BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Freiheit, Gnade, Mensch: Warum wir Luther hören sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LUTHER
typo-graphics via Getty Images
Drucken

Mit Luthers Thesenanschlag beginnt 1517 der Starschuss für die Reformation. Historisch befinden wir uns an der Bruchstelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Für den Bettelmönch, der die kirchliche und politische Elite Europas herausfordert, gibt es nur eine Form der Hinwendung zu Gott: das Hören.

Nichts anderes heißt für ihn Glauben: Gott spricht zu uns. Seine Botschaft können wir nicht sehen und nicht begreifen, denn sie erreicht uns nur über das Ohr. Die entscheidende von Luther übersetzte Bibelstelle (Römerbrief 10,17) lautet: So kommt der Glaube aus der Predigt. Das Lesen und vor allem Hören des Evangeliums ist für Luther wichtiger als Kult und Ritus.

Der Glaube ist ein „Hörereich", denn Gottes Wort fordert, dass wir die Augen geschlossen halten und konzentriert hinhören sollten. Damit ist der akustische Vorgang des Hörens genauso gemeint wie der Akt des Gehorsams. Glauben heißt, Gottes Stimme zu hören und dafür die Ohren zu öffnen.

Der Übersetzer und Prediger Luther „prüft seine Sätze mit dem Ohr", das für ihn das Organ der Offenbarung ist. Das rechte Hören ist kreativ - auch und gerade in seiner Passivität, die allerdings absolute Hingabe verlangt.

Zum Reformationsjubiläum 2017 erschien eine Vielzahl von Büchern, die sich der Aktualität des Reformators widmen. Der Bedeutung des Hörens wurde dabei weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Umso wichtiger ist das Hörbuch „Martin Luther" von der Kulturjournalistin Corinna Hesse, die den Bogen bis in die Gegenwart schlägt

2017-10-18-1508344748-6454898-CoverCD.JPG

Corinna Hesse, Jahrgang 1968, studierte Musikwissenschaften, Kunstgeschichte, neuere deutsche Literatur und Theaterwissenschaften in Hamburg und Wien. Von 1993 bis 2005 arbeitete sie als freie Rundfunkjournalistin und Moderatorin in Hamburg für ARD Kulturprogramme, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Deutsche Welle. 2005 gründete sie gemeinsam mit Antje Hinz den Silberfuchs-Verlag - Labor für gesellschaftliche Wertschöpfung, in dem sie Medien zur Wissensvermittlung produzieren und veröffentlichen. Corinna Hesse ist Verlagsleiterin, Autorin zahlreicher Titel, Produzentin und Regisseurin.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.pngDie wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Als Sprecherin der Kreative MV (Netzwerk für Kultur- und Kreativwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern) und Vorstandsmitglied der Kreative Deutschland (Bundesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft) setzt sie sich für die Kreativbranche in Deutschland ein.

Das Luther-Hörbuch widmet sich nicht nur den bedeutenden Ideen des Reformators, sondern gibt in 20 Kapiteln/Tracks auch einen historischen Über- und Rückblick, der zugleich unsere Gegenwart begreifbar macht. Gelesen vom Schauspieler und Sprecher Rolf Becker werden Aspekte wie Toleranz, Freiheit, Zweifel und Gnade aufgegriffen, Luthers Einfluss auf Bildung und Medien verdeutlicht, aber auch sein Scheitern und Irren dargestellt.

Rolf Becker führt uns mit seinem „Hörereich" den Reformator mit unverwechselbarer Stimme „vor Ohren". Es wurde und wird auch mehrfach live aufgeführt in der Originalbesetzung - mit Rolf Becker und dem Percussionisten Stefan Weinzierl (das nächste Mal am 29. Oktober 2017 im Speicher am Kaufhauskanal in Hamburg-Harburg).

2017-10-18-1508344655-6785062-BeckerAntjeCorinna300dpiklein_web.jpg

Antje Hinz, Rolf Becker und Corinna Hesse (v.l.n.r.), Foto: Kallebu

Der Schauspieler Rolf Becker hat den mehrfach ausgezeichneten Silberfuchs-Verlag von Anfang an begleitet, weil er einer der charismatischsten Sprecher in Deutschland ist - und einer der besten „Luther-Übersetzer". Gerade die Persönlichkeit des Reformators war für ihn eine „spannende Herausforderung", sagt Corinna Hesse - „dieser oft polternde, aber sprachlich absolut begnadete Mensch, der seine unglaubliche Selbstsicherheit von seiner Überzeugung nahm, dass er im Auftrag Gottes handelt."

Die Kulturjournalistin hat die Fülle an Informationen schrittweise auf den Kern verdichtet. Dabei wurde sie von einem Stab wissenschaftlichen Berater, darunter Historiker und Vertreter der Nordkirche, begleitet. Nur auf diese Weise ist es gelungen, dieses komplexe Thema für heutige „Ohren" verständlich zu machen. Faszinierend für die Gegenwart ist für Corinna Hesse „die geradezu filmreife Robin-Hood-Geschichte", der arme Bettelmönch aus der Provinz fordert die politische Elite Europas heraus.

Die spannende Frage dabei ist für sie, warum das funktioniert hat? „Einerseits war die Zeit reif, aber Luther hatte auch ein sehr sensibles Gespür dafür, was politisch möglich ist. Er hat mit den Landesfürsten paktiert und teilweise gegen das Volk agiert, was ihm viele Menschen bis heute übel nehmen. Das war aber politischer Realismus. Er brauchte die Unterstützung der Fürsten, um seine Ziele zu erreichen."

Das unterscheidet ihn von Thomas Müntzer, dessen Bauernrevolte brutal niedergeschlagen wurde. Es wird gezeigt, dass Luther kein politischer Rebell war, sondern die Menschen innerlich frei machte. Mit seiner Haltung und seinem Tun wurde er zum Vorläufer der Demokratie und der Meinungsfreiheit. Obwohl in vielerlei Hinsicht selbst intolerant war (er ließ nur einen Glauben gelten), „hat die Reformation letztlich dazu geführt, dass wir in Europa heute unterschiedliche Glaubensrichtungen tolerieren" (Corinna Hesse).

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

         googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');