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Folgt nach dem Dieselgate ein Formaldehydgate?

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WOOD FURNITURE
Louno_M via Getty Images
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Die kalifornische Umweltbehörde California Air Resources Board (CARB) hat die deutsche Autoindustrie tief erschüttert. Der Diesel-Gate wirkt noch immer nach. Doch droht nun auch ein Formaldehydgate? Das, was zuweilen aus Möbeln ausdünstet, ist nicht weniger schädlich als das, was aus dem Autoauspuff kommt. Bereits Ende der 1980er-Jahre widmete sich Öko-Test erstmals dem Thema Formaldehydausdünstungen aus Möbeln, weil Kunden über Beschwerden wie brennende Augen und Husten klagten. Formaldehyd ist ein farbloses, stechend riechendes Gas, das bei hoher Konzentration in der Raumluft beim Menschen Allergien, Haut-, Atemwegs- oder Augenreizungen verursachen kann. In den USA ist Formaldehyd seit 2011 als krebserzeugend eingestuft, und seine Nutzung wurde stark eingeschränkt.

Trotz zahlreicher Bemühungen sind etliche Möbel deutscher Anbieter noch vielerorts Schadstoffschleudern. Spanplatten sind das mengenmäßig wichtigste Produkt unter den Holzwerkstoffen. Die 1932 vom Karlsruher Unternehmer Max Himmelheber erfundenen Platten bestehen zu rund 50 Prozent aus Klebstoffen, die meistens Formaldehyd enthalten.

Spätestens seit diesem Herbst steht das Thema CARB2 (die Übertragung der seit 2009 in Kalifornien geltenden Regelung auf die gesamten USA) im Branchenfokus. CARB2 wurde 2010 in Kalifornien noch unter Arnold Schwarzenegger eingeführt. Zu dieser Zeit wurden nicht nur die Grenzwerte der Formaldehydemission geregelt, sondern auch die werkseigene Qualitätskontrolle sowie die externe Kontrolle durch die „Third Party Certifiers" geregelt. Die Regelungen sind verpflichtend für alle Hersteller, Importeure, Verarbeiter, Händler und Zertifizierungsstellen, die mit Holzwerkstoffprodukten.

Nach jüngsten Entscheidungen der Umweltbehörde soll der CARB2-Standard (US EPA) ab Dezember 2018 im gesamten US-Gebiet gelten. Anfang September 2017 wurden die Termine um ein Jahr nach hinten verschoben.

In Deutschland stellte sich nun die Frage: Sollen die Unternehmen umstellen oder nicht? Einige Hersteller wie Häcker Küchen, deren Hauptmärkte Europa, Asien und Australien sind, haben bereits reagiert und ihre Produktion umgestellt. Die Umstellung des Holzwerkstoffeinsatzes betrifft hier die komplette Produktpalette. In Zusammenarbeit mit Holzwerkstoffherstellern und den Lieferanten von Halbfabrikaten wurden die Lieferungen umgestellt und die Lagerbestände ausgetauscht.

Pfleiderer Holzwerkstoffe führt bereits seit 2009 das CARB-Zertifikat. Das wirkt sich allerdings auch auf die Preise aus, denn die verschiedenen Leimsysteme erfordern jeweils angepasste Produktionen, was wiederum Einfluss auf den Herstellungsprozess und den höheren Preis im Endprodukt hat. Nachhaltigkeit ist billig nicht zu haben, denn Produkte zu einem niedrigen Preis sind heute meistens mit einer schlechten Ökobilanz, Lohn-Dumping, Kinderarbeit und verantwortungslosen Unternehmenspraktiken verbunden.

Weitere Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.