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Fressen gegen Fellpflege: Was uns mit Schimpansen verbindet

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHIMPANZEE
Gravity Giant Productions via Getty Images
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Dankbarkeit als (Über)Lebenshaltung

Das Erweisen von Dankbarkeit, das die Bindungen innerhalb sozialer Netze verstärkt, findet sich bereits bei unseren Vorfahren und zeigte sich beispielsweise im Tausch von Nahrungsmitteln: So teilten die Schimpansen ihr Fressen systematisch mit denen, die ihnen das Fell gepflegt haben.

Mit Berührungen wurde Dankbarkeit gegenüber denen ausgedrückt, die Fressen tauschten. Das ermunterte die Gruppe zu weiteren Transaktionen.

Bei diesem Tausch "Fressen gegen Fellpflege" bilden die Schimpansen "Allianzen, die starke Verbindungen zwischen Menschen ähneln". (Menschen haben zu 98 Prozent die Gene mit Schimpansen gemeinsam.)

Darüber schreibt der Psychologieprofessor der University of California, Dacher Keltner, in seinem aktuellen Buch „Das Macht-Paradox", in dem er sich mit der Frage beschäftigt, wie wir Einfluss gewinnen - oder verlieren.

Bleibende Macht hängt für ihn davon ab, einfache Dinge zu tun, die gut für die anderen sind.

„Achten wir auf die Bedürfnisse der Machtlosen unter uns, können wir unsere Macht nutzen, um Gutes zu tun und der Gesellschaft auf nachhaltige Weise dienen."

Er bricht damit das negative Bild auf, das häufig mit Macht in Verbindung gebracht wird (z.B. Machtmissbrauch und unethisches Verhalten).

Macht gedeiht für Keltner dort, wo Solidarität und Begeisterung spürbar sind, wo positive Einflussnahme durch Freundlichkeit, Gemeinsinn und Gerechtigkeit wächst. Sie ist das Ergebnis „kleiner Handlungen" und des persönlichen Engagements.

Das Aufrechterhalten von Macht ist nach seiner Ansicht davon abhängig, wie wir die innere Erfahrung der Dankbarkeit nach außen umsetzen.

Schon der Philosoph Cicero war davon überzeugt, dass nur dankbare Menschen Freundschaft und eine Gemeinschaft eingehen können. Dankbarkeit war für ihn die wichtigste Haltung des Menschen und Voraussetzung für die „concordia" (lat. „Eintracht"). Wo sie fehlt, wird die „Humanitas" (Menschlichkeit) bedroht.

„Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass tüchtige Menschen wären undankbar gewesen", schrieb Goethe. Dankbare und anpackende Menschen nehmen ihre positiven Möglichkeiten wahr und gestalten ihr Umfeld entsprechend.

Empathie braucht dauerhafte Macht

Der Handels- und Neuromerchansising-Experte Bert Martin Ohnemüller hat dazu in seinem Erfahrungs- und Erlebnisbericht „Lead. Speak. Inspire." eine Vielzahl von Beispielen zusammengetragen:

Er beschreibt seine Dankbarkeit gegenüber seinem Ziehvater Friedhelm Schürmeyer, der ihn in jungen Jahren in einem namhaften Lebensmittelkonzern gefordert und gefördert hat.

An diesem Beispiel bestätigt sich auch Keltners Beobachtung, dass die Möglichkeit, gegenüber anderen Einfluss zu nehmen, wächst, wenn jemand freundlich ist und andere (hier als Mentor) anerkennt und achtet, denn: „Die Macht einer Person ist nur so groß wie ihr Ansehen".

Wer andere belohnt, erhält verlässlich bleibende Macht: „Das ist möglich, indem wir teilen, ermutigen, loben, wertschätzen" und die guten Anlagen der anderen fördern.

Dauerhafte Macht erwächst für Keltner aus Empathie, beruht auf Geben statt Nehmen sowie darauf, Dankbarkeit zu zeigen und Geschichten zu erzählen, die zusammenführen.

Die Bedeutung der Empathie wird besonders hervorgehoben, weil sie zu mehr und besserer Zusammenarbeit führt und dazu beiträgt, dass die Beteiligten über bleibende Macht verfügen.

Erwiesen ist, dass junge Menschen, die gerade ins Berufsleben eingestiegen sind, zufriedener waren mit ihren Jobs, wenn sie eine ausgeprägte Empathie hatten.

Der gute Ruf eines Menschen erhöht die Chancen, dass er auch künftig in einer Weise handeln wird, die für alle Beteiligten nützlich ist.

Allen Berufsanfängern wünscht Bert Martin Ohnemüller, dass es ihnen vergönnt ist, „einen ebensolchen Chef bzw. Chefin kennenzulernen", einen charismatischen Vorgesetzten, der einem „in erster Linie als Mensch und dadurch auch im persönlichen Bereich zu einem starken Inspirator wird".

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Foto und Copyright: Bert Martin Ohnemüller

Das Motto von Friedhelm Schürmeyer, „Intelligent gegen die Regel verstoßen", hat Ohnemüller und seine Arbeitsweise stark geprägt und dient ihm noch heute häufig als eine Art Leitmotiv - vor allem dann, wenn es in Meetings heißt: „Das haben wir doch immer schon so gemacht!"

Vor allem aber ist Ohnemüller dankbar für seine Ehe und die Familie. Seiner Ehefrau und Partnerin, mit der er seit 1987 sein Leben teilt, sowie den vier gemeinsamen Kindern, dankt er mit diesem Buch für das Glück, das er mit ihnen erlebt.

Übertragen auf den Ansatz von Dacher Keltner lässt sich nachfolgend zusammenfassen:

• Wer sich auf andere konzentriert und den Blick für sie schärft, behält auch seine Empathie.
• Wahre Macht fördert das Gemeinwohl, das dazu führt, dass es ihren jeweiligen Gruppen besser geht.
• Kollektiv belohnt werden jene, die mit ihrem Status und ihrem Ansehen das Gemeinwohl fördern.

Literatur:

Dacher Keltner: Das Macht-Paradox. Wie wir Einfluss gewinnen - oder verlieren. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2016.

Bert Martin Ohnemüller: Lead. Speak. Inspire. Ein persönlicher Erfahrungs- und Erlebnisbericht über die drei wesentlichen Elemente gelungener Unternehmens- und Lebensführung. Frankfurt a. M. 2016.