BLOG

Fluch und Segen: Wie Experten das Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus beurteilen

02/05/2017 14:57 CEST | Aktualisiert 02/05/2017 14:57 CEST
littlehenrabi via Getty Images

Interview mit der Tourismusexpertin und CSR-Managerin Andrea Lachmuth

Frau Lachmuth, welches Potenzial hat der Tourismus für die nachhaltige Entwicklung?

Es ist erheblich. Der Tourismus gilt explizit als Instrument zur Umsetzung der Ziele der globalen Sustainable Development Goals (SDGs), wie sie in der UN-Agenda 2013 für nachhaltige Entwicklung definiert sind.

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum "Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung" ausgerufen. Nach einer Analyse der Welttourismusorganisation reisten 2015 fast 1,2 Milliarden Menschen um die Welt.

Damit hat die Boombranche Tourismus großen Einfluss auf die Umwelt und auf das Leben von Millionen von Menschen. Die Tourismusindustrie ist weltweit ein mächtiger Wirtschaftsfaktor und Jobmotor.

Warum ist Tourismus Ihrer Meinung nach Segen und Fluch zugleich?

Massentourismus, Klimawandel, Ressourcenknappheit demographischer Wandel und sozialer Frieden sind Herausforderungen, mit denen sich die Tourismusindustrie weltweit auseinandersetzen muss.

Es geht zum einen um Umweltverschmutzung und den ökologischen Fußabdruck, den jeder Reisende hinterlässt. Aber es geht auch um soziale Gerechtigkeit und Lebenschancen für Menschen, die direkt und indirekt von den externen Effekten der Reisewirtschaft betroffen sind.

Was verbinden Urlauber mit nachhaltigem Reisen?

Booking.com veröffentlichte im April 2017 eine Studie zu nachhaltigem Tourismus mit folgenden Ergebnissen: Auch wenn der Begriff „nachhaltiger Tourismus" eine Vielzahl an Bedeutungen hat, ist die Rolle der Unterkünfte relativ eindeutig. Die Umfrage zeigt, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer (56%, Deutschland: 50%) den Aufenthalt in einer umweltfreundlichen Unterkunft als nachhaltiges Reisen bezeichnen.

Dies war die häufigste Antwort auf die Frage, was nachhaltiges Reisen für sie bedeutet. Für etwas mehr als ein Drittel der weltweit Befragten (38%) und nahezu jeden zweiten Deutschen (49%) bedeutet nachhaltiges Reisen, dass sie Wasser sparen, indem sie Handtücher und Bettwäsche mehrfach verwenden. Für viele ist der Begriff nachhaltiges Reisen gleichbedeutend mit einem authentischen Erlebnis.

Für knapp mehr als die Hälfte der Deutschen (53%) und mehr als ein Drittel der weltweit Befragten (38%) ist der Kauf von regional produzierten Produkten und die Unterstützung einheimischer Künstler ein Aspekt von nachhaltigem Tourismus. 36 Prozent der weltweit Befragten und 39 Prozent der Deutschen würden eine umweltfreundliche Unterkunft wählen, um ein authentischeres Erlebnis zu haben.

Booking.com kommt zu dem Schluss: „Der Weg zu einer nachhaltigen Zukunft ist ein Gemeinschaftsprojekt, für das wir unser Wissen teilen und zusammenarbeiten müssen - und zwar auf allen Ebenen zwischen Reisezielen, Unterkünften, Reiseveranstaltern und Reisenden."

Wie kann nachhaltiges Reisen erlebbar gemacht werden?

Nachhaltigkeitsstrategien sind individuell und von den globalen Trends wie Klimawandel oder Ressourcenknappheit geprägt, mit denen eine Tourismusdestination konfrontiert ist. Die Bedürfnisse der Menschen sind aber ähnlich: Der Gast möchte eine intakte Umwelt genießen, ein authentisches Urlaubserlebnis haben und ein gutes Gefühl mit den schönsten Tagen im Jahr verbinden.

Ein Mitarbeiter möchte fair und mit Wertschätzung behandelt werden, einen sicheren Arbeitsplatz haben und ein Gehalt beziehen, das ihm und seiner Familie die Lebensgrundlage sichert und damit seine Menschenwürde respektiert. Die Bewohner an der jeweiligen Urlaubsdestination wiederum wünschen sich durch Infrastruktur und lokale Wirtschaft an die Wertschöpfung durch Tourismus eingebunden zu sein. Diese Ziele für Umwelt und Entwicklung mit Leben zu erfüllen heißt CSR.

Sie arbeiten seit 2010 mit zwei touristischen Familienunternehmen im Bereich Kommunikation zusammen. Beide sind Vorreiter im Engagement für nachhaltigen Tourismus. Was zeichnet sie aus?

Das eine ist das Creativhotel Luise in Erlangen, ein klimaneutral geführtes Businesshotel, das andere ist SeavisTours, ein holländischer Öko-Ausflugsanbieter in der Dominikanischen Republik. In beiden Fällen handelt es sich um traditionell wertegeleitete Familienunternehmer.

Das Hotel in Deutschland hat die ersten nachwachsenden Hotelzimmer nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt und setzt auf Naturmaterialien von regionalen Handwerkern. Im Rahmen der Energieeffizienz ist der C02-Fußabdruck schon im klimapositiven Bereich, da das Ressourcenmanagement sehr effizient ist.

Das Frühstück für die Gäste erfolgt verpackungsarm über regionalen Lieferanten oder in Bioqualität. Carsharing, Fahrräder und Elektrotankstelle ermöglichen umweltfreundliche Mobilität. Alle Mitarbeiter - auch die Service- und Putzkräfte - sind fest angestellt, was in der Hotellerie nicht mehr üblich ist.

Die Hotelierfamilie wird seit über 25 Jahren für Umweltschutz ausgezeichnet und gilt als Ökopionier in der Hotelbranche. Im Hotelbetrieb ist Nachhaltigkeit in allen Bereichen lebendig, aber ohne erhobenen Zeigefinger: „Gut schlafen, gut schmecken, gut atmen, gut erholen und wohlfühlen" ist für den Gast erfahrbar. Nachhaltigkeit steht nicht für Verzicht, sondern für ein neues Qualitätsbewusstsein, das einen positiven Mehrwert für den Hotelgast schafft. Das ist gelebte CSR.

Die Dominikanische Republik ist bei den Deutschen ein sehr beliebtes Fernreiseziel...

Hier bietet der Ökotour-Anbieter abseits des Massentourismus in kleinen Gruppen Bootstouren in das Naturschutzgebiet des „Parque Nacional del Este" an. Ausflugsziele sind die Inseln Saona und Catalina sowie die Tanama-Ranch im Dschungel am Flussufer des Rio de Chavon.

Faire Preise, erstklassiger deutschsprachiger Service und eine soziale und ökologisch rücksichtsvolle Unternehmensphilosophie führen zu begeisterten Bewertungen von Tausenden von Gästen auf Tripadvisor und HolidayCheck.

Die Bedeutung für Mensch und Natur wird besonders auf der Tanama-Ranch sichtbar, die nach umweltfreundlichen Standards betrieben wird. Auf der Ranch wird die Flora und Fauna des Landes kultiviert und bei botanischen Führungen erklärt. Eine Schmetterlingszucht bewahrt die Artenvielfalt der bedrohten einheimischen Falter.

Ein ganzes Dorf ist bei Seavis beschäftigt, aus jeder Familie einer. Die Mitarbeiter erhalten eine Krankenversicherung und Schulgeld für die Kinder.

Bei den Ausflügen wird die Umwelt geschont, indem Müllaufkommen, Energieverbrauch und Transportwege so gering wie möglich gehalten werden. Auf Saona wird eine Schildkrötenaufzuchtstation unterstützt, und die Brutpflege der Schildkrötenbabys trägt zum Artenschutz bei.

Urlauber erleben diese Ausflüge als authentisch und nachhaltig. Viele unterstützen das Team gerne, indem sie Sachspenden abgeben. Diese werden mehrmals im Jahr an Schulen und in Dörfern im Hinterland verteilt, wo Menschen nicht vom Tourismus profitieren.

Ist das individuelle CSR-Engagement bei beiden im Kerngeschäft verankert?

Ja, und es wird durch stete Innovation weiterentwickelt. Sowohl Hotel als auch Ausflugsanbieter beeindrucken ihre Gäste mit Authentizität und Engagement. So wird nachhaltiger Tourismus mit Emotionen aufgeladen und für die Gäste erlebbar gemacht.

Laut Reiseanalyse 2014, die im Auftrag des Bundesumweltministeriums BMUB erstellt wurde, gibt es eine enorme Nachfrage nach umweltfreundlichen und nachhaltigen Urlaubsangeboten - aber kein ausreichendes Angebot...

Befragte, die gerne nachhaltig reisen würden, fänden es hilfreich, wenn es ein klares Siegel oder Gütezeichen für Nachhaltigkeit gäbe. Laut Befragung ist für rund 31 Prozent der Befragten die ökologische Verträglichkeit von Urlaubsreisen wichtig, 38 Prozent möchten sozialverträglich reisen. Und 42 Prozent der Bevölkerung finden es wichtig, dass sich Reiseveranstalter für Nachhaltigkeit engagieren.

Von den an nachhaltigen Reisen Interessierten nannten als Hürden unter anderem fehlende Informationen (43 Prozent) und das begrenzte Angebot (32 Prozent), so die Ergebnisse der repräsentativen Befragung der Deutschen zur „Nachfrage für nachhaltigen Tourismus".

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Es gibt also noch viele Unsicherheiten und wenig Transparenz im Dschungel der Siegel und Zertifizierungen für nachhaltigen Tourismus. Bisher sind Anbieter nachhaltiger touristischer Angebote oft Leuchtturmprojekte, die auf sich alleine gestellt. Es braucht verbindliche übergreifende Strukturen im nachhaltigen Tourismus, die Anbieter und Nachfrager zusammenführen.

Welche Orientierungshilfen hat ein Tourist, wenn er ein nachhaltiges Angebot wie ein Hotel oder einen Ausflug finden und buchen möchte? Ich wünsche mir sehr, dass wir 2017 im Internationalen Jahr für nachhaltigen Tourismus darauf Antworten finden.

Was ist Ihr Lebenstraum?

Ich würde gern durch die Welt zu reisen, nachhaltige Tourismusprojekte vorstellen und diese mit einer CSR-Kommunikationsstrategie auf dem Reisemarkt sichtbar zu machen. Damit würde ich meinen Lebenstraum erfüllen, der mich seit meiner ersten Reise nach Peru nicht mehr losgelassen hat.

Zur Person:

2017-04-29-1493469127-5914184-andrealachmuthquerformat.web.jpg

Foto und Copyright: Andrea Lachmuth

Andrea Lachmuth ist Kommunikationsexpertin und zertifizierte CSR-Managerin. Sie arbeitet seit 2002 für die Branchen Technologie, E-Commerce und Onlinehandel sowie Tourismus im Bereich strategische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Nachhaltigkeitskommunikation und -management.

Die Schulungspartnerin des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) begleitet CSR-Reportings im Rahmen einer integrierten Kommunikationsstrategie.

Andrea Lachmuth studierte Lateinamerikanistik (UNI Köln), Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Romanistik (TU Braunschweig) und beschäftigt sich bereits seit 1996 mit dem UN-Leitbild des Sustainable Development und seiner Umsetzung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bis 2001 arbeitete sie in einer Kommunikationsagentur an Projekten zur Förderung nachhaltiger Regionalentwicklung.

Weitere Informationen: Alexandra Hildebrandt: Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino