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Gesellschaftsspielchen zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei

27/09/2016 14:44 CEST | Aktualisiert 28/09/2017 11:12 CEST
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Hinter der Fassade

Es scheint heute zum guten Ton zu gehören, dass sich Fußballklubs und Spieler sozial engagieren und gegen Diskriminierung stark machen. Doch wie ernst gemeint und langfristig ist dieses gesellschaftliche Engagement? Handelt es sich um wirksame Maßnahmen oder scheinheilige Imagepflege? Fragt der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem aktuellen Buch „Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei".

Es gibt zwar eine Vielzahl von Büchern, die sich mit der gesellschaftlichen Rolle des Fußballs beschäftigen, aber sie sind in den meisten Fällen nur für Experten geschrieben.

Viele der angesprochenen Themen sind auch von namhaften Sportjournalisten wie Oliver Fritsch (DIE ZEIT) oder Michael Horeni (FAZ) immer wieder aufgegriffen worden, aber sie finden sich nirgendwo gebündelt. Um einem relevanten Thema buchstäblich Gewicht zu verleihen, braucht es zuweilen auch Bücher, die „bleiben".

Im deutschen Fußball gibt es viele gemeinnützige Projekte und etwa 90 Stiftungen, die den Sport als Vermittlungsmedium für soziale Themen nutzen. Doch wie ist dies ins System Fußball integriert? Wie sozial ist der DFB? Wie weit reichen die Handlungsspielräume von CSR-Managern? Was wäre die Gesellschaft ohne Ehrenamt? Wie politisch muss der Fußball sein?

Ronny Blaschke blickt in seinem Buch hinter die Fassade des Systems Fußball. Die hier beschriebenen Herausforderungen und Probleme gelten auch für andere Systeme wie Parteien, Universitäten oder Unternehmen, die heute im Umbruch sind.

Der Journalist sprach u.a. mit Nationalspieler Per Mertesacker, Thomas Hitzlsperger, dem Mäzen Dietmar Hopp und der Grünen-Politikerin Claudia Roth. Er widmet sich dem Berliner Flüchtlingsprojekt „Champions ohne Grenzen", bewertet Stiftungsmodelle und analysiert die Rolle der ehrenamtlichen Helfer an der Basis.

Wichtig sind ihm dabei die kritische Einordnung und der Blick über den Sport hinaus. Sein Fazit: DFB, Spitzenklubs und Sponsoren reagieren mit ihren sozialen Projekten vor allem auf aktuelle Schlagzeilen, während die nachhaltigen Initiativen an der Basis entstehen.

Es fehlen ganzheitliche Strategien

„Dem System Fußball fehlt eine ganzheitliche Strategie", schreibt Ronny Blaschke in seinem Vorwort. Wie sie konkret aussehen soll, sagt er nicht. Aber es ist auch nicht Aufgabe eines Journalisten. Er deckt auf, hinterfragt, findet wertvolle Einzelteile, die wir alle, die wir uns mit Nachhaltigkeit und den entsprechenden Rahmenbedingungen beschäftigen, „auflesen" sollten, um sie in ein Gesamtbild einzufügen.

Sieben Interviews mit haupt- und ehrenamtlichen Vertretern des DFB sind in das Kapitel „Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück" eingeflossen:

„Kaum jemand von ihnen blickte kritisch auf die eigenen Strukturen, aber fast alle wirkten misstrauisch gegenüber dem Journalismus an sich."

Geordnetes Zusammenspiel

Auch wenn die Menschen in einer komplexen Verbandsstruktur behutsam mitgenommen werden müssen und vieles Zeit braucht, so kann manchmal nicht gewartet werden. Vor diesem Hintergrund ist auch der Satz des ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger zu verstehen: „Ich wollte meine kurze Zeit nutzen, um möglichst viel anzustoßen."

Das Buch von Ronny Blaschke trägt erheblich dazu bei, das System DFB, das voller Widersprüche ist, besser zu durchschauen. Und mit Recht bemerkt der Autor, dass man es nicht aus den falschen Gründen kritisieren sollte:

„Der Verband wird für sein Nationalteam bald noch höhere Einnahmen von Sponsoren, Ausrüstern und Sendeanstalten erzielen. Zugleich betonen die Funktionäre stets ihre Bodenhaftung gegenüber der Basis. Zwischen diesen unterschiedlichen Interessen ist es vielleicht gar nicht möglich, einen gesellschaftspolitischen Leitfaden zu entwickeln."

Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, die Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit war, empfiehlt, dass sich der DFB wieder mehr nach außen hin öffnen und sich gesellschaftspolitisch zurück ins Spiel bringen sollte.

Vor allem „braucht es glaubwürdiges Personal, das sich innerhalb des DFB für einen Mentalitätswandel stark macht". Erst dann klingt der Begriff Nachhaltigkeit nicht mehr wie eine Floskel.

Die Eigendynamik, die moderne Organisationen heute entfalten, ist nicht aufzuhalten oder rückgängig zu machen. Stabilitätsfixiert und konservativ zu sein, am Status quo und an dessen Erhaltung festzuhalten funktioniert nicht mehr. Entscheidend ist beides: Stabilität und Veränderung gleichermaßen in den Blick zu nehmen, der über den eigenen Tellerrand hinausgehen muss.

Zudem zeigt dies, dass der Satz des Soziologen Gunter Pilz nicht stimmt, dass ein Fußballverband mit einer großen Ehrenamtsstruktur andere Maßnahmen als ein Großunternehmen erfordert.

Nach außen wird der DFB wie ein Wirtschaftsunternehmen wahrgenommen, und er agiert wirtschaftlich auch ähnlich. Von einigen seiner Hauptsponsoren könnte der Verband (und seine Soziologen) durchaus lernen.

Eric Liedtke, der Mann hinter dem Wiederaufstieg des Sportkonzerns Adidas, ließ vor einiger Zeit seine Gedanken „regnen": Er sprach davon, wie Tropfen die Erde formten, sich in sie prägten und feine Furchen bildeten - daraus bildeten sich Flüsse „und dann fließt das Wasser immer wieder genau dort entlang - so entstehen Routine und Gewohnheit".

Zu viel davon lähmt das Denken und verhindert Innovationen. Deshalb sei es wichtig, bisherige Arbeitsweise immer wieder infrage zu stellen.

Die Deutsche Telekom nimmt gerade ihre Unternehmenskultur unter die Lupe. Auch davon könnte der DFB lernen, der neuerdings immer wieder von einer Compliance-Abteilung und Ethikkommission spricht - als ob das Problem des Verbandes damit gelöst werden könnte.

Zudem zeigen viele Compliance-Fälle der jüngeren Vergangenheit, dass die Krise durch eine „ungeschickte Kommunikation" vielfach deutlich verschärft worden ist.

Stefan Behringer, Autor des Buches „Compliance für Aufsichtsräte. Grundlagen - Verantwortlichkeiten - Haftung" (Erich Schmidt Verlag, Berlin 2016) verweist noch auf einen anderen Aspekt: das mittlere Management, das großen Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiter hat und oft als Bremse von Veränderungen im System wirkt.

Es genügt also nicht, nur ein Compliance-Management zu etablieren, um Verstöße zu verhindern, aufzuklären und zu ahnden. Entscheidend ist auch die Verbandskultur, in der Fehlverhalten offen angesprochen werden kann.

Die Telekom will deshalb das integre Verhalten und die Widerspruchskultur im Unternehmen stärken. "Der erste Schritt ist zu analysieren, wie es um die Kultur im Unternehmensalltag tatsächlich bestellt ist und welche Ursachen es für Fehlverhalten gibt", sagt Manuela Mackert, Chief Compliance Officer der Telekom.

Es soll herausgefunden werden, welchen Stellenwert ethisches und regelkonformes Verhalten im Unternehmen hat und welche Rolle etwa Hierarchie und die Ausrichtung auf bestimmte Ziele dabei „spielen".

Auch von der Deutschen Bahn kommen einige wichtige Impulse, die ergänzend zum Buch gelesen werden können. Im aktuellen Kundenmagazin (9/2016) des Konzerns ist ein Interview mit Oliver Bierhoff, Manager der Fußball-Nationalmannschaft, und DB-Chef Rüdiger Grube über die Kunst der Veränderung (!) zu finden.

Grube sagt hier: „Wer nicht auf das Kleine schaut, scheitert am Großen. Ich bemühe mich immer, genau hinzuschauen, unter die Oberfläche zu sehen. Nach meiner Überzeugung braucht es nicht nur Vision, sondern auch Traktion, um Dinge zum Erfolg zu führen."

Es ist schade, dass das alte Nachhaltigkeitsklischee des DFB auch in diesem Interview durchscheint.

So verweist Oliver Bierhoff darauf, dass er seit 1998 die Kampagnen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen unterstützt: „Außerdem die Mexiko-Hilfe des DFB, die sich um Kinderprojekte kümmert."

Das ist aus Einzelbausteinen zusammengefügte Wohltätigkeit, die kraftlos bleibt, wenn Nachhaltigkeitsmanagement und Kerngeschäft (Spielbetrieb) nicht miteinander verbunden sind.

Worauf es ankommt, drückte die neue Bundestrainerin Steffi Jones im DFB Journal (3/2016) folgendermaßen aus: „... wir wollen das Spiel bestimmen, wir wollen verschiedene Systeme spielen können, wir wollen uns aus Drucksituationen lösen, wir wollen die richtigen Entscheidungen treffen, wir wollen gut strukturiert sein, wir wollen aktiv sein".

Richtige Entscheidungen basieren auf richtigen Managementstrukturen und der Erkenntnis, etwas zu „können".

Das sind die richtigen Begriffe, die auch mit funktionierenden Systemen zu tun haben. Ronny Blaschkes „Gesellschaftsspielchen" laden dazu ein, die Regeln komplexer Systeme besser zu verstehen, um sie nachhaltiger gestalten zu können.

Zur Person:

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© Reinaldo Coddou H.

Ronny Blaschke, 1981 in Rostock geboren, arbeitet als freier Journalist u.a. für »Süddeutsche Zeitung«, »Die Zeit«, »Frankfurter Rundschau« und Deutschlandradio. Er veröffentlichte mehrere Bücher zu gesellschaftlichen Aspekten des Fußballs. Der Titel »Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball« wurde 2007 zum »Fußballbuch des Jahres« gewählt, und 2013 erhielt er den Julius-Hirsch-Ehrenpreis des DFB. Seine Recherchen lässt er auch in politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen einfließen.

Das Buch:

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Ronny Blaschke: Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2016.

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