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Frauen in technischen Berufen: Warum Integration ein gesamtgesellschaftliches Thema ist

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FRAUEN TECHNIK
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Wo Prof. Marion Weissenberger-Eibl arbeitet, sind über 40 Prozent der Wissenschaftler weiblich. Deutschlands bekannteste Innovationsforscherin leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Zudem ist sie Lehrstuhlinhaberin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin leitete sie von 2011 bis 2012 unter anderem die Arbeitsgruppe Innovationskultur.

Dass eine Frau eine leitende Position innehat, ist für sie nichts Besonderes, denn sie hatte stets ein spannendes Umfeld, in das sie durch Leistung, Engagement und Disziplin in die entsprechenden Positionen kam: „Was entscheidend ist, ist das Berufsfeld und die jeweilige Disziplin. Es lässt sich nicht pauschal sagen, dass es zu wenig weibliche Führungskräfte gibt."

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Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

In Deutschland sieht die Wissenschaftlerin allerdings auch noch Möglichkeiten zur Optimierung. Dabei verweist sie auf positive Beispiele der skandinavischen Länder, die diesbezüglich viel fortschrittlicher sind. Auch wird hier mit diesen Themen viel selbstverständlicher umgegangen.

Die Förderung von Frauenkarrieren ist zudem ein herausragender Bestandteil für den Erfolg von Change-Prozessen. Zu diesem Ergebnis kam der Frauen-Karriere-Index (FKi), der in seiner 5. Erhebungswelle 2016 vorgestellt wurde. Allerdings: Während es in Unternehmen nicht an der Einsicht mangelt, dass die Karriereförderung von Frauen zu Verbesserungen führt, bleibt eine entsprechende Systematik häufig noch die Ausnahme.

Zu den Erfolgsfaktoren einer systematischen Karriereförderung von Frauen gehören u.a. ein aktives Talentmanagement, die Kommunikation von Frauenquoten in Unternehmen sowie Leitfäden zu Mitarbeitergesprächen vor der Elternzeit. Auch Mentoren-Programme, die zunehmend professionalisiert werden, gewinnen weiterhin an Bedeutung.

Um das Interesse an technischen Berufen zu wecken und die Kraft der Vielfalt so früh wie möglich zu erleben, sollte nach Ansicht der Innovationsforscherin Marion Weissenberger-Eibl schon in der Schule angesetzt werden, um das Interesse daran zu wecken: „Es wäre schön, wenn es ganz selbstverständlich wäre, auch als Mädchen mit Technik in Berührung zu kommen, etwa Autos zu bauen oder etwas über Architektur zu erfahren."

Für die Entwicklung von Kindern sei es wichtig, die Möglichkeit zu haben, auszuprobieren und zu experimentieren, denn diese Entdeckerfreude braucht es auch später im Berufsleben.

Die "Girls' Days" sind ein Programm, das Interesse weckt und dazu führt, sich auch als Mädchen mit Bereichen wie den Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik auseinanderzusetzen. Das Förderprogramm "Talent Schools" am Fraunhofer-Institut ist ein deutschlandweites Programm für Schülerinnen und Schüler der 10. bis 13. Klassen. Nach drei Tagen wissen sie, wie technische und naturwissenschaftliche Lösungen erforscht werden. Zudem tauschen sie sich intensiv mit anderen MINT-Interessierten aus und lernen auch einiges über sich selbst. Entwickelt werden die Aufgaben aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft oder Technik von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie unterstützen auch während der Workshops, vermitteln die notwendigen theoretischen Grundlagen und diskutieren über die Ergebnisse und Erfahrungen.

Es soll Mädchen und Jungen gezeigt werden, dass die MINT-Fächer Spaß machen. „Das Erleben von Technik und was man damit realisieren kann, ist wichtig, auch für Frauen. Die Möglichkeiten, die es im MINT-Bereich gibt, müssen wir noch besser kommunizieren. Technik und ihre Chancen muss für unsere Jugend erlebbar sein. Man muss die Freude und Anerkennung in den Berufen in den Vordergrund stellen", sagt die Wissenschaftlerin, die allerdings auch betont, dass es in unserer Gesellschaft einer differenzierten Diskussion unter anderem zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedarf. Es geht darum, die Familien beispielsweise mit Betreuungsmöglichkeiten oder flexiblen Arbeitszeiten zu unterstützen.

Dazu ein positives Beispiel: Dipl.-Ing. (FH) Werner Neumüller ist nicht nur Unternehmer und Autor, sondern gehört auch wie Prof. Marion Weissenberger-Eibl zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de.

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Dipl.-Ing. (FH) Werner Neumüller (Foto: Neumüller Unternehmungen)

Aktuell beschäftigt Neumüller mehr als 350 Mitarbeiter_innen (davon ca. 220 Ingenieure/Naturwissenschaftler_innen) an den Standorten Nürnberg, Hamburg, Berlin, Regensburg und Filderstadt bei Stuttgart. Kerngeschäft ist die Rekrutierungsunterstützung über die Personaldienstleistung vor allem im akademischen Umfeld und bezüglich Ingenieurqualifikationen. Jährlich werden hier rund 20.000 Bewerbungen generiert. In den vergangenen 13 Jahren konnten etwa 1600 Ingenieure vermittelt werden.

Die Frauenquote ist in den MINT-Fächern derzeit zwar sehr niedrig, aber bei Neumüller selbst deutlich höher - angefangen beim Spitzenmanagement (die weibliche und männliche Geschäftsführung haben Regina und Werner Neumüller), über das obere Management (je ein Mann und eine Frau bis zum Mutterschutz) und das mittlere (mehr Frauen als Männer) bis zur Belegschaft, wo der Frauenanteil in den MINT-Fächern etwa doppelt so hoch ist, wie bei den Kunden von Neumüller. Intern werden jene Frauen gefördert und ermutigt, die sich für eine weiterführende Aufgabe interessieren.

Jährlich nimmt das Unternehmen am bundesweiten Boys' & Girls' Day teil - auch mit dem Ziel, die Frauenquote in technischen bzw. die Männerquote in kaufmännischen Berufen zu steigern. Gleichbehandlung von Frauen und Männern ist hier selbstverständlich: Alle werden entsprechend ihrer Qualifikationen und Fähigkeiten entlohnt, unabhängig ob Mann oder Frau.

Es wird familienverträgliche Teilzeitarbeit für Mütter angeboten, Teams von Voll- und Teilzeitmitarbeitern garantieren gegenseitige Vertretung, Aufgaben werden nach Absprache familienfreundlich umorganisiert. Zusätzlich wird über Work Life Efficiency berufliche Entwicklung, familiäre Verpflichtungen und persönlich Nötiges verstärkt in Einklang gebracht. Somit entstehen nicht nur zusätzliche berufliche Erfolgserlebnisse, sondern es wird auch das persönliche Wohlbefinden gefördert, das sich sicher wieder auf das Wohlergehen in familiärer Hinsicht positiv auswirkt.

Man muss diese Mutmacher-Beispiele erzählen - vor allem jene, die nicht glatt sind und deren Ende nicht von Beginn an feststeht. Dazu gehört auch die Berufsgeschichte von Marion Weissenberger-Eibl: Nach dem Abitur machte sie eine Lehre als Bekleidungsschneiderin. Als Ingenieurin ist sie anschließend bei Escada für verschiedene Standorte tätig gewesen. Dabei ist ihr bewusst geworden, dass es zu alledem auch noch die Ökonomie braucht. Nach ihrer Escada-Zeit hängte sie deshalb noch das BWL-Studium an. Anschließend wechselte sie an die Technische Universität München, wo sie Technologie und Ökonomie verbinden konnte und wo sie promovierte und habilitierte.

Die Industrie war für sie deshalb sehr spannend, weil dort viele Fragen sehr anwendungsorientiert waren. Andererseits erkannte sie, dass es auch möglich ist, sich in der Forschung vorwärtszubewegen, „ohne nur im Hier und Jetzt zu verweilen". Das war das Spannende, das sie von der LMU in München mitnehmen und an der TU München verwirklichen konnte.

Forschung und Anwendung lässt sich heute nachhaltig beim Fraunhofer-Institut ISI verbinden. Hier gibt es Geschichten des Gelingens, die mit Kooperationen mit der Industrie, aber auch mit anderen Forschungseinrichtungen wie etwa mit Universitäten verbunden sind. Damit sollen Innovationen direkt in den Markt eingebracht werden, um dort die Erkenntnisse entsprechend anzuwenden. Gezeigt wird aber auch, dass nachhaltige Veränderungen immer von Menschen ausgehen, die ihre Handlungsoptionen optimal nutzen.

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