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Genauigkeit braucht Seele: Darum ist der gesunde Menschenverstand heute unverzichtbar

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Hiroshi Watanabe via Getty Images
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Am Anfang war ein Traum

Wie kann unsere Seele der unaufhaltsamen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung, zu der auch Datengenauigkeit und Transparenz gehören, noch folgen? Was braucht es, damit „Genauigkeit und Seele" in Balance sind?

Vor allem: Möglichkeitssinn. Der Begriff findet sich im ersten, 1930 erschienenen Band des Jahrhundertromans „Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil.

Wer ihn hat, gibt den neuen Möglichkeiten erst „ihren Sinn und ihre Bestimmung, und er erweckt sie".

Das zeigt sich auch an der berühmten Rede von Martin Luther King, die er anlässlich des Marsches auf Washington für Arbeit und Freiheit am 28. August 1963 in Washington D.C. vor dem Lincoln Memorial hielt: „Ich habe einen Traum." Hätte er von Wirklichkeit gesprochen, blieben Denken und Handlungsmöglichkeiten beschränkt.

Die mit einem Möglichkeitssinn ausgestattete Person hat einen unbegrenzten Raum alternativer Denk­ und Handlungsweisen vor sich.

Der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart, der das Cradle to Cradle-Prinzip entwickelte, sagte einmal: „Träume, was du willst, um die Zahlen kümmere dich später."

Wer sich nur an Zahlen orientiert, schränkt sein Sichtfeld ein und richtet seinen Blick nicht mehr auf die Möglichkeiten und Chancen, sondern nur auf „den Acker der Realitäten vor seinen Füßen, den er umzupflügen hat". Dadurch wird auch das eigene Handeln auf ein Ziel hin eingeschränkt.

Warum auch Realitätssinn unverzichtbar ist

2014 schrieb ich den HuffPost-Beitrag Keine Zukunft ohne Visionäre: Warum Möglichkeitssinn wichtiger ist als Realitätssinn, den ich heute so nicht mehr stehen lassen möchte.

Denn was wir brauchen, um „Genauigkeit und Seele" im Gleichgewicht zu halten, ist neben dem Möglichkeitssinn auch Realitätssinn, der als gesunder Menschenverstand beurteilt, „ob etwas der Wirklichkeit angemessen oder ihr fremd ist".

So wird er beispielsweise gern genutzt, „um kopflastigen Konzepten Unrealisierbarkeit zu attestieren".

Dr. Robert Nehring weist in seiner Dissertation nach, dass der gesunde Menschenverstand bildliche Vorstellungen und konkrete Situationen benötigt, immer einen Schritt nach dem anderen macht und sich kein X für ein U vormachen lässt, was zu einer Urteilssicherheit beiträgt:

„Von der Existenz der Zentrifugalkraft ist er erst überzeugt, wenn man ihn z. B. an das Karussellfahren denken lässt. Aufgrund dessen sind auch die Urteile des gesunden Menschenverstandes stets anschaulich."

Der Begriff „gesunder Menschenverstand" steht nach Nehring im Wesentlichen für den einfachen, erfahrungsgestützten und allgemein geteilten Verstand des Menschen. Ihm entspricht, was leicht zu verstehen ist und durch Erfahrung bestätigt werden kann:

„Statt sich in schwierige Theorien zu versteigen, zählt er eins und eins zusammen."
Durch seine Erfahrungsnähe erweist er sich als „sehr kompetent" in der konkreten Anwendung von Regeln.

Sein Urteil ist zielorientiert, aufs Nützliche, Angemessene und Zweckmäßige bedacht. Deshalb eignet er sich hervorragend, den Alltag pragmatisch zu meistern. In Österreich wird in diesem Zusammenhang auch von der Domäne des „Hausverstandes" gesprochen.

Sein „Gebrauch" ist einfach und bedarf keiner großen Anstrengung, zu der beispielsweise tiefe Reflektion gehört. Deshalb lassen sich seine Urteile auch nicht streng rational begründen. Sie überzeugen durch:

• Wahrscheinlichkeit
• Nachvollziehbarkeit
• Anschaulichkeit.

Der gesunde Menschenverstand ist Anwendungsverstand, hat seine Domäne also in den „praktischen Fragen des alltäglichen Lebens". Er ist Normal-, Erfahrungs- und Jedermannsverstand zugleich.

Dass vor allem auch die Wissenschaft vom Realitätssinn des anwendungsklugen Common Sense profitieren kann, zeigt Robert Nehring in seinem (Dissertations-)Buch „Kritik des Common Sense. Gesunder Menschenverstand, reflektierende Urteilskraft und Gemeinsinn - der Sensus communis bei Kant":

Nach einer exakten Bestimmung des Begriffs und dessen Erscheinungsformen bei Immanuel Kant, der für den Common Sense in seiner Funktion als praktischer Anwendungsverstand auch den Ausdruck „Urteilskraft" verwendet, verfolgt er die drei Hauptgestalten des Common Sense bei dem Königsberger Philosophen („gesunder Menschenverstand", „reflektierende Urteilskraft" und „Gemeinsinn") durch dessen vorkritische (populäre) Periode, die drei Hauptwerke der Kritik und die nachkritische (pragmatische) Schaffensphase.

Es werden Funktionen des Common Sense herausgearbeitet, die für die Philosophie, die Einzelwissenschaften und darüber hinaus unentbehrlich sind.

Gesunder Menschenverstand - eine Begriffskarriere

Seit 2010, dem Jahr des Erscheinens der Publikation von Robert Nehring, ist eine unaufhaltsame Karriere des Begriffs gesunder Menschenverstand zu verzeichnen. Vielfach wurde auch in der Huffington Post darüber berichtet:

Maßstab im Herzen. Warum wir den gesunden Menschenverstand brauchen

Über die große Bedeutung des guten, alten Bauchgefühls

Keine Täuschung: Warum wir mit gesundem Menschenverstand bessere Führungskräfte sind

Der innere Kompass: Wie wir heute richtig navigieren

Auslöser für meine Auseinandersetzung mit dem Thema war der regelmäßige Austausch mit Dr. Sebastian Gradinger, ehemaliger Geschäftsführer der WÖHRL Akademie GmbH und Herausgeber des Buches „Nachhaltig führen mit gesundem Menschenverstand".

Wie Robert Nehring plädiert auch Sebastian Gradinger dafür, den gesunden Menschenverstand wie einen Muskel ständig zu trainieren.

Seine Zurückdrängung im Zeitalter der Digitalisierung und Spezialisierung des Wissens stellt eine immense Gefahr dar:

Denn so droht der gesunde Menschenverstand beispielsweise, „sich in einen wissenschaftsgläubigen technischen Verstand zu verwandeln, dem der Umgang mit Handy, Computer und Internet selbstverständlich ist, der aber nicht mehr ausreicht, einen privaten Haushalt zu führen", schreibt Nehring.

Es würde „das die Menschen verbindende, gegenseitiges Verstehen ermöglichende, Orientierung und Bedeutung gebende Grundverständnis von der Welt" verloren gehen - aber auch die Fähigkeit, in ausreichendem Maße „selbst zu denken" und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Das macht eine Könnensgesellschaft aus, die ihre Wurzeln in der praktischen Form des Erfahrungswissens hat, das sein Potenzial nur voll entfalten kann, wenn sich Möglichkeits- und Realitätssinn nachhaltig ergänzen.

Literatur:

Robert Nehring: Kritik des Common Sense. Gesunder Menschenverstand, reflektierende Urteilskraft und Gemeinsinn - der Sensus communis bei Kant. Duncker & Humblot GmbH, Berlin 2010.

Nachhaltig führen - mit gesundem Menschenverstand. Hg. Sebastian Gradinger und Robert Rösch. Hardcover, Goldegg Verlag 2015.

Zur Person:

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Dr. Robert Nehring, gebürtiger und bekennender Berliner, Jahrgang 1974, wurde 2010 mit einer philosophischen Arbeit über den gesunden Menschenverstand an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Seit 1997 war er von Beginn in verschiedensten Funktionen im PRIMA VIER Verlag Frank Nehring tätig: vom Korrektor, Webmaster, freien Redakteur über den Chefredakteur von fünf Magazinen bis hin zum Verlagsleiter und Prokuristen.

Seit 2016 ist er geschäftsführender Alleingesellschafter des Verlags und fungiert als Chefredakteur der Magazine Das Büro (seit 2003), Modern Office (seit 2010) und OFFIXX (seit 2011) sowie als Sprecher der Aktionen Aufstand im Büro und Bewegung im Büro (seit 2012) und als Leiter des DIMBA Deutsches Institut für moderne Büroarbeit (seit 2016).

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