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Gesellschaftsspielchen zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei

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Hinter der Fassade

Es scheint heute zum guten Ton zu gehören, dass sich Fußballklubs und Spieler sozial engagieren und gegen Diskriminierung stark machen. Doch wie ernst gemeint und langfristig ist dieses gesellschaftliche Engagement? Handelt es sich um wirksame Maßnahmen oder scheinheilige Imagepflege? Fragt der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem aktuellen Buch „Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei".

Es gibt zwar eine Vielzahl von BĂŒchern, die sich mit der gesellschaftlichen Rolle des Fußballs beschĂ€ftigen, aber sie sind in den meisten FĂ€llen nur fĂŒr Experten geschrieben.

Viele der angesprochenen Themen sind auch von namhaften Sportjournalisten wie Oliver Fritsch (DIE ZEIT) oder Michael Horeni (FAZ) immer wieder aufgegriffen worden, aber sie finden sich nirgendwo gebĂŒndelt. Um einem relevanten Thema buchstĂ€blich Gewicht zu verleihen, braucht es zuweilen auch BĂŒcher, die „bleiben".

Im deutschen Fußball gibt es viele gemeinnĂŒtzige Projekte und etwa 90 Stiftungen, die den Sport als Vermittlungsmedium fĂŒr soziale Themen nutzen. Doch wie ist dies ins System Fußball integriert? Wie sozial ist der DFB? Wie weit reichen die HandlungsspielrĂ€ume von CSR-Managern? Was wĂ€re die Gesellschaft ohne Ehrenamt? Wie politisch muss der Fußball sein?

Ronny Blaschke blickt in seinem Buch hinter die Fassade des Systems Fußball. Die hier beschriebenen Herausforderungen und Probleme gelten auch fĂŒr andere Systeme wie Parteien, UniversitĂ€ten oder Unternehmen, die heute im Umbruch sind.

Der Journalist sprach u.a. mit Nationalspieler Per Mertesacker, Thomas Hitzlsperger, dem MĂ€zen Dietmar Hopp und der GrĂŒnen-Politikerin Claudia Roth. Er widmet sich dem Berliner FlĂŒchtlingsprojekt „Champions ohne Grenzen", bewertet Stiftungsmodelle und analysiert die Rolle der ehrenamtlichen Helfer an der Basis.

Wichtig sind ihm dabei die kritische Einordnung und der Blick ĂŒber den Sport hinaus. Sein Fazit: DFB, Spitzenklubs und Sponsoren reagieren mit ihren sozialen Projekten vor allem auf aktuelle Schlagzeilen, wĂ€hrend die nachhaltigen Initiativen an der Basis entstehen.

Es fehlen ganzheitliche Strategien

„Dem System Fußball fehlt eine ganzheitliche Strategie", schreibt Ronny Blaschke in seinem Vorwort. Wie sie konkret aussehen soll, sagt er nicht. Aber es ist auch nicht Aufgabe eines Journalisten. Er deckt auf, hinterfragt, findet wertvolle Einzelteile, die wir alle, die wir uns mit Nachhaltigkeit und den entsprechenden Rahmenbedingungen beschĂ€ftigen, „auflesen" sollten, um sie in ein Gesamtbild einzufĂŒgen.

Sieben Interviews mit haupt- und ehrenamtlichen Vertretern des DFB sind in das Kapitel „Drei Schritte vor, zwei Schritte zurĂŒck" eingeflossen:

„Kaum jemand von ihnen blickte kritisch auf die eigenen Strukturen, aber fast alle wirkten misstrauisch gegenĂŒber dem Journalismus an sich."

Geordnetes Zusammenspiel

Auch wenn die Menschen in einer komplexen Verbandsstruktur behutsam mitgenommen werden mĂŒssen und vieles Zeit braucht, so kann manchmal nicht gewartet werden. Vor diesem Hintergrund ist auch der Satz des ehemaligen DFB-PrĂ€sidenten Theo Zwanziger zu verstehen: „Ich wollte meine kurze Zeit nutzen, um möglichst viel anzustoßen."

Das Buch von Ronny Blaschke trĂ€gt erheblich dazu bei, das System DFB, das voller WidersprĂŒche ist, besser zu durchschauen. Und mit Recht bemerkt der Autor, dass man es nicht aus den falschen GrĂŒnden kritisieren sollte:

„Der Verband wird fĂŒr sein Nationalteam bald noch höhere Einnahmen von Sponsoren, AusrĂŒstern und Sendeanstalten erzielen. Zugleich betonen die FunktionĂ€re stets ihre Bodenhaftung gegenĂŒber der Basis. Zwischen diesen unterschiedlichen Interessen ist es vielleicht gar nicht möglich, einen gesellschaftspolitischen Leitfaden zu entwickeln."

Claudia Roth, VizeprĂ€sidentin des Deutschen Bundestages, die Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit war, empfiehlt, dass sich der DFB wieder mehr nach außen hin öffnen und sich gesellschaftspolitisch zurĂŒck ins Spiel bringen sollte.

Vor allem „braucht es glaubwĂŒrdiges Personal, das sich innerhalb des DFB fĂŒr einen MentalitĂ€tswandel stark macht". Erst dann klingt der Begriff Nachhaltigkeit nicht mehr wie eine Floskel.

Die Eigendynamik, die moderne Organisationen heute entfalten, ist nicht aufzuhalten oder rĂŒckgĂ€ngig zu machen. StabilitĂ€tsfixiert und konservativ zu sein, am Status quo und an dessen Erhaltung festzuhalten funktioniert nicht mehr. Entscheidend ist beides: StabilitĂ€t und VerĂ€nderung gleichermaßen in den Blick zu nehmen, der ĂŒber den eigenen Tellerrand hinausgehen muss.

Zudem zeigt dies, dass der Satz des Soziologen Gunter Pilz nicht stimmt, dass ein Fußballverband mit einer großen Ehrenamtsstruktur andere Maßnahmen als ein Großunternehmen erfordert.

Nach außen wird der DFB wie ein Wirtschaftsunternehmen wahrgenommen, und er agiert wirtschaftlich auch Ă€hnlich. Von einigen seiner Hauptsponsoren könnte der Verband (und seine Soziologen) durchaus lernen.

Eric Liedtke, der Mann hinter dem Wiederaufstieg des Sportkonzerns Adidas, ließ vor einiger Zeit seine Gedanken „regnen": Er sprach davon, wie Tropfen die Erde formten, sich in sie prĂ€gten und feine Furchen bildeten - daraus bildeten sich FlĂŒsse „und dann fließt das Wasser immer wieder genau dort entlang - so entstehen Routine und Gewohnheit".

Zu viel davon lÀhmt das Denken und verhindert Innovationen. Deshalb sei es wichtig, bisherige Arbeitsweise immer wieder infrage zu stellen.

Die Deutsche Telekom nimmt gerade ihre Unternehmenskultur unter die Lupe. Auch davon könnte der DFB lernen, der neuerdings immer wieder von einer Compliance-Abteilung und Ethikkommission spricht - als ob das Problem des Verbandes damit gelöst werden könnte.

Zudem zeigen viele Compliance-FĂ€lle der jĂŒngeren Vergangenheit, dass die Krise durch eine „ungeschickte Kommunikation" vielfach deutlich verschĂ€rft worden ist.

Stefan Behringer, Autor des Buches „Compliance fĂŒr AufsichtsrĂ€te. Grundlagen - Verantwortlichkeiten - Haftung" (Erich Schmidt Verlag, Berlin 2016) verweist noch auf einen anderen Aspekt: das mittlere Management, das großen Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiter hat und oft als Bremse von VerĂ€nderungen im System wirkt.

Es genĂŒgt also nicht, nur ein Compliance-Management zu etablieren, um VerstĂ¶ĂŸe zu verhindern, aufzuklĂ€ren und zu ahnden. Entscheidend ist auch die Verbandskultur, in der Fehlverhalten offen angesprochen werden kann.

Die Telekom will deshalb das integre Verhalten und die Widerspruchskultur im Unternehmen stĂ€rken. "Der erste Schritt ist zu analysieren, wie es um die Kultur im Unternehmensalltag tatsĂ€chlich bestellt ist und welche Ursachen es fĂŒr Fehlverhalten gibt", sagt Manuela Mackert, Chief Compliance Officer der Telekom.

Es soll herausgefunden werden, welchen Stellenwert ethisches und regelkonformes Verhalten im Unternehmen hat und welche Rolle etwa Hierarchie und die Ausrichtung auf bestimmte Ziele dabei „spielen".

Auch von der Deutschen Bahn kommen einige wichtige Impulse, die ergĂ€nzend zum Buch gelesen werden können. Im aktuellen Kundenmagazin (9/2016) des Konzerns ist ein Interview mit Oliver Bierhoff, Manager der Fußball-Nationalmannschaft, und DB-Chef RĂŒdiger Grube ĂŒber die Kunst der VerĂ€nderung (!) zu finden.

Grube sagt hier: „Wer nicht auf das Kleine schaut, scheitert am Großen. Ich bemĂŒhe mich immer, genau hinzuschauen, unter die OberflĂ€che zu sehen. Nach meiner Überzeugung braucht es nicht nur Vision, sondern auch Traktion, um Dinge zum Erfolg zu fĂŒhren."

Es ist schade, dass das alte Nachhaltigkeitsklischee des DFB auch in diesem Interview durchscheint.

So verweist Oliver Bierhoff darauf, dass er seit 1998 die Kampagnen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen unterstĂŒtzt: „Außerdem die Mexiko-Hilfe des DFB, die sich um Kinderprojekte kĂŒmmert."

Das ist aus Einzelbausteinen zusammengefĂŒgte WohltĂ€tigkeit, die kraftlos bleibt, wenn Nachhaltigkeitsmanagement und KerngeschĂ€ft (Spielbetrieb) nicht miteinander verbunden sind.

Worauf es ankommt, drĂŒckte die neue Bundestrainerin Steffi Jones im DFB Journal (3/2016) folgendermaßen aus: „... wir wollen das Spiel bestimmen, wir wollen verschiedene Systeme spielen können, wir wollen uns aus Drucksituationen lösen, wir wollen die richtigen Entscheidungen treffen, wir wollen gut strukturiert sein, wir wollen aktiv sein".

Richtige Entscheidungen basieren auf richtigen Managementstrukturen und der Erkenntnis, etwas zu „können".

Das sind die richtigen Begriffe, die auch mit funktionierenden Systemen zu tun haben. Ronny Blaschkes „Gesellschaftsspielchen" laden dazu ein, die Regeln komplexer Systeme besser zu verstehen, um sie nachhaltiger gestalten zu können.

Zur Person:

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© Reinaldo Coddou H.

Ronny Blaschke, 1981 in Rostock geboren, arbeitet als freier Journalist u.a. fĂŒr »SĂŒddeutsche Zeitung«, »Die Zeit«, »Frankfurter Rundschau« und Deutschlandradio. Er veröffentlichte mehrere BĂŒcher zu gesellschaftlichen Aspekten des Fußballs. Der Titel »Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball« wurde 2007 zum »Fußballbuch des Jahres« gewĂ€hlt, und 2013 erhielt er den Julius-Hirsch-Ehrenpreis des DFB. Seine Recherchen lĂ€sst er auch in politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen einfließen.

Das Buch:

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Ronny Blaschke: Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016.

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