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Geordnetes Zusammenspiel: So hat Helmut Dietl den ganz normalen Wahnsinn verdichtet

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MUENCHEN
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„A bissel was geht immer..."

Der Leser begegnet in diesem Buch einem unbekannten Helmut Dietl aus einer Zeit, als er noch nicht „der" Helmut Dietl war. Schreibt Tamara Dietl im Vorwort der unvollendeten Erinnerungen ihres Mannes Helmut Dietl, der zu den bedeutendsten deutschen Filmemachern gehört.

Mit den „Münchner Geschichten", „Monaco Franze", „Kir Royal", „Schtonk!" oder „Rossini" ist er längst im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verankert. Am 2. März 1983 sendete das Bayerische Fernsehen die erste Folge von „Monaco Franze", der sich auch der Buchtitel verdankt: „A bissel was geht immer"

Nichts in diesen hintergründig-komischen Aufzeichnungen ist „abgedreht", sondern bodenständig, ja selbst der alltägliche Wahnsinn scheint im Spiegel seiner berühmten selbstironischen Distanz normal.

Bis zu seinem Tod arbeitete der Filmregisseur an seiner Autobiografie: Da sind die Großväter und sich ewig bekämpfenden Großmütter, ein alkoholabhängiger Vater und eine sich für ihren Sohn aufopfernde Mutter.

Nach 15 Jahren ging die Ehe seiner Eltern in die Brüche, nachdem die Familie in Neuhaus am Schliersee mit einer Gaststätte und einem Kino pleiteging. Noch Jahre später musste die Mutter die Schulden ihres Ehemanns abbezahlen.

Im Alter von ungefähr zehn Jahren gewöhnte sich Helmut Dietl daran, von jeder neuen Freundin ein Foto zu erbitten, „um dieses dann in einer alten Brieftasche auf dem mit Gerümpel vollgestopften Speicher des Hauses der Greiner-Oma zu verstecken". Es gab viele „Freundinnen" - und Fotos.

1962, Helmut Dietl war gerade achtzehn Jahre, eroberte er Herz und das Bett seiner ersten richtigen Freundin: der Eier-Lili, eine Großbauerstochter aus dem Erdinger Moos, die auch das erste eigene Liebesnest am Schwabinger Nikolaiplatz finanzierte.

Detailliert werden auch die entscheidenden Lehrstunden bei einer zwanzig Jahre älteren Frau beschrieben: der Volksschauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Elfie Pertramer, Dietls Geliebter und Förderin. Ihre Tochter war (Busen-)Dorle, Dietls „Gottesgabe", mit der Dietl vorher eine Liebesbeziehung hatte. Als sie schwanger wurde, ließ sie abtreiben. Die Liebe starb, und Dorle verschwand nach Paris. Helmut blieb in München - im Bett mit Dorles Mutter.

Die Geliebte sorgte dafür, dass Dietl, inzwischen 22 Jahre, beim Fernsehen angestellt wurde (für damalige Verhältnisse sagenhafte 500 Mark monatlich): als Aufnahmeleiter, Regieassistent und Drehbuchberater.

Seine dreimonatige Grundausbildung leistete Helmut Dietl bei den Fallschirmjägern in der Prinz-Eugen-Kaserne im nordbadischen Külsheim ab. Hier lernte er Ex-Nazis, Saufkumpanen und Raufbolde kennen.

Die Aufzeichnungen enden im Sommer 1967 mit dem Sechstagekrieg, der Dietl zur Annahme verleitet, dass mit einer schönen jüdischen Bekannten jetzt „ein bissel was gehen" könnte.

Die „Wahrheit hinter der Wirklichkeit"

Enthalten sind auch Fragmente über das Leben in Los Angeles in den frühen Achtzigerjahren, die dritte (französische) Ehefrau und das Drehbuchschreiben mit Patrick Süskind in der Provence sowie einige Passagen zum Drehbeginn von "Kir Royal" in München.

Dass Helmut Dietl ein wunderbarer Geschichtenerzähler war (und bleibt), zeigt sich auch in diesem Buch, das seine Witwe als seinen „letzten Film" bezeichnet. Dass gerade sie dies sagt, hat insofern besonderes Gewicht, weil beide ein gemeinsames Lebensthema einte: „die großen Fragen des Künstlers an das Zusammenspiel von Realität und Fiktion".

Der stabile Rahmen für die dahinfließenden Liebes-, Trennungs- und Reisegeschichten von Helmut Dietl, die die „Wahrheit hinter der Wirklichkeit" erzählen, sind das Vorwort seiner Ehefrau und Herausgeberin Tamara und das Nachwort des Schriftstellers und Drehbuchautors Patrick Süskind, der in seinen „Erinnerungen an eine Freundschaft" schreibt:

„Dramaturgisches Denken und das Erzählen in dramaturgischer Form sind Dinge, die man nicht erlernen kann, sondern für die man begabt sein muss. Er war's. ich nicht. Aber ich habe gelernt, dass ich's nicht bin, und dass es in den meisten Fällen für die Sache gut und richtig war, seinem dramaturgisch zuspitzenden Instinkt zu folgen und nicht meinem gemächlich prosaischen."

Beide Texte können als Plädoyer für das Geschichtenerzählen gelesen werden, denn davon hängt buchstäblich auch unsere Zukunft ab. Schon Paläoanthropologen bestätigen, dass, wer überleben wollte, kooperativ und hilfsbereit sein und die Emotionen der anderen lesen können musste. Das Erzählen von Geschichten (für Helmut Dietl war es auch ein physiologisches Bedürfnis) hatte zudem einen Überlebensvorteil.

Dietl und Süskind zeigen in ihren Texten, dass Geschichten über Anfang und Ende, Aufbruch und Erlösung in einem ein geordneten Zusammenspiel auch unser Weltverständnis verändern können, indem sie das Erzählte reflektieren und in übergeordnete Zusammenhänge stellen.

1976, als Dietls geliebte Mutter Else mit 56 Jahren stirbt, trägt er weiß. Bis er 25 Jahre später Tamara kennenlernt: „Von da an wurden die Kleider erst beige, dann über dunkelblau zu schwarz. Er sagte dann: Ich brauche das nicht mehr."

Tamara Dietls Buch „Die Kraft liegt in mir. Wie wir Krisen sinnvoll nutzen können", das 2015 erschien, kann nicht nur als reflektierte Fortschreibung der letzten Lebensjahre von Helmut Dietl gelesen werden, sondern auch als geordnetes Zusammenspiel von Möglichkeit und Wirklichkeit, Sein und Schein, Leben und Tod.

Viele Themen ihres Buches berühren sich sogar mit denen der Dietl-Erinnerungen: So verweist Süskind in seinem Nachwort auf die nervöse Grundanspannung, die innere Unruhe und Rastlosigkeit des Regisseurs, dem „Abschalten" ein Horror war. Auch Tamara Dietl berichtet in ihrem „Lebensbuch", dass ihr Mann mit dem Genießen immer seine Probleme gehabt hat und sein Leben lang nicht viel vom sogenannten „geselligen Beisammensein" hielt: „weder im Allgemeinen und noch viel weniger im Besonderen". Während ihrer gemeinsamen fünfzehn Jahre haben sie seinen Geburtstag so gut wie nie gefeiert.

Und noch eine thematische Schnittmenge, die das Dietl-Bild vervollständigt: Süskind betont Dietls Intelligenz und seine Fähigkeit, sich von unlösbaren Problemen dadurch zu befreien, dass er sich in neue, unlösbare Probleme verstrickte.

Dazu findet sich eine interessante Passage im Buch seiner Frau Tamara, die bemerkt, dass ihr Mann - anstatt erstmal ein konkretes Problem anzugehen - schon wieder mit unkonkreten Eventualitäten im Konjunktiv unterwegs war:

„Der Konjunktiv blockiert einen nämlich immer dann, wenn er das Treffen von Entscheidungen erschwert oder gar unmöglich macht."

Wer die Klarheit und das Denken liebt, sollte beide Bücher lesen - die Reihenfolge ist unwichtig, denn es geht bei beiden Dietls um den präzisen Umgang mit Sprache, die wiederum das Denken formt. Nach der Lektüre wird dem Leser bewusst, dass die Erinnerungen des Regisseurs gar nicht unvollendet sind, wenn sie auf die Folie dieser literarischen Erweiterung gelegt werden.

Tamara Dietl berichtet, dass der erste Schritt im selbstbestimmten Umgang mit Gefühlen „innehalten" heißt, dass dies wie bei einem Muskel ist, der automatisch wächst, wenn er regelmäßig trainiert wird. Sie gesteht aber auch, dass Lebenstraining, Zeitmanagement und Selbstführung für ihren Mann nicht nur Fremdwörter waren, sondern sogar um „feindliches Vokabular".

Doch die Wahrheit, die sich in seinem Buch erzählerisch offenbart, zeigt sich am Ende in aller Klarheit - im Buch seiner Frau:

„Frau Doktor", sagte der krebskranke Helmut Dietl ruhig (!) in der letzten Zeit vor seinem Tod: „Ich liebe keine Überraschungen. Ich verlange Klarheit und möchte wissen, was los ist. Das Schlimmste ist für mich, wenn man drum rumredet."

Literatur:

Helmut Dietl: A bissel was geht immer. Unvollendete Erinnerungen. Mit einem Nachwort von Patrick Süskind. Kiepenheuer / witsch, Köln 2016.

Tamara Dietl: Die Kraft liegt in mir. Wie wir Krisen sinnvoll nutzen können
Random House GmbH, München 2015.

Im Band „CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft" (hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer), der Anfang 2017 im Fachverlag SpringerGabler erscheint, ist Tamara Dietl mit dem Beitrag „Mensch sein heißt Sinn finden oder Vom Perspektivenwechsel in Zeiten der digitalen Transformation" vertreten.

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