Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Fragen statt klagen: Warum die Generation Smartphone den ganzen Tag online ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHOOL COMPUTER
FatCamera via Getty Images
Drucken

What's App, Mama?

Lernen soll digitaler werden. Das fordern Bildungsforscher, Politiker und Digitalisierungsexperten seit Jahren. Allerdings ist das Thema in vielen deutschen Schulen noch nicht angekommen: „Die Computer in den Schulen sind meistens uralt und so richtig guten Informatikunterricht, der uns auf die spätere ‚digitale Arbeitswelt' vorbereiten würde, haben wir nicht. Es gibt zwar eine regelmäßig aktualisierte Website und einen Online-Stundenplan und manche Lehrer erstellen auch kleine Lernportale für uns, in denen nochmal die Themen für die nächste Klassenarbeit erläutert werden.

Aber insgesamt könnte das schon noch modernisiert werden", schreibt der 16-Jährige Robert Campe in seinem ersten Buch „What's App, Mama? Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind - und warum das okay ist!"

2017-03-13-1489419168-3479725-CoverCampe.PNG

Er besucht in Hamburg das Gymnasium und veröffentlichte Rahmen eines Praktikums bei MEEDIA einen Artikel darüber, wie die junge Generation mit der Social-Media-Welt umgeht. Damit traf er auf reges Interesse, und es entstand das Buch - nicht nur für seine Elterngeneration, sondern für alle, die ganz anders aufgewachsen sind als die junge Generation, und die sich sorgt, dass ihre Kinder nichts mehr von der echten Realität mitbekommen, die falsche Inhalte für bare Münze nehmen und sich nur noch mit Apps, Youtube oder Facebook beschäftigen.

„Damit wir dieses Mysterium ansatzweise begreifen, uns keine Sorgen mehr machen oder auch einfach nur etwas dazu lernen, gibt es Robert Campe!", sagt Marion Nielsen, die bei Eden Books (Berlin), einem jungen Verlag der Hamburger Edel AG, für PR verantwortlich ist.

Mit dem Programm, in dem auch Campes Buch erschien, sollen die Leser unterhalten, bewegt und inspiriert werden. Es geht darum, die Neugier und das Gefühl des Staunens wiederzuentdecken - die Neigung, Neues auszuprobieren und die Fähigkeit, sich an aktuelle Gegebenheiten anzupassen, die in der Kindheit so wichtig waren. Wir müssen neotenisch werden! Der Begriff Neotenie kommt aus der Biologie und bezeichnet die Erhaltung jugendlicher Merkmale im Erwachsenenalter.

„Was früher Adidas-Streifen waren, ist heute der iPhone-Apfel"

Ein Smartphoneverbot ist keine Lösung, so der Tenor des Buches: „Denn heute ist ein Teenager ohne Smartphone wie ein Teenager in den Neunzigern ohne Kabelfernsehen - nur noch schlimmer, quasi gesellschaftsunfähig", schreibt Robert Campe, der nicht nur die Unterschiedlichkeit der Generationen betont, sondern auch das Verbindende.

Denn vieles ist seit dreißig Jahren unverändert: der Gang zur Schule, Hobbys, das Interesse an Filmen und Musik. Doch eines ist grundlegend anders bei der Generation Z bzw. Generation Alpha, die zwischen 1995 bis 2010 geboren wurde: Sie ist so gut wie immer online.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Bei Robert Campe fängt es morgens nach dem Aufstehen mit dem Checken seines Instagram-Accounts an, geht tagsüber weiter, wenn er WhatsApp-Nachrichten und Snaps hin und her sendet, sich Videos auf YouTube ansieht und mit der PlayStation 4 im Multiplayermodus mit seinen Freunden FIFA zockt.

Am späten Abend ist alles durch einen Klick auf das X in seinem Netflix-Account beendet. Weil die älteren Generationen dies schwierig oder sogar besorgniserregend empfinden und viele Begriffe aus der Netzwelt nicht kennen, schrieb er dieses Buch.

Sein morgendlicher Blick ist zuerst aufs Smartphone gerichtet, das in seiner Schule verboten ist (dennoch profitieren selbst die Lehrer „von Wikipedia & Co."). Nach der Schule lernt er mit dem passenden YouTube Channel („YouTube hat mir in der Vorbereitung auf Arbeiten oft das Leben gerettet und da spreche ich für Hunderttausende von Schülern!"), und mit den Freunden verabredet er sich kurz über WhatsApp. Hier beginnt auch die Hausaufgabenarbeitsteilung:

„Da schickt dann jeder seine Hausaufgaben in die Klassengruppe, so haben sie am Schluss alle. Außer der Klassengruppe, in der nur Schüler drin sind, haben wir auch noch einen Chat zusammen mit unserer Klassenlehrerin. Das ist super entspannt, wenn man mal eine Frage hat."

Im aktuellen SPIEGEL-Beitrag „In der Schulwolke" (11/2017) von Steffen Lüdge und Miriam Olbrisch wird auf einen Lehrer verwiesen, der zwar in Campes Buch fehlt, aber die digitale Entwicklung sinnvoll und auf Augenhöhe mit den Schülern in seine Tätigkeit integriert hat: Am Handgelenk von Mathelehrer Martin Kurz vibriert seine Smartwatch, wenn sich einer der Schüler verspätet - über WhatsApp erhält er die Nachricht.

Kurz ist sich bewusst, dass er damit mehr wagt als andere Lehrer und hält sich auch detailliert an die „Handreichung für Lehrkräfte zum Umgang mit Sozialen Netzwerken" des hessischen Kultusministeriums. Er schlug seinen Schülern anstelle von WhatsApp zwar den sichereren Messenger Telegram vor, doch sie lehnten ab, weil es zu umständlich sei. Der Mathelehrer hat für jede seiner Klassen eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet - hier werden Tafelbilder und Notizen geteilt.

Das Beispiel zeigt zugleich, was es bedeutet, Macht und Status abzugeben und gemeinsam Wissen zu teilen im Klassenzimmer, wenn der Lehrer als Moderator (z.B. in der WhatsApp-Gruppe) fungiert, mehr Fragen zulässt, und die neuen digitalen Möglichkeiten in der Gruppe nachhaltig genutzt werden.

Der Philosoph Bertrand Russell sagte einmal: „In allen Angelegenheiten ist es hin und wieder sinnvoll, Dinge mit einem Fragezeichen zu versehen, die wir schon lange für selbstverständlich halten." Dafür plädiert auch Robert Campe mit seinem Generationen-Buch.

What's App, Mama?

Literatur:

Robert Campe: What's App, Mama? Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind - und warum das okay ist! Eden Books, Berlin 2017.

Alexandra Hildebrandt: Generationenwechsel @: Fragmente und Momente einer Gesellschaft im Übergang. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.