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Gegen den Dreck der Welt: Da hilft nur wegfegen

16/02/2016 17:25 CET | Aktualisiert 16/02/2017 11:12 CET
PeopleImages via Getty Images

Jeden Tag versuchen wir aufs Neue, die Wirklichkeit zu bewältigen

„Manchmal zögert man, die Nachrichten zu schauen, nur um sich vor dem Zuviel zu schützen", schreibt die Publizistin Carolin Emcke „beiläufig" in ihrem gleichnamigen Essay in der Süddeutschen Zeitung (13./14.2.2016). Sie plädiert darin für einen achtsamen Umgang mit nebensächlichen Details und Dingen, die helfen, schwierige Zeiten zu bewältigen und sich dem Zugriff dramatischer Ereignisse zu entziehen. Die Beschäftigung mit ihnen führt geradewegs in die Wirklichkeit zurück und „hellt sie auf". Ja, wir brauchen mehr Licht in dunklen und unübersichtlichen Zeiten, denn es wird immer schwieriger, eine nachvollziehbare Stabilität und Ordnung in uns selbst, in der Wirtschaft, in den Märkten und vor der eigenen Haustür herzustellen. Leider sinkt die Halbwertzeit von Ordnung heute unaufhörlich, und Menschen, die hauptberuflich mit Sorgfalt und Ruhe ein Gleichgewicht des Lebens und der Dinge herstellen, sterben immer mehr aus. Damit geht auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und der Blick für Gegenwart und Zukunft verloren. Stress und Aktionismus halten uns nicht in Balance. Und so taucht zwischendurch immer wieder der Wunsch nach etwas Kleinem auf, von dem zwar nichts wirklich Existenzielles abhängt, das uns aber in seiner Winzigkeit etwas „Haltbares" an die Hand gibt.

Die unendliche Geschichte

Sacha Batthyany berichtete kürzlich in der Süddeutschen Zeitung über Kurt Marty, der 37 Jahre lang dieselbe Straße in Zürich putzte. Der Autor setzte ihm in seinem lesenswerten und inspirierenden Artikel „Der letzte Dreck" (SZ, 9.2.2015) ein wunderbares Denk-Mal: Ende der 1970er Jahre begann Marti mit seiner Arbeit in der Innenstadt von Altdorf im Kanton Uri in der Schweiz. Seine Tätigkeit an ein und demselben Ort dauerte 444 Monate und ca. 10.000 Tage. Kaum war der Schmutz weggefegt, wurde wieder neuer produziert. In dieser Absurdität lag Martis Lebensaufgabe - „das hat er mit Sisyphos gemein, König zu Korinth, der mit dem Stein."

Das, was weggeworfen wird, sagt viel über eine Gesellschaft aus.

Früher fegte er alles mit der Hand, bevor die Putzwagen mit Staubsaugern und Bürsten kamen, die er „Waschmaschinen" nennt. Neben dem Fegen hatte Marti immer noch genug Zeit, sich um leichte Handwerksarbeiten zu kümmern. Das wäre heute undenkbar. Seit es Menschen gibt, wird Müll produziert, was auch ein moralisches Problem ist, denn das, was weggeworfen wird, sagt auch viel über eine Gesellschaft aus. Bereits in den 1990er Jahren überholte die Produktion künstlicher Stoffe beispielsweise jene des Werkstoffs Stahl. Das bislang produzierte Plastik genügt, um die Erde sechsmal mit Folie einzupacken. Vor diesem Hintergrund versteht sich auch die Aussage von Kurt Marty: Der Abfall ist auch „nicht mehr, was er mal war."

Der Besen als neues Kunstobjekt

Der Gedanke mag seltsam anmuten, doch die Beschäftigung mit nebensächlichen Dingen wie einem Besen kann helfen, unser Leben wenigstens im Kleinen in den Griff zu bekommen. Wenn wir heute Inventur machen würden (von lat. inveniere: etwas finden, auf etwas stoßen), wäre er wahrscheinlich ein Gegenstand, den wir nicht so leicht wegwerfen würden. Auch werden beim Fegen unsere Gedanken groß und frei. Vor allem Künstler begegnen solchen Objekten mit einem besonderen Blick. Als Kind hat der Schriftsteller Clemens J. Setz, der 1982 in Graz geboren wurde, immer über das Wort Besen gelacht, weil es „witzig klingt" und auch in seinem Kopf eine sehr witzige Form hatte: „nämlich etwas, was Schultern hat". Setz ist Synästhetiker, für den bestimmte Töne eine Farbe haben und sich bestimmte Wörter als „Geste" zeigen. Jede Sinneswahrnehmung vervielfacht sich für ihn. Inzwischen ist ein Besen für ihn aber „mehr als ein von oben herabhängender Tropfstein". Es sind vor allem die Künstler, die uns wieder das Schauen und die tiefen Blicke lehren können, denn die brauchen wir, um weitsichtig zu handeln.

Nachhaltigkeit beginnt mit dem Besen in der Hand

„Ich bin fasziniert von der Form und der Art, wie sie hergestellt werden. Es ist toll, wenn etwas noch in Handarbeit entsteht. Ein Besen ist etwas so Alltägliches und nicht gerade wertvoll, trotzdem kann er wunderschön sein. Er ist eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Natur."
Dies sagt der Fotograf Yan Kallen, der um die Welt reist, um einzigartige Besen zu sammeln, die er in seinem Studio in Hongkong in Szene setzt für die Bildreihe "Rhythm of Nature". Sie soll den trockenen Zweigen ein Stück ihrer belebten Vergangenheit zurückgeben. Es ist für ihn wie eine Reise: Am Anfang waren es „richtige" Pflanzen, die dann umgedreht und in Besen verarbeitet wurden. Er hat sie gewissermaßen „wieder in die richtige Richtung gedreht und zurück in Pflanzen verwandelt". Daraus entsteht für ihn eine Art Rhythmus wie in der Natur. Alle Objekte werden in seinem Studio in natürlichem Licht fotografiert. Inspiriert ist er durch die asiatische Philosophie: „Die Besen als Pflanzen zu betrachten, hat für mich etwas von Zen."

Der Besen als nachhaltiges Objekt und Zeugnis der Vergangenheit.

Yan Kallen, Jahrgang 1981, studierte in London und New York Kunst und Design und lebt heute in seiner Geburtsstadt Hongkong. Im Mittelpunkt seiner Projekte stehen wiederkehrende Motive, die der Vergangenheit angehören oder bald angehören werden, weil das Handwerk ausstirbt. In Taipeh und Kyoto findet er noch Läden, in denen ausschließlich handgemachte Besen und Bürsten verkauft werden, die seit Generationen existieren. Entdeckungen machte er aber auch in London und Frankreich. Menschen, sagt er, wollen heute neue und moderne Dinge. Sie haben kaum Sinn dafür, Altes zu erhalten. „Doch manchmal liegt in solchen Dingen mehr Wert als nur der des Alten." Für ihn ist ein Besen ein nachhaltiges Objekt und Zeugnis der Vergangenheit, das sehr wohl in die heutige Welt passt, „in der wir immer mehr danach streben, ökologischer zu leben". Um solche Besen zu finden, müssen wir nicht um die Welt reisen, sondern einfach nur genauer auf das sehen, was unmittelbar vor uns liegt. Und wieder (auf)lesen lernen. So finden sich beispielsweise bei memolife praxisorientierte Tipps zu einem nachhaltigen Lebensstil und die entsprechenden Produkte, darunter auch eine große Auswahl an Besen, z.B. aus reinen Bahiaborsten, deren handwerkliche Herstellung in Deutschland erfolgt. Die Borsten aus der unempfindlichen Palmenfaser Bahia sind robust und elastisch - ein idealer Ersatz für Elaston. Das stabile Buchenholz eignet sich hervorragend als Straßenbesen. Breite Saalbesen sind aus geöltem Buchenholz und reinem Rosshaar. Sie werden in Thüringen hergestellt. Es gibt aber auch Besen mit Kokosborsten, die zum Kehren glatter Böden geeignet sind und ebenfalls in Thüringen gefertigt werden. Der Riegel wird aus nachwachsendem FSC-zertifiziertem Buchenholz hergestellt.

Vom Kehrer zum Kehrenbürger

Die Welt der Dinge ist nicht losgelöst von der Welt des Handelns. Wo es viele nachhaltige Besen gibt, ist auch das Engagement nicht weit, sich ihrer zu bedienen. So gibt es in Berlin die Kehrenbürger-Aktion, in der Menschen Putzengel werden können und mit einem kostenfreien Kehrpaket ausgestattet werden: „Egal wie und wo Sie unsere Stadt bekehren möchten, Abfall sammeln, Spielplätze reinigen oder Grünanlagen säubern, jede Idee ist willkommen." Auf der Kehrenbürger-Seite www.Kehrenbürger.de kann jeder seine Kehrenbürger-Aktion anmelden, ankündigen und so freiwillige Unterstützer gegen die Unordnung der Welt gewinnen. Der Rest ergibt sich.
Weitere Informationen: Immer der nächste Besenstrich! Was wir von einem Straßenkehrer lernen können Was bleibt von uns? »Es wird dieser Abfall sein.« Kleine Stupser, grosse Wirkung Studie zu grüner Intelligenz
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