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Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen

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GARDEN
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Gartenzeit ist die richtige Zeit, um über das Leben nachzudenken und den überschaubaren Raum als Stätte der Pflege, Reflexion und Ordnung zu erfahren. Denn wo nichts mehr sicher und überall aus den Fugen ist, hält man sich gern an das Naheliegende und Authentische - an das, was einem Boden unter den Füßen gibt. Der schnelllebigen Welt wird mit dem Garten eine eigene Ordnung und Schönheit, Ethik und Ästhetik entgegengesetzt, die sich der Tätigkeit des ständigen Kultivierens verdankt.

Ein Garten muss vorausschauend geplant werden, dann wird er besät oder bestellt, und schließlich bringt er zu gegebener Zeit Früchte hervor. Große Sprünge und schnelles Wachstum machen für kluge Gärtner keinen Sinn, denn die Natur macht es auch nicht. Was für den Garten gilt, gilt ebenso für andere Lebensbereiche. So werden Themen wie Freundschaft, die für Verlässlichkeit, Geborgenheit und Stabilität steht, auch mit Gartenmetaphern in Verbindung gebracht: Sie zu pflegen ist ein „Langzeitprojekt" (Roger Willemsen) und ein „Element der Lebenskunst" (Wilhelm Schmid).

Das Umgraben, Umwenden, Eingraben, Auflockern und Einebnen ist auch ein schönes Sinnbild für das Zusammenspiel von Lebensinhalt und -form. Und das Schreiben, das der Gartenarbeit ähnlich ist: Beides sind Vorgänge, die die Welt wieder in Ordnung bringen: „Wenn sich nämlich das Rasenmähen so anfühlt, als kopiere man den gleichen Satz wieder und wieder, dann heißt Gartenarbeit neue Sätze schreiben, in einem unendlich variierbaren Prozess des Erfindens und Entdeckens", sagt der amerikanische Food-Philosoph Michael Pollan.

Wer seinen Spuren folgt, stößt auf eine Erkenntnis, die er in seinem Buch „Meine zweite Natur" beschrieben hat - dass dieser grüne Raum die Möglichkeit andeutet, dass es vielleicht doch einen Ort gibt, an dem wir uns mit der Natur auf halber Strecke treffen könnten. Dazu braucht es ständige Übung (griech. askesis), die nur funktioniert, wenn Erkenntnis in Handeln umgesetzt wird: Wir machen etwas und wiederholen es täglich, bis es zur Gewohnheit und zu unserer zweiten Natur wird.

Schreiben ist vermutlich die einsamste Tätigkeit der Welt. Aber ohne Einsamkeit kann nichts Tiefes und Nachhaltiges gedeihen. Auch der argentinische Autor, Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay sieht eine Parallele zwischen der Aufgabe, unser eigenes Leben zu meistern, und der, Land urbar zu machen. Das Wort „kultivieren" ist für ihn mit dem Gedanken von Entwicklung verbunden und nicht des simplen Erwerbs: „Dies sind Ressourcen, die man früh entwickeln muss, damit sie einem dienen können, und nicht erst dann, wenn man sie braucht." Er schreibt den Gedanken fort, den sein Freund und Kollege Enrique Mariscal in seinem Handbuch des menschlichen Gärtnerns angelegt hat.

Landwirtschaft (cultura agri) und Pflege des Geistes (cultura animi) gehören zusammen. Auch für den tschechischen Schriftsteller Karel Capek, der 1929 das lesenswerte Buch „Das Jahr des Gärtners" schrieb, waren die Kultivierung des Erdbodens und die Kultivierung des Geistes wesensgleich. Was für den Boden gilt (ihm mehr zu geben, als ihm zu nehmen), lässt sich auch übertragen auf die Gesellschaft und die Kultur als Ganzes, von der wir ein aktiver Teil sind. Im Kulturbegriff sind Bildung, Kultur, Natur und Nachhaltigkeit verbunden. Die Natur sollte so genutzt werden, dass ihr kein Schaden zugefügt wird. „Das kann kaum funktionieren, solange wir fortfahren, Natur und Kultur nur als Gegenspieler zu sehen", schreibt Pollan.

Kultur braucht allerdings gute Gärtner, die sich jeglicher Manipulation entziehen, die sich nicht vereinnahmen lassen, die widerstandsfähig sind und „greifbar" mit Augenmaß handeln, denn so wie der Garten ein eigener abgeschlossener Bezugsrahmen ist, so ist es auch die vollkommene Hand, die durch geübte Bewegung Begrenzungen schafft. Der Gärtner wird immer wieder daran erinnert:

Mit Daumen und Zeigefinger sät er und lässt die Samen einzeln fallen. Mit beiden Daumen drückt er die Erde um seine Setzlinge fest. Damit wird der Halt der Wurzeln in der Erde gesichert. Daumen und Zeigefinger werden in der gesamten Saison gebraucht: Es werden Triebe und Blätter abgezwickt, welke Blüten abgepflückt und Früchte geerntet. Letztlich ist das wichtigste Werkzeug, die Gartenschere, nichts anderes als die mechanische Erweiterung des Daumens.

Den eigenen Garten zu bestellen bedeutet, auch dann glücklich zu sein, wenn diese Welt in ihrer Vielfalt und Unbändigkeit sich weigert, den eigenen Vorstellungen zu entsprechen. Der grüne Daumen erinnert daran - aber auch an das, was gelassen hingenommen werden sollte: dass ein Garten niemals fertig ist und dass sich die Natur eine Zeit lang kultivieren lässt, aber der menschliche Eingriff immer befristet ist.

Guten Gärtnern gemeinsam ist der Wunsch nach einem Ort für sich und eine überschaubare Welt, die sie mit den Händen bearbeiten und wachsen sehen können - in einer der Natur gemäßen Geschwindigkeit.

Der Text enthält Auszüge aus dem Buch von Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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Der Erlös des Buches kommt HORIZONT e.V. zugute. Der gemeinnützige Verein wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch.

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