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Gelassenheit und Realismus: Warum wir keine Energie in Dinge stecken sollten, die nicht zu ändern sind

25/11/2017 14:42 CET | Aktualisiert 25/11/2017 14:58 CET
gilaxia via Getty Images

Interview mit den Sportmanagementexperten Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches)

Für den Trainer eines (Fußball-)Teams stehen kurz vor Ende der Saison die wichtigsten Spiele an. In der Tabelle steht sein Team auf dem 4. Platz - ein Sieg gegen den ärgsten Konkurrenten am kommenden Spieltag entscheidet möglicherweise über Platz 3 - und damit über die direkte Teilnahme an der Champions-League. Doch am Spieltag kritisiert ihn sein Vorstand offen über die Medien und schließt einen vorzeitige Vertragsverlängerung aus. Was ist für Sie bemerkenswert an dieser Situation?

Der Vorstand schädigt nicht nur den Coach, sondern vor allem sich selbst, spielt das Team doch weniger für den Trainer, denn vielmehr für den gesamten Club. Fixe Einnahmen durch die bloße Teilnahme an der Champions-League: 15 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen Einnahmen von 2.6 Millionen Euro, erreicht das Team lediglich Platz 4 und damit die Teilnahme am UEFA-Cup. Was also kann einen Vorstandsvorsitzenden dazu bewegen, derart in Rage zu geraten und den eigenen Trainer anzuzählen? Und wie muss sich vor allem der Trainer fühlen, einerseits Chef einer Gruppe, die es zu führen, zu fördern und zu fordern gilt, andererseits Auftragsempfänger der Chefetage eines Clubs. Nachfragen sollte man beim erfolgreichstem Trainer der bisherigen Clubgeschichte des Ballspielvereins Borussia Dortmund, Thomas Tuchel, der trotz des Erreichens des dritten Platzes aufgrund von „zwischenmenschlichen Problemen" am Ende der Saison 2016/2017 von Seiten der Vereinsführung umgehend entlassen wurde.

... und dem genau dies wiederfahren ist...

... und zwar wenige Stunden vor dem so wichtigen Spiel gegen die TSG Hoffenheim. Und während Tuchel um 15.15 Uhr und kurz vor Spielbeginn sich live zu diesen Vorfällen nicht äußern wollte („Sie verstehen, dass ich mich dazu zwingen muss, den Fokus auf das rein Sportliche zu richten - und alles ausblende, was nicht damit zu tun hat."), fragte sich der allgemeine Fußballinteressierte, was der Vorstandsvorsitzende des börsennotierten Ballspielvereins Borussia wohl damit bezwecken wollte. Mindestens genauso interessant die Worte und Gedanken von Tuchel - oder die Frage, wie er eben diese Situation meistern würde - eben alles auszublenden, was nicht mit dem rein sportlichen Geschehen zu tun hat.

Was folgt aus dieser Sandwich-Position?

Daraus folgt für alle - hier der Vorstand, dort die Mannschaft und als Trainer mittendrin -: Gedankendisziplin, Konzentration auf das Wesentliche. Plus: Ich mach mein Ding! Oder in anderen Worten: Nicht verzetteln! Stattdessen: Fokus auf den Augenblick - auf das Team, das Training, das nächste Matsch! Heute ist heute! Gelassenheit und Realismus!

Was heißt das konkret?

Keine Energie in Dinge stecken, die man nicht ändern kann, sich nicht an unnötigen Baustellen aufreiben, die Situation so nehmen, wie sie ist. Das gilt sowohl das eigene Team betreffend wie auch den Vorstand und Aufsichtsrat. Es ist gut und richtig, als Trainer immer ein Anspruchsdenken zu haben. Und dennoch gilt es, gelegentlich Abstriche zu machen, also das Team einfach so zu nehmen wie es ist - mit all seinen Besonderheiten, Stärken und Schwächen. Eben realistisch zu sein und damit leben zu können, was veränderbar ist und was nicht. Und nicht die Champions-League von seinem Team fordern, wenn es nur zur Regionalliga reicht. Realitätssinn!

Warum sollte sich ein neuer Coach Verbündete suchen?

Es ist oft nicht gut, als neuer Coach sofort alles umkrempeln zu wollen. Besser ist, sich alles in aller Ruhe anzuschauen, sacken zu lassen, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen, auf andere zugehen. Wie sagte einst ein Christoph Daum: „Kannst du deinen Feind nicht besiegen, verbünde dich mit ihm!" Also: Einfach ein Gespür für die Menschen und alle, die vom Verein abhängig sind, zu bekommen, gegebenenfalls einen Schritt auf sie zugehen. Denn in Krisensituationen fliegen die Messer schnell tief. Und so manche zuvor gemachte unbedachte Bemerkung wird dann zum Bumerang.

Warum sollten Spieler berührt werden?

So wie jeder Trainer von einem intakten Umfeld abhängig ist, geht es den Spielern auch. Und der Torjäger des Clubs schießt nur dann Tore, wenn es ihm gut geht. Da bedarf es nicht immer eines Fachgesprächs, das der Coach mit dem Spieler führen muss. Mindestens genauso wichtig ist, bei Ladehemmung des Stürmers diesen zur Seite nehmen und anders vorgehen. Beispielsweise bei einem Dauerlauf joggen und reden: über die Familie, die Kindheit, das Leben - und die Stelle finden, wo der Schuh drückt.

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Gilt das Berühren auch für den Vorstand?

Natürlich ist es der Idealfall, wenn die Chemie einfach stimmt. Wenn man von Anfang an zur Führungsspitze Vertrauen verspürt, die Dinge offen ansprechen kann, in den eigenen Wertevorstellungen und im Handeln in eine Richtung denkt. Das setzt Energien frei, die man wiederum in sein Team investieren kann. Doch das ist leider häufig nicht die Realität.

Was ist Ihr Fazit?

Mach dein Ding - und denke diszipliniert! Große Sportler schreiten in jeder Situation voran - auch, wenn sie noch so aussichtslos scheint. Ob bei einem Rückstand zur Pause oder nach der fünften Niederlage in Folge - nur, wer positiv denkt und weiterhin an sich und seine Fähigkeiten glaubt, kann sein Energielevel aufrecht erhalten und seine Leistung voll abrufen. Nur so ist es möglich, einen negativen Lauf auch zu stoppen. Da mag die Saison in der Liga noch so gut angefangen haben - spätestens nach der dritten Niederlage in Folge beginnen die üblichen Mechanismen zu greifen. Unruhe im Vereinsumfeld, kritische Fragen von Fans und Medien - Druck von oben, Druck von unten. Gerade dann sollte man sich ausschließlich auf die eigenen Kräfte besinnen. Und auf die eigentliche Kernaufgabe seines Tuns! Denn: Alles andere kann man sowieso nicht ändern.

Weshalb ist es die Pflicht und Aufgabe von Führungspersönlichkeiten, gerade in solchen Situationen den Kopf oben zu behalten?

Es zeigt sich schnell, wer sich versteckt, wer wegbricht oder die Schuld anderen zuschiebt, wer mit dem Druck nicht klar kommt und negativ denkt - und wer weiterhin nach vorne marschiert, die Ruhe bewahrt, mit Freude und Zuversicht bei der Sache ist. Eins noch: Vielleicht kennen Sie den Film „Und ewig grüßt das Murmeltier"...

Daraus folgt?

Man kann Menschen nicht verändern - nur sich selbst. Das heißt: Möchten Sie andere verändern, verändern Sie Ihr Verhalten. Schon kleine Schritte bewirken oft große Wunder.

Und wenn sich dennoch nichts ändert?

Dann ist eine persönliche Veränderung angesagt. Ganz wichtig aber: Es sollte immer ein „Hin zu" geben, nicht nur ein „weg von"!

Vielen Dank für das Gespräch.

Von Karin Helle und Claus-Peter Niem erschien 2016 das Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können (Campus Verlag).

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