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Warum die Echten immer Gesicht und Gewicht haben

14/09/2015 16:24 CEST | Aktualisiert 14/09/2016 11:12 CEST
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Verherrlicht und verdammt

„Einen Gegner bekommen heißt, Gesicht, Charakter, Inhalt und Sinn bekommen." Als Franz Josef Strauß 1988 starb, setzte der SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein dieses Zitat des Schriftstellers Otto Flake über den Nachruf.

Nie war die Sehnsucht nach Menschen mit Charakter - die auch mal Luft ablassen, die nicht ins Nebulöse ausweichen, wenn es kritisch wird, sondern für Klarheit sorgen - so ausgeprägt wie heute.

Einen Charakter zu haben hieß für den Philosophen Immanuel Kant, nach „festen Grundsätzen" zu handeln und „nicht wie in einem Mückenschwarm bald hiehin, bald dahin abzuspringen". Menschen mit Eigenschaften sterben im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung immer mehr aus, während gleichzeitig profillose Aufsteiger nachwachsen.

„Der Politik fehlen echte Typen. Davon gab es früher mehr", sagt Joschka Fischer im Interview mit dem Wirtschaftsjournalisten Mario Müller-Dofel (Karriere ohne Studium. Zum Umdenken und Mut machen, SpringerGabler Verlag 2015). Er kritisiert, dass die deutsche Politik von „langweiligen Leuten mit einheitlichen Karrierewegen" beherrscht wird:

„Die sogenannten Ochsentouristen haben sich durchgesetzt. Sie starten in der Parteijugend, durchlaufen dann die politischen Ebenen und je nachdem, wer an der Spitze wegstirbt oder aus anderen Gründen ausfällt, rücken die Ochsentouristen nach. Und wenn sie dann endlich eine wichtige Position innehaben, herrscht beeindruckende Erhabenheit. Politik, so nehme ich es wahr, wird heute viel mehr als früher aus Karrieregründen gemacht statt aus Leidenschaft und Überzeugung. Und das merkt man ihr an."

Franz Josef Strauß, Konrad Adenauer oder Willy Brandt oder Herbert Wehner waren Ausnahmeerscheinungen, auf die heute geblickt wird, als kämen sie von einem anderen Stern.

Die Querdenkerin, Werberin und ehrenamtliche Unterstützerin der nicht-kommerziellen Webside Gesichter der Nachhaltigkeit, Tina Cornils, sagte kürzlich auf Facebook, dass Herbert Wehner bei der Bundestagssitzung zur Gesetzverabschiedung sicherlich einen schönen Zwischenruf für Frau Nahles parat gehabt hätte:

"'Gehen Sie nochmal zurück auf die Schulbank Mädchen, Sie haben da die falsche Tintenfarbe an den Fingern!'... Gibt's ja heute leider nicht mehr. Solch rhetorische Finessen weist heute allenfalls noch Sarah Wagenknecht auf...'"

Die Burgthanner Dialoge 2015

Die 6. Burgthanner Dialoge, die am 16. Oktober stattfinden, stehen diesmal unter dem Motto: „Echt sein. Medien, Menschen, Machbarkeit". So wie sich Erfolgserlebnisse ganz „echt" in der Kommunalpolitik zeigen (wo keine abstrakten Gesetze gemacht werden und das Machbare konkret ist), so ist es auch mit diesem Veranstaltungsformat, das unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters steht:

Die Burgthanner Dialoge zeigen die Freude, im eigenen Umfeld zu wirken, sich aber auch fürs Große zu öffnen. Sie sind die Nahstelle, die Regionales und Globales verbindet - in einem Rahmen, der das menschliche Bedürfnis nach Austausch und Nähe erfüllt.

In diesem Jahr geben sie Auskunft über die Bewegung einer Gesellschaft, die von Langsamen und Genießern sowie Schnellen und Gehetzten gleichzeitig geprägt ist. Und dass Lächeln statt Hecheln das Leben angenehmer macht.

Waldemar Hartmann ist 2015 Ehrengast bei den Burgthanner Dialogen, die unter der Schirmherrschaft des 1. Bürgermeisters der Gemeinde Burgthann, Heinz Meyer, stehen.

Er ist Kult, weil er immer ein Typ war und polarisierte, ja zuweilen auch unbequeme Wahrheiten aussprach. Er gibt auch gern jenen augenzwinkernd Raum, die wie er einen „wunderbaren Hang zur ungeschminkten Wahrheit" haben.

Günther Beckstein war für ihn ein Politiker („und ist ein Mensch") mit dem Herzen am richtigen Fleck. Leider, schreibt er in seinem Buch „Dritte Halbzeit" (Wilhelm Heyne Verlag, München 2013) schadet eine solche Charaktereigenschaft einem Ministerpräsidenten eher als sie nützt.

Der ehemalige Fußballspieler Jens Jeremis wäre für Hartmann ein fantastischer Fernsehexperte gewesen. Doch andererseits auch wieder nicht, „denn zu offen und zu ehrlich kommt in dieser Position auch nicht gut an", heißt es in seinem Buch:

„Jerry schreibt keine Kolumnen, der hält seine Nase in keine Kamera, der setzt sich in kein Studio und macht sich als Experte wichtig. Der kam nicht einmal in meine Sendung, und ich war ihm nie böse deswegen."

Mehmet Scholl, der im SPIEGEL gerade die Ausbildung der DFB-Fußballehrer kritisierte (die mit den Bestnoten haben die „typischen Kursbestengesaichter" und seien „Laptop-Trainer") mag er wegen seiner ironischen Art, seinem spitzbübischen Humor und seiner Querdenke.

Den „wund gelegenen Gomez" bei der EM 2012 hat er sich vorher nicht überlegt. Das passiert spontan - es muss einfach raus, weil ein guter Gag nicht „hergeschenkt" werden darf. Scholl sagte kürzlich im SPIEGEL-Interview (37/2015), dass er die Kritik vorsichtiger hätte formulieren sollen, weil er einem Spieler damit geschadet hat. Er entschuldigte sich dafür öffentlich.

Das macht ihn glaubwürdig und beliebt, auch wenn er in fast jeder Sendung „Gehirn-Schluckauf" bekommt und ihm ein paar „andere" Formulierungen rausrutschen. An Scholls Unangepasstheit im Fernsehen spürt man, dass er nichts „werden" will und nicht vom Ehrgeiz getrieben ist. Er liebt wie Waldemar Hartmann das Spiel und nicht das aufgeblähte Geschäft, das ständig Anpasser produziert.

Der früher wilde Oliver Kahn ist Waldemar Hartmann heute zu „staatstragend und wohl geföhnt, geschniegelt und gebügelt": „Der einst unzähmbare Titan, der alle gesellschaftlichen Regeln umgeschmissen, der seinen Ferrari brettlbreit auf den Behindertenparkplatz gestellt hat - heute inszeniert er sich als Denker, als Fußballphilosoph, als Schopenhauer der Strafräume."

Formate wie die Burgthanner Dialoge zeigen, dass solche vereinzelten Aussagen nicht einfach Tratsch und Klatsch sind, sondern in einem größeren Rahmen gesehen werden sollten. Der Ruf nach dem Echten kündet heute von einem enormen Bedürfnis, ernst genommen zu werden und sich auf das Eigentliche (z.B. das „Spiel") und Einfache zu besinnen.

Mehmet Scholl könnte sich auch anders ausdrücken, da er die Fachbegriffe selbstverständlich beherrscht - aber er nutzt sie nicht, weil die Menschen verstehen sollen, was er sagt. Zudem ist Fußball ein einfaches Spiel, das alle Generationen verbindet.

Dem Schirmherrn der Burgthanner Dialoge, Heinz Meyer, war es in diesem Jahr wichtig, dass auch junge Menschen in das nicht werbliche Veranstaltungsformat eingebunden werden: Was „bewegt" sie, und wie lassen sie sich bewegen, um auch Freude an gesellschaftlicher Veränderung zu haben?

Für die Generation Y steht stellvertretend Nadine Wolff, eine Personal-Trainerin aus dem südlichen Nürnberger Land. Sie coacht nicht nur Triathleten, Schwimmer und Läufer, sondern ist auch Veranstalterin von zwei Ultraläufen, die jährlich stattfinden.

„Bei uns in Mittelfranken gibt es leider fast keine Ultraläufe. Schon gar nicht im Sommer. Bei uns ist es so schön, und das Fleckchen Erde möchte ich gerne auch anderen zeigen", sagt sie.

Eine aktive Extremsportlerin ist sie nicht und lebt nach dem Motto: "Ich kann zwar nicht schnell, aber dafür lange". Sie finishte u. a 2012 den Tough Guy in England, 2013 den Transalpine Run und 2015 Transvulcania.

2009 gründete sie ihre gleichnamige Firma Wolff Sports und machte ihr Hobby zum Beruf. Sport soll ihrer Ansicht nach Spaß machen und nicht verbissen betrieben werden, denn für die meisten ist und soll es auch ein Hobby und Freizeitbeschäftigung bleiben.

Mehr sein

Das Thema Nachhaltigkeit, das in den vergangenen Jahren im Fokus der Veranstaltungsreihe stand, fällt 2015 nicht weg, sondern zeigt sich nur von einer anderen Seite, ohne dass dieser große Begriff ständig bemüht werden muss.

Jörg Howe, der seit 2008 als Head of Global Communications die weltweite Kommunikation von Daimler leitet und zwischen 2004 und 2008 die Konzernkommunikation von KarstadtQuelle (Arcandor) innehatte, ist auf vielfachen Wunsch der Teilnehmer zum zweiten Mal Referent bei den Burgthanner Dialogen.

In den 80er- und 90er Jahren arbeitete er als Journalist und war u.a. Chefredakteur von Sat. 1 sowie stellvertretender Chefredakteur beim MDR-Fernsehen. Er wird zeigen, dass vor allem jene Unternehmen erfolgreich sind, die das Potenzial haben, auf einer stabilen Wertebasis Zukunft nachhaltig zu gestalten, wenn Visionen, das realistische Erkennen der Gegenwart und innere Motivation ineinandergreifen. Und dass sie echte Charaktere dafür brauchen mit Kopf und Bauch.

Dass die Kultfigur Pumuckl, die in neuen Buchausgaben in schlankerer Silhouette präsentiert werden sollte, nach zahlreichen Fan-Protesten wieder ihren Bauch zurück erhält, wie der Kosmos-Verlag kürzlich mitteilte, lässt hoffen, dass die Originale doch nicht ganz aussterben, so lange wir es nicht zulassen.

Weitere Informationen:

Burgthanner Dialoge 2015

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