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Gedankenlos: Wie das rechnende Denken zur Entzauberung der Welt beiträgt

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MATH BRAIN
Warrenrandalcarr via Getty Images
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Was wirklich zählt

Nicht alles, was heute zählbar ist, zählt im Leben. Das bestätigt auch die wachsende Zahl jener Menschen, die sich verstärkt für neue Formen des Wirtschaftslebens einsetzen. Sie verweisen darauf, dass die Welt, die uns umgibt, nicht von Zahlen gestaltet ist (wenn sie komplett berechenbar wäre, würde die Zukunft ja feststehen), sondern von Ideen und Worten, die sie beschreiben. Zukunft lässt sich weder regeln, steuern, messen noch planen.

„Der Grad der Sinnkopplung in der Arbeit sollte das menschliche Verhalten prägen."

Der internationale Marketingexperte Tim Leberecht bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die Datafizierung des Arbeitsplatzes inzwischen weit über alles hinausgeht, was man mit herkömmlichen Techniken hatte messen können.

Das smarte Büro weiß heute alles über seine Mitarbeiter:

„Soziometrische Applikationen wie der ‚Meeting Mediator' zeichnen auf, wer in Konferenzen das Gespräch dominiert, und sogenannte Mood oder Sentiment Analytics messen emotionale Schwingungen im Laufe des Arbeitstages. Das mag als digitaler Taylorismus anmuten, mit Datenanalysten als den Bürokraten der Netzökonomie, aber letztlich ist es eine konsequente Erweiterung der Maxime des modernen Managements: ‚Man kann nur managen, was man misst.'"

Dazu noch ein weiteres Beispiel:

2015 hat der Energiekonzern BP unter seinen Mitarbeitern 25.000 Fitnessarmbänder von FitBit verteilt, die Herzfrequenz, schrittzahl und Schlafverhalten auswerten. Im Rahmen eines freiwilligen Programms können sich die Mitarbeiter vermessen lassen.

Wer mehr als eine Million Schritte jährlich läuft, erhält einen Beitragsrabatt bei seiner Betriebskrankenkasse (DIE ZEIT, 12.5.2016). Mit solchen Belohungsprogrammen versucht auch die Daimler BKK Mitarbeiter zu mehr Fitness zu bewegen.

Generell ist zu beobachten, dass die „ungesunde" Planungswut vieler Menschen absurde Blüten treibt. So berichtete der studierte Physiker, Kabarettist und Autor Vince Ebert kürzlich in einem Interview (MADAME, Juni 2016), dass ein befreundeter Anwalt nach einem 14-Stunden-Tag immer hektisch aufspringt, wenn ihm seine App meldet, dass er noch exakt 271 Schritte gehen muss.

Dabei würde es genügen, nicht zu rauchen, wenig Alkohol zu trinken und sich regelmäßig zu bewegen. Da braucht man keine App - nach Vince Ebert reicht der „gesunde Menschenverstand".

Die Entzauberung der Welt

Algorithmen können zwar alles, kennen aber kein Mitgefühl und die innere „Qualität der realen Momente" (Joël Luc Cachelin). Tim Leberecht sagt, dass wir an einem Punkt der Entzauberung der Welt angekommen sind, der alle hundert Jahre eintritt.

Angesichts der Rationalisierungs- und Normierungszwänge des Industriezeitalters sprach der Soziologe und Nationalökonom Max Weber bereits im Jahre 1919 davon und beruft sich dabei auf seine romantischen Vorgänger im späten 18. Jahrhundert.

Schwierigkeiten zeigen sich derzeit auch in der Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich beispielsweise die weltweiten Fortschritte zum guten Leben für alle messen lassen. So fehlen in vielen Ländern die Daten für eine umfassende Analyse.

Wissenschaftler schlagen deshalb vor, mit einem Gesamtindex zu arbeiten, der vorläufig auf bestehende Datensätze zurückgreift. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) warnt allerdings in diesem Zusammenhang: „Wer schnell einfache Messgrößen erstellen will und dazu nur auf bestehende Datensätze zurückgreift, lässt leicht Indikatoren außen vor."

Grundsätzlich plädiert er dafür, eine Vielzahl verlässlicher und verständlich dargestellter sogenannter desaggregierter Daten heranzuziehen, also aufgeschlüsselt nach Geschlecht, Alter etc.

Das soll auch helfen, den Anspruch der Agenda verfolgen zu können und niemanden zurückzulassen. Einen Nutzen sieht der RNE in einem einfachen Index dann allerdings doch: „Er könnte zum Beispiel der Finanzbranche die Dringlichkeit zum Umsteuern klar machen."

Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit

In einer Komplexitätsgesellschaft mit ihren nichtlinearen Systemen ist nicht alles prognostizierbar und steuerbar, auch Risiken lassen sich nicht einfach wegoptimieren in einer Zeit, in der der Umgang mit systematischen Unbestimmtheiten und Unsicherheiten stetig zunimmt.

Der Soziologe Ulrich Beck bemerkte bereits 2007:

„Im Großen wie im Kleinen, im Ehealltag wie in der Weltpolitik befinden sich die Menschen auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit."

Sämtliche Strukturen und Prozesse sowie Denkmuster und Werte müssen heute neu überdacht werden, um den aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden.

Gegen die zunehmende Gedankenlosigkeit

In diesem Transformationsprozess nehmen der Umgang mit Komplexität und das sogenannte ganzheitliche Denken einen bedeutenden Stellenwert ein. Dabei kann ein Blick auf die Philosophen hilfreich sein.

So ist die heutige Vermessung des Menschen mit dem verbunden, was Martin Heidegger das rechnende Denken nannte. Es

• ist in der Lage, scharfsinnig zu planen, zu forschen, zu entwickeln und bestimmte Erfolge zu berechnen
• hetzt von einer Chance zur nächsten
• hält nie still und kommt nicht zur Besinnung
• ist nicht besinnlich und denkt nicht über den Sinn nach, „der in allem waltet, was ist"
• bleibt auch dann „ein Rechnen, wenn es nicht mit Zahlen operiert".

Gegen die zunehmende Gedankenlosigkeit und Flucht vor dem Denken müssen wir das besinnliche (Nach)Denken setzen, mahnte der Philosoph in den 1950er Jahren an.

Diesem Denken wurde noch zu Heideggers Lebzeiten vorgeworfen, dass es den Boden verliert und nicht für die Bewältigung der laufenden Geschäfte taugt, ja nichts für die Durchführung der Praxis einbringt.

Das erinnert an jene Kritik, die sich gegen alles richtet, was Tim Leberecht mit „Business-Romantik" meint. Sie ist mit dieser Form des Denkens (der es nach Karl Jaspers um Seinserkenntnis statt Sacherkenntnis geht) eng verbunden.

Wir brauchen das besinnliche Denken in Verbindung mit Business-Romantik heute dringend, um Lösungen für Mega-Krisen wie Klimawandel, Ressourcenverknappung, demografischer Wandel, die Folgen der Globalisierung, Digitalisierung sowie das schwierige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu finden.

Das sind nicht nur Herausforderungen für Politik und Gesellschaft, sondern auch für jeden Einzelnen. Sie erfordern eine kollektive Anstrengung des Denkens und eine veränderte Kommunikation, die Genauigkeit und Seele nachhaltig miteinander verbindet.

Literatur:

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Frankfurt a.M. 2007.

Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016.

Joël Luc Cachelin: Offliner. Die Gegenkultur der Digitalisierung. Stämpfli Verlag AG, Bern 2015.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

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