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Fülle des Lebens: So kann der Nährboden unseres Denkens wieder gedeihen

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Tom Merton via Getty Images
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Wo sind die engagierten und anpackenden Intellektuellen geblieben? Jene klugen Köpfe, die auch in einer aus den Fugen geratenen Welt noch klar denken, und deren Wort persönliches und gesellschaftliches Gewicht hat?

Vielfach wird ihre gesellschaftliche Rolle heute von „Kreativen" in den Werbeagenturen übernommen. Plattitüden ersetzen dann Argumente und Programme.

Gewiss brauchen wir Kreative, weil sie eine nachhaltige Kraft des kulturellen Lebens sind, aber nur hier und da eine Initiative und ein paar Statements, die häufig austauschbar sind, reichen nicht, um heute Orientierung zu bieten, Rat zu geben, zu informieren und aufzuklären über das, was richtig ist und gerecht ist.

Was es jetzt braucht, ist ein „Heinrich-Böll-Effekt", der viele Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsschichten gleichermaßen berührt, der Kopf und Herz, Verstehbarkeit und Gestaltbarkeit verbindet.

Doch die ökonomischen, institutionellen und kulturellen Angelegenheiten werden inzwischen „von den politischen und administrativen Kräften und den Lobbygruppen entschieden", unter denen die Intellektuellen „durch Abwesenheit" glänzen, konstatierte der peruanische Schriftsteller, Politiker und Journalisten Mario Vargas Llosa schon vor einigen Jahren.

In seinem Buch „Alles Boulevard" zeichnet er den Weg des Intellektuellen, dessen Bezeichnung erst im neunzehnten Jahrhundert aufkam: im Frankreich der Dreyfus-Affäre und der Polemiken, die Émile Zola mit seinem berühmten „J'accuse" entfachte.

Die Teilnahme denkender und schöpferischer Geister am öffentlichen Leben, an politischen, philosophischen und religiösen Debatten reicht allerdings schon bis ins Abendland zurück:

Es gab sie bereits zu Zeiten Platons und Ciceros, in der Renaissance und in allen Zeiten danach.

In seinem Buch „Ändere die Welt" zitiert der Schweizer Jean Ziegler den Mediologen Régis Debray, der die Aufgabe des Intellektuellen nicht darin sah, Liebenswürdigkeiten zu verteilen, „sondern zu sagen, was ist. Er will nicht verführen, sondern bewaffnen."

Der Intellektuelle (der Soziologe) muss laut Ziegler aufdecken, was nicht in der „Selbsthervorbringung der Gesellschaft auftaucht".

Das ist eine enorme Herausforderung, denn das Verborgene (die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interessen sowie die ideologischen und sozialen Strategien der gesellschaftlichen Akteure) wurde und wird vielfach absichtlich versteckt.

Schauspieler statt Intellektuelle

In der Vergangenheit suchten Politiker immer wieder die Nähe zu Intellektuellen, die heute weitgehend aus dem Bild der Öffentlichkeit verschwunden sind. Arm in Arm sieht man Politiker heute höchstens mit Schauspielern, Fußballstars oder Rocksängern. Ein wirkungsloser Schein-Ersatz, der nicht davor schützt, im Chaos der Welt zu versinken.

Die Sprache dieser Politiker ist der Ausdruck ihrer Welt. Wie banal sie ist, beschrieb Roger Willemsen, einer der letzten großen Intellektuellen, die wir in Deutschland hatten, in seinem Bestseller „Das Hohe Haus".

Um zu den Intellektuellen vorzudringen, die uns heute Orientierung bieten und auch jungen Menschen ein Vorbild sein können, müssen wir das Hohe Haus verlassen und hinabsteigen in den kulturellen Nährboden des wahren Denkens.

Die ihn bereitet haben und pflegen, zeigen uns nicht nur die Fülle des Lebens, sondern auch die Fülle der Möglichkeiten unseres Handelns in schwierigen Zeiten.

Sie tätscheln keine Schauspieler und Sportler und biedern sich nicht an, sondern halten ihre Hand schützend über alles, was auf dieser Erde lebt.

Der Intellektuelle mag aus dem Bild der Öffentlichkeit verschwunden sein, aber er ist nicht weg. Vielmehr liegt es auch an den neuen Medien, ihnen in Zeiten wie diesen wieder mehr Präsenz zu verschaffen und die Kraft des Wortes zu nutzen.

Woran man einen klugen Geist erkennt

Einen klugen und lebenspraktischen Intellektuellen erkennt man daran, dass er seine Aufgabe in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst. Er denkt, fühlt und handelt über sein Fachgebiet hinaus und schafft stets interessante Querverbindungen zwischen allen Bereichen des Lebens.

Vor allem aber lässt er Menschen an der Unmittelbarkeit seiner Erfahrungen teilhaben. Sinn, Verstehbarkeit und Gestaltbarkeit sind ihm wichtiger als eine komplizierte Sprache und Spezialisierung. Er ist ein Mensch der sachlichen Urteile und nicht der Vor-Urteile.

Die wirklich Klugen sind erdverbunden und ordnen die Welt auch schreibend in „Zeilen", die Orientierung geben und neue Wege des Denkens zeigen.

Viele von ihnen bewegen sich in der Tradition des Alexander von Humboldt. Dazu gehört auch der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf, der bis zu seiner Pensionierung Leiter der Wirbeltierabteilung an der Zoologischen Staatssammlung München war und Bücher schreibt, die das Herz erwärmen, die nicht verklären, sondern aufklären, aber dennoch etwas haben, das über die reine Information hinausgeht: Emotion und Begeisterung für das eigene Denken und Tun, das mit dem Grundsatz des genauen Hinschauens verbunden ist.

Sein aktuelles Buch „Mein Leben für die Natur" ist nicht nur ein Spiegel seines Lebens und Wirkens, sondern auch unserer Gesellschaft, in der sich die Lebenswissenschaften unfruchtbar gespalten haben:

So lehrt die Evolutionstheorie zwar die stete Veränderung des Lebendigen unter dem Druck der jeweiligen Verhältnisse, aber die Ökologie würde dies ignorieren, und es müsste immer alles so bleiben, wie es zuletzt war.

Wer verstehen will, warum es so schwer geworden ist, heute tiefer zu denken und selbstbestimmt zu handeln, dem sei das Buch von Josef H. Reichholf ebenfalls ans Herz gelegt:

Die frühere Eigenverantwortlichkeit, die es in der Nachkriegszeit noch bis in die 1970er Jahre hinein gegeben hatte, wurde von staatlicher Bevormundung abgelöst:

„Den Menschen wurde zunehmend mehr vorgeschrieben und Freiheiten genommen. Der mündige Bürger war ein Wunschbild; die staatliche Lenkung näherte sich zunehmend den einst für den Osten typischen Verhältnissen. Auch in der Wirtschaft, die insbesondere in der Landwirtschaft zur Planwirtschaft gemacht wurde."

Um wieder eigenverantwortlich handeln zu können, brauchen wir auch Freude an der Natur. Reichholf sah es immer als seine wichtigste Aufgabe an, sie den Menschen zu vermitteln, auch wenn er dabei zuweilen Kritik ausgesetzt war.

Seine Publikationen waren und sind ihm „die Helfer, die eigene Begeisterung hinauszutragen". Auch ein Blog kann dabei ein nachhaltiger Multiplikator sein. Denn auch Texte sind Samen, die in der virtuellen Welt aufgehen und auf Interessierte treffen, die aus alledem das „herauslesen", was sie für ein selbstbestimmtes Leben brauchen.

Literatur:

Josef H. Reichholf: Mein Leben für die Natur. Auf den Spuren von Evolution und Ökologie. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2016.

Mario Vargas Llosa: Alles Boulevard. Wer seine Kultur verliert, verliert sich selbst. Suhrkamp Verlag Berlin 2013.

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

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