glaube, dass Gott Wiedervorlagen macht. Was man nicht gebacken kriegt, wird einem immer wieder vorgelegt." Empfinden Sie das auch so?

• Was muss sich in Ihnen ändern, damit sich die äußeren Gegebenheiten ändern?

• Was bereuen Sie heute, was lief falsch in Ihrem Leben?

• Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich Gott noch nie so nah gefühlt haben wie in Ihrer Haftzeit. Wie hat sich das bemerkbar gemacht? Was ist mit Ihnen passiert?

• Warum sind Glaube und Resilienz untrennbar miteinander verbunden?

• Sie verbrachten viel Zeit mit „konzentrierter Arbeit" in Haft. Fiel Ihnen das Fokussieren und Konzentrieren früher schwerer durch ständige Geschäftigkeit und Abgelenkt-Sein?

• Wer allein ist, schreiben Sie, „konzentriert sich auf seinen inneren Kern". Was macht Ihren inneren Kern aus? War er vorher für Sie weniger sichtbar?

• Wann entdeckten Sie Ihre „neue alte Liebe" zu den Büchern wieder, gab es einen bestimmten Moment oder war es ein längerer Prozess in der Haftzeit? Wann hatten Sie diese Liebe unbemerkt verloren?

• Was haben Sie in der Haftzeit als besonders erniedrigend und würdelos empfunden?

• Wie sind Sie mit Ihrer Angst umgegangen?

• Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Selbstbestimmtheit zurückzuerlangen?

• Standen Ihnen aus der Manager-Ära Freunde in schwieriger Zeit zur Seite, oder waren es vielleicht gar keine?

• Sie schreiben von der Bedeutung von Werten in der Haft. Welche waren das für sie? Lassen sie sich ins Leben und in den Unternehmenskontext übertragen? Was war in Ihnen schon da, und was ist heute neu und anders?

• Haben Sie manchmal auch an die Menschen von Arcandor gedacht, die auch ihre Schicksale meistern mussten nach der Insolvenz?

• Wie möchten Sie die Kraft, die Ihnen von Gott geschenkt wurde, jetzt nutzen? Wie möchten Sie Ihre Kompetenzen, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen sinnvoll auch für andere einsetzen?

• Weshalb sollte die Rolle von Psychologen und Soziologen in der Gesellschaft und für die Gesellschaft noch mehr gewürdigt und kommuniziert werden? Welche Bedeutung hatten sie während Ihrer Haft und vielleicht sogar darüber hinaus?

• Welchen Grund haben Sie heute, morgens aufzuwachen und in den Tag starten zu wollen? Was bringt Sie zum Handeln, und wie finden Sie die moralischen Grundlagen dafür?

• Hiobs Geschichte ist mit einem gutes Ende verbunden: „Der Herr gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte." Hiob wurde von „fortan mehr als einst" gesegnet und starb „alt und lebenssatt" (Sprüche 15, 22, Prediger 7, 16). Was möchten Sie noch tun?

• Was bedeutet Ihnen Nachhaltigkeit im eigenen Leben? Was soll bleiben?

Was gute Manager ausmacht

Ich gehöre zu jenen, die immer in Kontexten denken, lesen und schreiben, denn Wahrheit besteht aus vielen Seiten. Deshalb habe ich parallel die nicht autorisierte Middelhoff-Biographie von Massimo Bognanni mit großem Interesse gelesen, weil ein Innenthema auch die Spiegelung von außen braucht.

Das Sturz-Buch hat mich in die Tiefe gerissen - und das Bognanni-Buch wieder hochgeholt, Abstand gewinnen lassen. Es half dabei, Dinge wieder zu verorten, nĂĽchtern zu werden.

Ich bin dankbar für beide Bücher, weil sie erst in ihrer Kombination zeigen, worauf es ankommt: dem „Berg des Lebens" mit Demut zu begegnen.

Leider sind die („Aufstiegs"-)Muster von schreibenden Ex-Managern sehr ähnlich: Sie geben nicht ein fundiertes Interview, sondern viele, sie finden das Licht, das sie früher erleuchtete, heute in den Talkshows, sie geben ihre Publikationen nicht irgendwann im Jahr heraus, sondern pünktlich zur Buchmesse, sie wiederholen sich ständig in Interviews. Damit verschwindet auch der Zauber ihrer Bücher, weil die Themen zerredet werden und keine Entwicklung zu sehen ist. Getretener Quark wird breit und nicht stark (Goethe). So zerstampfen sie ihre Begabungen und guten Ansätze, weil das außengeleitete Leben wieder wichtiger geworden ist.

Noch etwas eint jene, die ihr „Scheitern" immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken: Das ewige Ich. Kaum findet sich ein Wort darüber, was die „Gescheiterten" für andere getan haben. Nie sprechen sie davon, dass sie durch bestimmte Ereignisse vielleicht sogar ein besserer Mensch geworden sind, sondern nur von der verlorenen Macht, die sie „gestalten" ließ.

Doch zum Gestalten braucht es keine Funktion. Das, was Menschen ausmacht, zeigt sich genau dort, wo sie gerade sind, in dem, was sie tun. Jetzt.

Das ist der Grund, weshalb einige BĂĽcher nur einmal gelesen werden, weil sie das eigene Ich zu Quark gemacht hat. Sie haben keinen nachhaltigen Nutzen.

Anders ist es mit Longsellern: 2014 schrieb der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik das wegweisende Buch „Wenn Grenzen keine sind. Management und Bergsteigen" (Campus), das angesichts der aktuellen Entwicklungen im Buchmarkt von besonderer Relevanz ist: Es konzentriert sich nämlich auf echte Leister und auf echte Leistungen, die nur gelingen, wenn gute Manager nicht ständig über sich selbst sprechen und mit ihren Empfindungen nicht an die Öffentlichkeit gehen. Denn sie konzentrieren sich auf ihre Aufgaben, arbeiten stetig an der Perfektionierung ihrer persönlichen Arbeitsmethodik und gehen sorgsam mit ihrer Zeit um.

Die besten Manager sprechen von Erfahrungen, die sie gemacht haben, weil Scheitern im wörtlichen Sinn bedeuten würde, dass ihr Lebensschiff zerbrochen ist. Sie machen einfach weiter ohne „aufgebauschte Sensibilität für Empfindlichkeiten" und orientieren sich am Inhalt, nicht an der Verpackung: „am Sein, nicht am Schein"! Sie setzen Prioritäten und führen Dinge zu Ende.

In diesem Buch kommt das Reden über Herausforderungen kaum vor - hier wird von den Resultaten gesprochen. „Aber selbst das tun erstaunlich viele der ausgezeichneten Alpinisten eher zurückhaltend. Sie hinterlassen eine Eintragung im Gipfelbuch." (Fredmund Malik)

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Lesenswert:

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