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Gefährliche Neigung: Mensch und Klima

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CLIMATE
Gudella via Getty Images
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Katastrophische Ă„ngste gestern und heute

Das Klima gehört zu den unheimlichsten Dimensionen des menschengemachten Eingriffs in das Lebenssystem der Erde. Das griechische Wort „Klima" bedeutet wörtlich Neigung. Damit war im geozentrischen Weltbild die Neigung des Himmelsgewölbes zur Erdachse gemeint (nicht nur die der Sonnenstrahlen). Mit diesem alten Klimaverständnis kann heute kaum jemand etwas anfangen. Anders war es im 18. Jahrhundert, als es zu einem entscheidenden Umbruch in der Geschichte des Klima-Wissens kam. Gründe waren unter anderem die Verzeitlichung und Historisierung der Natur, die zu einem Schauplatz gravierender Umwälzungen und Transformationen von Atmosphären, Landschaften und Lebensformen wurde.

Der Dichter, Theologe, Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik, Johann Gottfried von Herder, ging von der wechselseitigen Beeinflussung von Mensch und Klima aus - auch wenn er damals noch nichts von der Industriellen Revolution und ihren Auswirkungen auf das Klima ahnen konnte. Zudem wurden utopische Hoffnungen wie die katastrophischen Ă„ngste (aus)gemalt, die auf einen radikalen Wandel des Klimas zurĂĽckzufĂĽhren sind.

Zahlreiche Künstler des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, darunter Pierre-Henri de Valenciennes, Johann Christian Dahl, Carl Blechen, Alexander Cozens, John Constable oder William Turner, beschäftigten sich auf unterschiedliche Weise mit Wolken: „Opake Rauchwolken, die monatelang die Sonne verdunkelten, waren Anzeichen klimatischer Veränderungen, die John Ruskin als Pestwolke des 19. Jahrhunderts bezeichnete."

Die Herausgeber Eva Horn und Peter Schnyder verweisen in ihrem Sammelband „Romantische Klimatologie" darauf, dass die Klimatologie um 1800 daran erinnert, dass ein Denken des Anthropozäns nicht sinnvoll ist, „ohne nach dem anthropos zu fragen, nach seiner Geschichte, seinen Zivilisationen und Technologien, vor allem aber auch danach, wie die von ihm selbst versursachte Transformation der Natur ihn formen und ‚neigen' wird."

Viel wurde in der letzten Zeit über das Zeitalter der Romantik geschrieben und diskutiert - auch und vor allem im modernen Business-Kontext (Tim Leberecht). Hier ging es vor allem um die Gefahr der Datafizierung unserer Lebens- und Arbeitswelt und den Verlust des Sinnlichen, Erhabenen, Wunderbaren. Im Kontext des Klimawandels spielte die Rückbesinnung auf diese wegweisende Epoche kaum eine Rolle. Umso wichtiger sind Bücher wie diese, die wir interdisziplinär „zusammenlesen" sollten.

Auswirkungen des Klimawandels

Bereits heute hat der globale Klimawandel enorme Auswirkungen und belastet zunehmend auch unsere Gesundheit. Experten befürchten, dass der Anstieg der Durchschnittstemperaturen für Millionen Menschen eine neue Heuschnupfenwelle auslösen könnte. Durch die zunehmenden Hitzegewitter werden mehr Pollen und Staub in der Luft verwirbelt und dadurch Asthmaattacken ausgelöst.

Höhere Temperaturen beeinflussen außerdem das Auftreten von Infektionskrankheiten. Im Zuge der klimatischen Veränderungen breiten sich auch exotische Mückenarten in Europa immer weiter aus (Quelle: Stiftung Kindergesundheit). Die Zunahme von Hitzeperioden verändert auch das Vorkommen und die Verbreitung von Zecken - dies trägt zu einer stärkeren Ausbreitung der zeckenübertragenen Krankheiten FSME und Borreliose bei.

Vermutet wird außerdem, dass die Kombination von erhöhtem CO2, dem früheren Einsetzen des Frühlings, wärmeren Wintern sowie regional höheren Niederschlägen das Wachstum von Schimmelpilzen fördert.

Weltweit eines der wichtigsten wetterbedingten Risiken ist vor allem extreme Hitze. Vor allem für Kleinkinder (und ältere Menschen) stellen längere Hitzeperioden und Umweltverschmutzung ein hohes Risiko dar. Ihre Atemwege und Lungen sind noch in der Entwicklung - sie atmen infolge einer höheren Atemfrequenz im Vergleich zu Erwachsenen größere Dosen an luftverschmutzenden Partikeln oder Gasen ein. Das unterstreicht auch die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme.

Bereits im Kindergarten sollte klimarelevantes Wissen und Nachhaltigkeit vermittelt werden, denn Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer Verletzbarkeit eine besondere Risikogruppe für Umweltbelastungen. Für den negativen Einfluss von Klimabedingungen auf ihre Gesundheit gibt es bereits wichtige Indizien. „Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass der Klimawandel zu einem wesentlichen Teil menschengemacht ist", sagt der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Was wir tun können

Im Gedankenspiel des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber können wir die wichtigsten Voraussetzungen für eine weitgehend schadlose Umbettung unserer Zivilisation im Zuge des Klimawandels benennen: „Die da wären: Perfekte Information, perfekte Mobilität, perfekte Institutionen und perfekte Liquidität." In seinem Buch „Selbstverbrennung" geht er vor diesem Hintergrund auch mit sich und seiner Zunft ins Gericht, denn Nachhaltigkeit braucht eine Kommunikation der Begreifbarkeit. Seines Erachtens liegt die Informationsverantwortung in diesem Zusammenhang beim Sender und nicht beim Empfänger:

„... wenn wir Fachidioten mit mehr Hingabe, Gespür und Humor unsere Resultate in die Öffentlichkeit tragen würden, dann wären vielleicht einige Prozent der Bevölkerung zusätzlich bereit, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und vielleicht sogar gewisse Verhaltensveränderungen vorzunehmen."

Jeder ist heute gefragt, seinen persönlichen Lebensstil klimaverträglich zu gestalten. Die Grundlagen dafür sollten so früh wie möglich gelegt werden, wie auch die Stiftung Kindergesundheit bestätigt. In 10 Minuten kann jeder seine persönlichen Klimaschutzbilanz erstellen. Die eigenen Daten können für die Bereiche Zuhause, Unterwegs, Ernährung und Konsum in den CO2-Rechner des WWF eingegeben werden. Dann erhält jeder eine persönliche Bilanz. Außerdem kann ein CO2-Konto angelegt werden, das die Ergebnisse speichern und für unterschiedliche Jahre vergleichen kann.

Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, hat großen Anteil an der globalen Erwärmung. Um den Klimawandel abzuwenden, sollte jeder Mensch insgesamt maximal zwei Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr hervorrufen. In Deutschland verursacht jeder durch seine Ernährung schon 1,5 Tonnen Treibhausgase.

In der Haltung von wiederkäuenden Rindern, Schafen und Ziegen sowie beim Anbau von Futtermitteln entstehen neben CO2 auch die Klimagifte Methan und Lachgas. Weniger Fleischkonsum hat nicht nur gesundheitliche Vorteile auch ein bedeutender Beitrag zum Klimaschutz.

Mit jedem Verarbeitungsschritt eines Lebensmittels verschlechtert sich seine Energiebilanz. Deshalb sind wenig verarbeitete Vollkornprodukte gesund und gleichzeitig gut fĂĽrs Klima.

Weißer raffinierter Zucker wird unter sehr hohem Energieaufwand hergestellt - gute Alternativen dazu sind Roh-Rohrzucker, Honig, Sirup und Dicksäfte.

Bio-Lebensmittel schneiden in Bezug auf Klimaverträglichkeit häufig besser ab als konventionelle. Vor allem bei Rindfleisch, Kartoffeln und Tomaten gibt es erhebliche Unterschiede: Rindfleisch aus ökologischer Haltung verursacht etwa 15 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen, bei Kartoffeln und Tomaten beträgt der Unterschied sogar fast 30 Prozent. Obst und Gemüse aus der Region haben kurze Wege hinter sich. Die Transportstrecke macht allerdings nur einen geringen Anteil (ca. drei Prozent) an den Gesamtemissionen der Lebensmittelherstellung aus - mit Ausnahme von Flugware: So ist im Frühjahr der Schiffstransport von Äpfeln aus Chile weniger klimaschädlich, als die lange Lagerung deutscher Äpfel in Kühlhäusern bis zu diesem Zeitpunkt.

Die meisten Transportemissionen werden auf dem Weg vom Laden nach Hause frei. Wer den Weg zum (Super-)­Markt mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegt, tut neben der Umwelt auch seiner Gesundheit etwas Gutes (Quelle: Noll, C.; Zinsius, C.: "Klimafreundliche Küche" UGB-Forum 2/10, S. 79-80).

Die Herstellung und Lagerung von Tiefkühlprodukten und konservierten Lebensmitteln benötigt mehr Energie als die Erzeugung frischer, saisonaler Produkte.

Viele dieser großen und kleinen Themen werden seit fast zehn Jahren von Ole Häntzschel und Matthias Stolz zu Infografiken verarbeitet. Als sie sich im Frühsommer 2016 für ihr neues Buch „Atlas der unbequemen Wahrheiten" entschieden, war Trump noch nicht US-Präsident, und der Brexit war noch nicht entschieden. „Aber jeder wusste schon: Die Welt könnte sich verdüstern." Beide hatten das Gefühl, das sie ein Buch über Fakten machen sollten, die keine Fakes sind.

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Ihre Infografiken können helfen, „einen bedauerlichen Zustand auf einen Blick verständlich zu machen." Ihr Ansatz ist ein Beispiel für perfekte Kommunikation. Leider wird dieses Mittel viel zu selten eingesetzt.

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Ole Häntzschel und Matthias Stolz: Atlas der unbequemen Wahrheiten. 90 Infografiken. Droemer Verlag. München 2017.

WeiterfĂĽhrende Informationen:

Eva Horn und Peter Schnyder (Hg.): Romantische Klimatologie. Transcript Verlag, Bielefeld 2016.

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. C. Bertelsmann Verlag, MĂĽnchen 2015.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grĂĽner geht: Die wichtigsten Tipps fĂĽr ein bewusstes Leben Amazon Media EU S.Ă  r.l. Kindle Edition 2017.

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