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So ermuntert „Bücherprinz" Ruprecht Frieling Autoren, ihrem eigenen Stern zu folgen

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BOOKS
JasnaXX via Getty Images
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Ruprecht Frieling ist ein unkonventioneller deutschsprachiger Autor, Verleger und Produzent. Der „Bücherprinz" publizierte mehr als 40 in mehrere Sprachen übersetzte Bücher mit breit gefächerter Thematik. Zwischen 1980 und 2002 ebnete er mit seinem Verlag Frieling & Partner als erster deutscher Verleger der Nachkriegszeit mehr als zehntausend Self-Publishern den Weg zum eigenen Buch.

Heute verfasst Frieling als Sachbuchautor Ratgeber rund um das Thema Schreiben. Der 2. Vorsitzende des Selfpublisher-Verbandes e.V. möchte mit seinen Veröffentlichungen, darunter „Ich habe ein Buch geschrieben - was nun?", „Weltberühmt durch Self-Publishing", „Kindle für Autoren", „ABC der Verlagssprache", „Wie man erfolgreich E-Books verkauft", „Autor sucht Verleger - die digitale Alternative", Menschen ermuntern, ihrem eigenen Stern zu folgen.

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Ruprecht Frieling © Malte Klauck

Herr Frieling, was ist Self-Publishing, woher kommt es, seit wann gibt es das, wer hat es erfunden?

Im ausklingenden 18. Jahrhundert entwickelte sich in der deutschen Literatur die vom Geist der Aufklärung getragene literarische Strömung »Sturm und Drang«. Sie wurde hauptsächlich von jungen, antiautoritären Autoren getragen. Diese Autoren hatten wenig Lust, sich den Wünschen der Verleger unterzuordnen. Sie wollten ihre Texte unverändert und unzensiert veröffentlichen. Spätestens in diesem Augenblick der Entwicklung schlug die Geburtsstunde des Self-Publishings, des Veröffentlichens auf eigene Faust.

Anfangs war jede Selbst-Veröffentlichung ein teurer Spaß und schon deshalb nur einem eingeschränkten Autorenkreis möglich. So griff beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe tief in die Tasche, um sein Frühwerk »Die Mitschuldigen« und den später Berühmtheit erlangenden »Götz von Berlichingen« zu veröffentlichen. Goethe war der erste deutsche Self-Publisher, der Weltruhm erringen sollte.

Wer folgte seinem Vorbild?

Es waren Autoren aller Herren Länder: Friedrich von Schiller, Honoré de Balzac, Marcel Proust, Walt Whitman, Edgar Allen Poe, Lew Tolstoi, Friedrich Nietzsche, Edgar Wallace, Anaïs Nin, Artur Schnitzler, Heinrich Mann, Ernest Hemingway, Stephen King, Nele Neuhaus und viele hundert weitere Autoren verlegten Bücher auf eigene Kosten. In meinem Spaziergang durch die Geschichte des Veröffentlichens, »Weltberühmt durch Self-Publishing«, weise ich allein elf Literaturnobelpreisträger nach, die eigene Werke ohne fremde Hilfe herausgaben!

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Wie wird man heute Self-Publisher, und welche Erfolgsstories sind Ihnen bekannt?

Im Zuge der Entwicklung des Web 2.0, der Entwicklung des Digitaldrucks und der E-Books entstanden neue und sehr viel preiswertere Möglichkeiten, sich selbst zu verlegen. Aus dem englischsprachigen Raum wurden die ersten Erfolgsberichte von Self-Publishern, die über Nacht zu Millionären wurden, bekannt. »Fifty Shades of Grey«, die Trilogie von E. L. James, kam zuerst im Jahre 2011 als selbst verlegtes E-Book heraus. Durch Mundpropaganda wurden die Erotik-Bücher der britischen Schriftstellerin über Nacht bekannt und weckten den Appetit der Großverlage. Mehr als 100 Millionen Exemplare konnten bislang weltweit abgesetzt werden.

Altenpflegerin Amanda Hocking probierte acht Jahre lang, ihre Vampirromane bei Literaturagenten und Verlagen unterzubringen. Ihr wurde immer wieder die Tür gezeigt. Anno 2007 stellte dann Amazon den Kindle und parallel die Veröffentlichungsplattform KDP für US-Autoren vor. Hocking hatte die Nase voll von der Klinkenputzerei bei Verlagen. Sie entschied, ihre Bücher selbst zu verlegen. Sie lud acht ihrer Romane auf Amazons E-Book-Plattform hoch und brachte ihre Werke zu günstigen Preisen auf den Markt. Vier Monate später kündigte sie ihren bisherigen Brotberuf, denn sie verkaufte monatlich über 100.000 Stück und verdiente im Handumdrehen mehrere Millionen US-Dollar. Hocking gilt als die bislang erfolgreichste Self-Publishing-Autorin der Welt.


Wie sieht die Entwicklung in Deutschland aus?

Auch in Deutschland wurden mit der Einführung des Kindle-Lesegerätes im Jahre 2011 bald die ersten sich selbst verlegenden Autoren bekannt: Nika Lubitsch, Poppy J. Anderson, Marah Wolff, Hanni Münzer sind einige von denen, die zuvor von den Torwächtern der alteingesessenen Verlage abgewiesen wurden und nun über Nacht Bücher in Millionenauflage verbreiten. Einige verkaufen kontinuierlich 30.000 Bücher pro Monat und stellen damit alles in den Schatten, was der deutschsprachige Buchmarkt von heimischen Autoren gewohnt ist.


Was ist das Besondere an dieser Form des Veröffentlichens?

Self-Publishing versammelt zehntausende Schriftsteller, Literaten und Poeten, die hinsichtlich Weltanschauung, Religion, Geschmack, Talent und Überzeugung unterschiedlicher kaum sein könnten. Nie würde sich eine derart bunte Schar freiwillig zusammenschließen und gemeinsam agieren. Doch unter dem weiten Dach des Self-Publishings sitzen sie plötzlich an einem Tisch und überlassen Marketingprofis, Computer-Algorithmen, sozialen Gemeinschaften wie Facebook und der Glücksgöttin Felicitas ihr Buch. Es gibt keine Zulassungsvoraussetzungen, um dem Publikum eigene Texte zu präsentieren.


Was ist das Entscheidende?

Eigeninitiative ist unbedingt erforderlich. Wer an sich und sein Werk glaubt und bereit ist, daran - vielleicht gemeinsam mit dem Leser - zu arbeiten, hat gute Voraussetzungen, den verdienten Erfolg einzufahren. Dabei kommt dem Self-Publisher die geschwinde technische Entwicklung zugute. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch vollfarbig gestaltete Bücher zu Niedrigpreisen digital gedruckt werden können.


Was ist kennzeichnend für Autoren, die Werke im Self-Publishing publizieren?

Eine kurze Produktionszeit, hohe Schlagzahl, eine enge Leserbindung, • niedrige Ladenpreise und ultrakurze Lieferwege.


Was bedeutet Self-Publishing für den Buchbranche?

Größere Verlage versuchen mittlerweile, mit eigenen Imprints vom Erfolg der Self-Publisher zu profitieren und die erfolgreichsten Autoren für ihr Programm an Land zu ziehen. Solche Bücher tauchen dann auch im Buchhandel auf, deren Vertreter allerdings unverändert höchst skeptisch sind, weil Self-Publisher angeblich keine »richtigen« Bücher machen. Unverändert ist es nämlich so, dass Kunden von Buchläden das Vorhandensein von Self-Publishing-Titeln überhaupt noch nicht mitbekommen.


Warum wird der Marktanteil der Self-Publisher im deutschsprachigen Raum insgesamt unterschätzt?

Das liegt daran, dass sämtliche Bestseller-Listen und Statistiken nur aus den Daten der klassischen Handelspartner generiert werden. In den USA gibt es inzwischen Untersuchungen, wonach sich in den letzten Jahren eine »Schattenökonomie« von Self-Publishing-Veröffentlichungen ohne ISBNs entwickelt hat, die für etwa 1,25 Milliarden US-Dollar Umsatz verantwortlich ist und die fast ein Drittel der insgesamt verkauften Absätze ausmacht.

Derartige Zahlen unterfüttern die Theorie, dass Self-Publishing dem Buchmarkt bereits jetzt einen Teil abnimmt und auf dem Vormarsch ist. Dabei ist unerheblich, ob der Anteil der E-Books stagniert, denn der Zuwachs der im on-demand-Druck erzeugten Papierbücher wächst exorbitant, zumal diese mittlerweile teilweise unter dem Preis von Elektrobüchern abgegeben werden. Für den Kunden ist es letztlich eine Frage des Ladenpreises, in welcher Version er ein interessantes Buch erwirbt.


Stichwort Disruption: Weshalb sind Sie der Meinung, dass das hörbare Aufatmen der Branche und der Glaube, die große Sintflut sei bereits wieder im Sinken begriffen und alles im Lot, falsch ist?

Self-Publishing gilt als Ursache für die erst bevorstehende Disruption der Buchbranche, deren eigentliche Herausforderung damit noch bevorsteht. So wie der Computersatz im Desktop-Publishing den Bleisatz ersetzte und der Online-Handel einen Teil des stationären Handels auslöschte, könnte das Self-Publishing zu dem Tsunami werden, der Teile der etablierten Verlagsszene ebenso hinwegfegt sowie weitere schwere Einbrüche im Buchhandel verursacht.

Ganz wesentlich trägt zum Untergang die Arroganz der Buchbranche bei, die immer noch glaubt, Gralshüter der Formel für »gute Literatur« zu sein. Dabei unterscheiden sich die im Self-Publishing veröffentlichten Krimis, Fantasybücher, Unterhaltungsromane und Ratgeber nur in einem Punkt von anderen Titeln, die in friedlicher Koexistenz mit ihnen angeboten werden: Sie wurden ohne Verlage herausgebracht. Da nutzt es wenig, wenn FAZ-Kritiker Büchern von Self-Publishern mit »Ekelverdacht« begegnen. Längst hat sich der Leser den neuen Angeboten geöffnet und nimmt sie dankbar und streckenweise sogar enthusiastisch an. Der Leser entscheidet inzwischen selbst, was er in seinen Warenkorb legt. Und das ist der springende Punkt, denn letztlich sind nur Autoren und Leser für den Buchmarkt unentbehrlich. Es geht, wenngleich es für Kulturbeflissene ein Gräuel ist, auch ohne Verlage und Buchhändler.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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