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Geld und Geist. Was wir durch Gemeinwohl-Ökonomie gewinnen

12/05/2015 09:50 CEST | Aktualisiert 12/05/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Nachhaltigkeit - „Wir brauchen einen Wandel hin zu einem ehrlichen, verantwortlichen Wachstum, also eines, das wir uns mit den unserer Generation zur Verfügung stehenden finanziellen und natürlichen Ressourcen wirklich leisten können", sagte Bundespräsident a.D. Horst Köhler am 5. Mai 2014 im Rahmen der econsense-Veranstaltung „Berliner Forum. Globale Wert(e)schöpfung - Unternehmerische Verantwortung weltweit" im Haus der deutschen Wirtschaft in Berlin.

Seine Rede trug den Titel „Die deutsche Wirtschaft und die neue große Transformation". Was heißt das aber konkret? Welche Möglichkeiten haben vor allem kleine und mittlere Unternehmen, auf diese geänderten Ansprüche zu reagieren?

Die Gemeinwohlbilanz bietet ihnen ein geeignetes Instrumentarium. Die Idee einer Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die 2008 geboren wurde, kann dabei ein wichtiger Wegweiser sein. Sie ist ein Strategie- und Steuerungsinstrument der Unternehmensführung - unabhängig von der Größe der Organisation.

Auch wenn Unternehmen verschiedene Wege und Orientierungsrahmen im Nachhaltigkeitsmanagement zur Verfügung stehen wie EMAS Plus, UNGC, OECD-Leitsätze, Deutscher Nachhaltigkeitskodex, ISO 26000 und Global Reporting Initiative (GRI), so überfordern viele Standards gerade kleine Unternehmen:

Die Auditierungs- und Lizenzierungskosten sind hoch, und der Schwerpunkt dieser Standards liegt vor allem auf einer Berichterstattung als auf einer gezielten nachhaltigen Entwicklung.

Matrix der Nachhaltigkeit

Kern der Gemeinwohlbilanzierung ist die Analysematrix mit 17 Indikatoren, die auf einer DIN A4-Seite Platz finden. Sie verbindet Werte wie ökologische Verantwortung, Gerechtigkeit, Transparenz und Mitbestimmung mit den Berührungsgruppen eines Unternehmens, das mit Hilfe der „Matrix" dokumentiert, wie es humanistische Werte gegenüber Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden, Investoren und der Gesellschaft lebt.

Ein Punktesystem ermöglicht die Einordnung des eigenen Engagements und bildet damit die Grundlage für eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie. „Dadurch wird eine Vergleichbarkeit und eine präzise Definition vom Status-Quo ermöglicht", sagt Dr. Oliver Viest, Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur em-faktor.

Ergänzt wird die Analysematrix von einem dazugehörigen Handbuch, das Anregungen und Best-Practice-Beispiele enthält. Beide sind kostenlos erhältlich.

Die GWÖ-Bilanz wird im ersten Schritt als Selbsteinschätzung in Form eines ausführlichen GWÖ-Berichts erstellt. Anschließend prüft und bewertet ein externer GWÖ-Auditor die Angaben. Mit Hilfe eines Punktesystems ergibt sich ein direkter Vergleich zwischen der Selbsteinschätzung und der Einschätzung des externen GWÖ-Auditors.

Resultate werden im Audit-Bericht veröffentlicht. Das dazugehörige Testat gibt die Bilanzsumme (die erreichte Gesamtpunktzahl) bekannt. Daran lässt sich der Beitrag, den das Unternehmen für das Gemeinwohl leistet, messen und vergleichen.

Ein Gewinninteresse ist mit der Zertifizierung nicht verbunden, auch fallen keine Lizenzkosten an. Veränderungen im Bewertungsrahmen werden öffentlich diskutiert und dokumentiert.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist als gemeinnütziger Verein organisiert. Interessierten Unternehmen stehen regionale Ansprechpartner zur Verfügung.

Die erste Gemeinwohl-Bilanz in der Outdoor-Branche

Weit über 100 Unternehmen haben inzwischen einen Gemeinwohlbericht erstellt. Darunter die VAUDE Sport GmbH aus Tettnang. Als erstes Unternehmen der Outdoor-Branche veröffentlichte VAUDE eine auditierte Gemeinwohl-Bilanz. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist für das Unternehmen ein wichtiger Baustein für mehr Transparenz und ein weiterer Schritt, sich dem kritischen Dialog mit der Öffentlichkeit zu stellen.

Die GWÖ-Bilanz, die nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Nichtregierungsorganisationen konzipiert ist, vergibt Punkte auf einer Skala von -2.850 bis +1.000. VAUDE erreichte 502 Punkte und damit eine für ein Wirtschaftsunternehmen erfreulich hohe Wertung (Stand: April 2015).

Insbesondere in den Bereichen „Ökologische Gestaltung von Produkten" und „Reduktion ökologischer Auswirkungen" gilt VAUDE als vorbildlich. So hält sich VAUDE mit seinem eigenen Bewertungssystem, „Green Shape" freiwillig an strenge Kriterien für umweltfreundliche und ressourcenschonende Produkte. Außerdem ist das Unternehmen am Standort Tettnang klimaneutral und nach dem europäischen Umweltmanagementsystem EMAS zertifiziert.

Auch beim „Ethischen Beschaffungswesen" scheidet VAUDE sehr gut ab - hierbei spielt die Mitgliedschaft bei der Fair Wear Foundation, welche die Einhaltung fairer Produktionsbedingungen weltweit überprüft, eine wichtige Rolle.

„Tue nichts Böses"

Weltweit engagieren sich immer mehr Menschen, die Korrekturen in der Wirtschaft für notwendig halten und sich für den GWÖ-Ansatz aussprechen.

Ökonomischer Erfolg wird hier nicht nur in Geld, sondern mit nicht-monetären Nutzwert-Indikatoren gemessen -auf der Ebene des Unternehmens als auch der Volkswirtschaft. Die Bewegung versteht sich als partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung.

So entstehen beispielsweise in den USA immer mehr „B Corps" oder „Benefit Corporations", die als „Wohltat-Unternehmen" seit 2014 gesetzlich zugelassen sind und eine formalisierte Version der Google-Maxime darstellen: „Tue nichts Böses". Auch hier wird nicht nur auf Gewinne geachtet, sondern auch auf soziale und ökologische Aspekte.

Inzwischen sind mehr als tausend Unternehmen von der gemeinnützigen Organisation B Lab zertifiziert worden, darunter auch der Outdoor-Ausrüster Patagonia. Außerhalb der USA gibt es 900 B Corps in 32 Ländern (Stand: April 2015).

Christian Felber, der das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie entwickelte, ist einer der bekanntesten Vertreter der alternativen Wirtschaftsszene. Der Österreicher setzt sich dafür ein, gemeinsame Ideen in der Praxis umzusetzen und Vertrauen, Verantwortung, Mitgefühl, Teilen und Solidarität zu fördern:

„Wenn wir es schaffen, die Werte der Wirtschaft mit den Werten der Gesellschaft in Einklang zu bringen, schafft das enorm viel Freiheit für ein lust- und kunstvolles Leben." (SZ, 7.1.2014)

In seinen Büchern beschreibt Felber zentrale Elemente eines neuen Ordnungsrahmens für gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften, der in einen verbindlichen Rechtsrahmen eingebettet werden soll. Er gehört zu jenen, die gesellschaftlichen Wandel als ihr primäres Ziel deklarieren und nicht darauf warten, bis andere handeln.

Wo wir uns finden

Wer selbst aktiv wird, ist sich bewusst, dass soziale Verantwortung mit Eigenverantwortung beginnt. Das ist der erste Schritt zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, bei der es nicht um Eigennutz und eine rücksichtslose Gewinnmaximierung geht, sondern auch der Sinn der geschäftlichen Tätigkeit für das Gemeinwohl berücksichtigt wird.

„Dabei geht es um eine verantwortbare Balance zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Ein Verantwortungsethos setzt deshalb voraus, dass sich in einer Handlung die gute Absicht und der weitsichtige Blick für ihre Wirkung vereinen.

Wenn Unternehmer und Manager soziale Verantwortung übernehmen, wirkt sich das in besonderer Weise auch positiv auf die gesamte Gesellschaft aus. Allerdings müssen Worte und Taten übereinstimmen."

Sagt der CSR-Experte Wolfgang Scheunemann, der auch bestätigt, "dass Unternehmen weiche Faktoren immer stärker als Wettbewerbsvorteil identifizieren, durch die sie sowohl kurz- wie langfristig unternehmerische Erfolge erzielen können".

Nachhaltiges Wirtschaften, also die umfassende und vollständige Integration sozialer und ökologischer Ziele entlang der gesamten Wertschöpfungskette in der Unternehmensführung, bleibt für ihn die eigentliche Herausforderung.

Im April 2015 stand die Gemeinwohlbilanz u. a. auch im Fokus des von Wolfgang Scheunemann initiierten und organisierten Deutschen CSR-Forums - wie wichtig dieser Nachhaltigkeitsstandard von Unternehmern für Unternehmen ist, zeigt auch, dass ein umfangreicher Beitrag von Dr. Oliver Viest, Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur em-faktor, als „Topstory" auf die Onlineplattform aufgenommen wurde und auch nach dem Kongress Interessierten zugänglich ist.

Der österreichische Chocolatier Josef Zotter, für den die Maximierung der Menschlichkeit wohl der größte Gewinn ist, schreibt in seinem Buch „Kopfstand mit frischen Fischen. Mein Leben - meine Überzeugungen", dass die Wirtschaft schon seit Jahren immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand rennt. Und er fragt: „Wo sind die Leute, die etwas bewegen? Die, die etwas verändern wollen?"

Sie sind da, gehen aber wie viele Mittelständler häufig nicht an die Öffentlichkeit, weil sie sich auf ihre Aufgaben, ihren Beitrag für die Gesellschaft konzentrieren, der über ihr eigenes Leben hinausreicht. Sie tun das, was sie tun können mit dem, was sie haben - dort, wo sie gerade sind.

Weitere Informationen

Gemeinwohlökonomie

ECOGOOD-MAP - die interaktive Landkarte der GWÖ

Gemeinwohlbilanz und Deutsches CSR-Forum

Video-Statement zur Gemeinwohl-Ökonomie von Antje von Dewitz

VAUDE Gemeinwohlbericht mit GWÖ-Bilanz

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