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German Angst und Überheblichkeit: Wo ist unser Gründergeist geblieben?

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STARTUP
Hinterhaus Productions via Getty Images
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Gastbeitrag von Tobias Loitsch, Kommunikations- und Digitalisierungsexperte

„Wir waren überheblich"

Unternehmen wie Siemens, BASF oder Daimler sind weltweit bekannte deutsche Marken. Ihre Ursprünge reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Mit der Konstruktion des Zeigertelegraphen legte Werner von Siemens 1847 den Grundstein für die heutige Siemens AG. Daraus entwickelte sich aus einem Handwerksbetrieb ein international agierender Konzern.

Über 30 Jahre ist es nun her, dass es ein in Deutschland gegründetes Unternehmen zu globaler Größe und weltweiter Bekanntheit gebracht hat. Es war 1972, als die fünf ehemalige IBM Kollegen Claus Wellenreuther, Hans-Werner Hector, Klaus Tschira, Dietmar Hopp und Hasso Plattner die Firma SAP in Weinheim gründeten. Sie entwickelten Computer-Programme für die Buchhaltung, die zur damaligen Zeit noch mechanisch per Lochkarten gespeichert wurden.

Aus dem damaligen „StartUp" wurde ein Unternehmen mit einem Umsatz von ca. 20 Milliarden Euro im Jahr 2015. Doch seit dem Jahr 1972 hat es kein deutsches Unternehmen mehr geschafft, zu so einem Weltrang zu gelangen.

Heute dominieren Google, Tesla oder auch Allibaba den Wettbewerb, um neueste Technologien, die perfektesten Anwendung für Nutzer und die Erschließung neuer Geschäftsfelder durch Digitalisierung.

"Hört denen zu. Wenn wir auftreten wie Zauberlehrlinge, dann erfahren wir nie, was wir brauchen." Sagte der SAP Gründer Dietmar Hopp in der Aufbauphase seines Unternehmens zu den Entwicklern und ermahnte sie, den Kunden zuzuhören und offen für neue Ideen zu sein.

Wo ist der deutsche Gründergeist des 18. und 19. Jahrhunderts geblieben?

Wo ist das innovative Denken geblieben, das so viele Erfindungen hervorgebracht hat? Warum wird mittlerweile von der "German Angst" gesprochen, wenn es um die Digitalisierung und den technologischen Wandel in Deutschland geht?

Eine Ursache kann dabei in der Geschichte der stark industriell geprägten wirtschaftlichen Struktur Deutschlands liegen, denn heute noch liegen die Stärken der deutschen Wirtschaft im Anlagen- und Maschinenbau.

Anders sieht es in den USA, Asien, aber auch Großbritannien aus, denn hier, zwischen Los Angeles, London und Shanghai, hat die Digitalisierung bereits eine enorme Dynamik angenommen und ist mit einem deutlichen Abstand zu Deutschland voran geschritten.

"Wir waren überheblich", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser während einer Handelsblatt-Veranstaltung und berichtete folgende Begebenheit aus seinem Unternehmen:

„Ende der achtziger Jahre kamen drei junge Männer aus Kalifornien zu Siemens nach München. Sie hatten eine wirklich coole Geschäftsidee und wollten ein Treffen mit uns. Sie sagten:

‚Wir entwickeln eine Technologie, mit der man über das Internet telefonieren kann. Hätten Sie Interesse einzusteigen?' Unsere Leute hörten ihnen nur kurz zu, lachten dann und sagten: ‚Wie soll das denn funktionieren? Wenn das ginge, hätten ja wir es erfunden.'

So zu reagieren war ein Fehler. Die drei verabschiedeten sich. Einer von den dreien kam von einer Venture-Capital-Firma, die anderen zwei arbeiteten für ein kleines Start-up, aus dem später ein Weltkonzern werden sollte."

Der Name dieses Konzerns war Cisco, und dieser Fehler hatte dramatische Folgen, denn der Paradigmenwechsel wurde verschlafen und brachte das Telekommunikationsgeschäft von Siemens in ernste Schwierigkeiten. Am Ende musste es aufgegeben werden.

Kaeser sprach von der Überheblichkeit des Unternehmens: Wir verrieten damals das Erbe von Werner von Siemens, Innovation gegenüber aufgeschlossen zu sein."
Wandel von Denkmodellen und selbstkritische Fehlerkultur

Nachhaltige Digitalisierung erfordert die Änderung von Denkmodellen. Für Unternehmen bedeutet eine nachhaltige Digitalisierung eine radikale Prüfung von grundsätzlichen Sichtweisen und Betrachtungen von Geschäftsmodelle, wie sie bisher betrieben wurden.

Es erfordert ein tiefgreifendes Wissen und Verständnis im Management, neue Entwicklungen zu ermöglichen, um Wachstumssektoren zu finden und daraus zukünftige profitable Geschäftsfelder nutzbar zu machen.

Die Grundlage ist die Trennung und Neubestimmung von bestehenden Denkmodellen, wenn es darum geht, bestehende Geschäftsmodelle in digitale Prozesse zu integrieren und dadurch neue Potenziale zu erschließen. Hierzu kann es nötig sein auch bestehende Kunden und Zielgruppen aus dem bisherigen Fokus zu nehmen.

Strukturen und Kulturen

Die Prozesse der Digitalisierung werden von Menschen generiert und gesteuert. Zur Nutzung und Erschließung der kommenden Möglichkeiten ist es notwendig, die bestehenden Strukturen zur Entwicklung von Innovationen und Kreativität zu stärken.

Es geht darum, eine Offenheit im Denken und Handeln zu fördern und zu unterstützen. Dafür müssen Freiräume im psychischen wie auch im physischen Sinne geschaffen werden. Das Zusammenspiel von einem gesellschaftlichen Umfeld, was Anreize schafft und neue Technologien zulässt.

Der erste Schritt ist eine Vision, dabei gilt es strategisch vorzugehen und Etappen für den Prozess der Digitalisierung zu schaffen.

Die etablierten Strukturen von Management basieren auf dem klassischen Top-Down Modell und sind nicht ausreichend geeignet zur Etablierung von neuem Denken im Aufbau von digitalen Prozessen.

Die Rolle der Führungskräfte besteht hier eher darin, die Mitarbeiter zu motivieren und ihre Fähigkeiten optimal zu nutzen. Das kann durch die Schaffung von Arbeitsräumen im Bootcamp oder Unit Character für Mitarbeiter erreicht werden, in denen eine grundlegende praxisgerechte Demonstration zu Abläufen und Funktionsweisen der Digitalisierung stattfindet.

• Bedeutung von Netzwerkeffekten und Plattform-Denken
• Erfassung, Auswertung und Nutzen von Daten
• Wirkung und Nutzen von analog zu digital
• nachvollziehbare Best Practice Beispiele
• Generierung von Ideen zur digitalen Umsetzung

Dabei sollten unvorhersehbare Entwicklungen und Ergebnisse ermöglicht werden. Der offene Umgang mit Risiken und möglichen Fehlern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Der Umgang und das Umfeld einer ehrlichen selbstkritischen Fehlerkultur ist jedoch für viele Unternehmen noch gewöhnungsbedürftig.

Was eine nachhaltige Digitalisierung ausmacht

Es ist von grundlegender Relevanz zu Beginn der Entwicklung einer Strategie zur Digitalisierung klare strategische Ziele zu definieren. Diese werden im Verlauf des Prozesses kontinuierlich mit der Entwicklung und den entstehenden Ansätzen verglichen und einer Validierung unterzogen.

Dazu müssen Unternehmen einerseits die Voraussetzungen bereitstellen und andererseits die Realisierung zielgerichtet voranbringen.

• strategische Ziele definieren
• Schaffung eines neuen Bewusstseins und einer Denkkultur
• offener Umgang mit Risiken und möglichen Fehlern
• Überraschungen zulassen und wertschätzen

Digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln bedeutet, Ideen und Gedanken zu neuen Ansätzen zu verknüpfen. Um daraus ein zukünftiges, erfolgreiches und digitales Geschäftsmodell zu entwickeln, ist eine frühzeitige Erprobung nötig. Diese sollte unbedingt ohne die Beeinträchtigung des bestehenden Kerngeschäfts erfolgen.

Hier bietet sich die Einbindung und Nutzung von spezialisierten Partnern in Form von Corporate Venturing an. Zudem kann mit Inkubatoren und Acceleratoren der Zugang zu bereits vorhandener und erprobter Technologie zur Nutzung für eigene Modelle geschaffen werden.

Mit dem Abschluss der Entwicklungs- und Erprobungsphase müssen marktreife, erfolgversprechende Modelle in eine zu fassende Digitalstrategie einfließen, die sich in die Unternehmensstrategie einfügt und zusammen eine Symbiose bilden. Dabei sind strategische Muster im Handeln, in der Vielfalt des digitalen Umfeldes besonders traditionell positionierte Unternehmen schwierig zu fassen.

• nach ersten Prototyp frühzeitige Erprobung
• Know How Transfer durch Corporate Venturing
• Nutzung von Inkubatoren und Acceleratoren
• Einbindung in bestehende Strategie des Unternehmens

Es gilt den Prozess der Digitalisierung und die einhergehenden Veränderungen für jeden einzelnen erlebbar und greifbar zu machen, mit den unterschiedlichen Ängsten richtig umzugehen und den gesamten Prozess kommunikativ und organisatorisch zu begleiten. Dabei kann eine Kommunikation helfen, die die Schritte, Erfolge und Entwicklungen sichtbar macht und diese im Unternehmen publiziert.

Damit diese Entwicklungen im Unternehmen abgebildet werden können, bedarf es einer fundierten Integration der Digitalisierung in die Unternehmensstrategie. Diese Strategie muss glaubhaft und greifbar kommuniziert werden, damit sie von den Mitarbeitern mit getragen und akzeptiert wird.

Zur Person:

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Foto: Tobias Loitsch

Tobias Loitsch beschäftigt sich als Kommunikationsexperte mit der grundlegenden Entwicklung von Strategien zur Digitalisierung von Geschäftsmodellen für mittelständische Unternehmen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich Corporate Social Responsibility. Als Gründer des StartUps HarmonyMinds hat er ein Magazinformat geschaffen, das die Themen „Achtsamkeit und bewusstes Leben" mit aktuellen Lifestyle-Inhalten verbindet.

Tobias Loitsch ist tätig als Autor, Moderator und Dozent. Er beschäftigt sich mit Trends und Auswirkungen der digitalen Entwicklung auf die Gesellschaft. Zudem ist er aktiv bei den Wirtschaftsjunioren Deutschland sowie der German-British Chamber of Industry & Commerce London.

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