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Freiheit des Denkens, Vielfalt und Digitalisierung: Der Influencer und Ökologe Ernst Haeckel

26/11/2017 16:38 CET | Aktualisiert 26/11/2017 16:39 CET
ullstein bild Dtl. via Getty Images

Zum Wesen der Digitalisierung gehört es, eine Verbindung der virtuellen und der realen Welt zu schaffen, so dass beide schließlich miteinander verschmelzen. Das erfordert neue Denkstile, Methoden und Formen interdisziplinärer Zusammenarbeit, denn die Herausforderungen von heute können nur mit einem breiten Horizont bewältigt werden.

Neu denken bedeutet aber auch, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden, so dass das Alte das Neue erklärt und umgekehrt. Es macht Sinn, sich auch an jene zu erinnern, die schon zu ihren Lebzeiten aus der Zeit gefallen waren, weil sie immer das Ganze im Blick hatten und nicht nur den Wimpernschlag ihrer eigenen kurzen Geschichte.

Vor allem der Biologe, Naturforscher, Künstler, Philosoph und Arzt Ernst Haeckel (1834-1919) ist im Zeitalter der Digitalisierung hochaktuell. Der Breite seiner Forschungs- und Interessengebiete ist es zu verdanken, dass die Philosophie biologische Erkenntnisse aufgriff, und dass die modernen Geistes- und Naturwissenschaften sich in weiten Bereichen zu berühren und zu ergänzen begannen.

In Goethe'scher Tradition vermittelte er die Freiheit des Denkens und eine grenzüberschreitende Weltsicht. Sie zeigt sich auch in den Texten und Arbeitsschwerpunkten der beiden Autoren des aktuellen TASCHEN-Bandes über die Kunst und Wissenschaft Haeckels:

Rainer Willmann ist Professor für Zoologie an der Universität Göttingen und Direktor des dortigen Zoologischen Museums. Seine wissenschaftlichen Hauptinteressen liegen in den Bereichen der Stammesgeschichtsforschung und Evolution sowie in der Biodiversitätsforschung und ihrer Geschichte. Er ist Mitbegründer des Zentrums für Biodiversitätsforschung und Ökologie an der Universität Göttingen.

Julia Voss studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, der Humboldt-Universität zu Berlin und am Goldsmiths College in London. Für ihre Promotion über „Darwins Bilder.

Ansichten der - 1 (Kunst und Wissenschaft Ernst Haeckels) - Evolutionstheorie 1837-1874" wurde sie mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft ausgezeichnet. Seit 2007 ist sie Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie leitet hier gemeinsam mit einem Kollegen das Kunstressort und ist seit 2014 stellvertretende Leiterin des Feuilletons.

Der Begründer der Ökologie

Als leidenschaftlicher Verfechter und Fortentwickler der Theorien Darwins verfasste Haeckel nicht nur philosophische Abhandlungen und promovierte in Zoologie, sondern prägte auch wissenschaftliche Begriffe, die bis in unsere Alltagssprache vorgedrungen sind.

Beispielsweise stammt der Begriff „Ökologie" von Haeckel. Er verstand darunter „die Wissenschaft von den Wechselbeziehungen der Organismen untereinander".

Wir verdanken ihm aber auch ein ganzheitliches Weltbild, an dem wir uns im Sinne des nachhaltigen Handels orientieren sollten, denn heute ist nicht nur das Wissen der Welt, sondern auch die Welt selbst nur einen Klick von uns entfernt. Die digitalen Möglichkeiten der Information, Transaktion und Interaktion bereichern und prägen unser Leben.

Wie der Naturforscher Alexander von Humboldt wollte es Haeckel nicht nur entdecken, sondern auch erklären (ein wichtiger Aspekt, der im Kontext der Digitalisierung häufig vernachlässigt wird).

Dazu fertigte er Hunderte detaillierter Zeichnungen, Aquarelle und Skizzen seiner Forschungsergebnisse an, die im 19. und 20. Jahrhundert in mehreren Bänden veröffentlicht wurden - unter anderem in einer Reihe meeresbiologischer Monografien sowie in seinen prachtvollen „Kunstformen der Natur", die sein Lebenswerk zusammenfassen.

Großes und Kleines verschmolzen bei ihm genauso wie Leben und Werk: Im Jahr 1864, an seinem 30. Geburtstag, wurde ihm die Cothenius-Medaille für seine wissenschaftlichen Verdienste verliehen - genau an diesem Tag starb seine Frau Anna Sethe - vermutlich war es der Blinddarm.

Halt und Trost fand er in wissenschaftlicher Arbeit: In seiner Trauer reiste er nach Italien, wo er in einem Gezeitentümpel auf eine noch unentdeckte Scheibenqualle schrieb, die er Desmonema annasethe nannte. Ihre Tentakel zeichnete er wie das goldene Haar seiner verstorbenen Frau und „kleidete" sie in türkisfarbene Rüschen. Aus Natur wurde bei ihm Kultur, aus Tod wurde Leben.

Seine Drucke waren nicht nur für die Naturforschung von Bedeutung, sondern beeinflussten auch Generationen von Künstlern und Architekten des 20. Jahrhunderts, vor allem die Vertreter des Jugendstils.

Der voluminöse und prachtvolle Band „Kunst und Wissenschaft Ernst Haeckels" präsentiert alle Tafeln aus seinem berühmtesten Werk und den meeresbiologischen Atlanten „Die Radiolarien", „Monographie der Medusen", „Die Kalkschwämme: eine Monographie".

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Copyright: TASCHEN Verlag

In einer Zeit, in der die Artenvielfalt zunehmend durch das Handeln des Menschen bedroht wird, erscheint dieses Buch wie eine heilsame Erinnerung daran, was die Vielfalt des Lebens eigentlich ist - es zeigt die Wunder, nicht die Wunden der Erde. Selbst in den kleinsten Geschöpfen entdeckte er die Schönheit des Lebens.

In seiner Serie „Kunstformen der Natur", die zwischen 1899 und 1904 erschienen, schrieb er zu seinen Bildern: „Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden."

Wer dieses haptische Kunstwerk berührt, wird von seiner „ökologische Ästhetik" (David George Haskell), der Schönheit, die in den Beziehungen aller Lebensgemeinschaften liegt, buchstäblich emotional ergriffen - auf jeder Seite gibt es Neues und Überraschendes zu entdecken. Was mit jeder Seite „ansteigt", ist das Vergnügen, das beim Eindringen in die Geheimnisse der Natur aufkommt.

In einer Zeit, in der die Artenvielfalt zunehmend durch menschliches Handeln bedroht wird, ist dieses Buch nicht nur ein visueller Genuss, sondern auch eine eindringliche Erinnerung daran, wie wichtig die Vielfalt des Lebens ist.

Literatur:

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Rainer Willmann, Julia Voss: Kunst und Wissenschaft Ernst Haeckels (Deutsch, Englisch, Französisch). TASCHEN Verlag, Köln 2017.

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

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