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Feststehen in Hoffnung: Vom Suchen und Finden des Glaubens

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Nachdem uns der traditionelle Glaube abhandenkam und die Kirche ihre Autorität verlor, hörte die Religion auf, „ein vitales Element im Leben der meisten Menschen zu sein", sagt der indische Intellektuelle Pankaj Mishra. Die neue Religion heißt für ihn „Fortschritt". Der blinde Zukunftsglaube führt dazu, dass viele Menschen heute nicht mehr glauben können und sich extremen Idealen zuwenden.

Mit diesem Thema beschäftigt sich auch das Theaterstück „ICH GLAUBE" von Martin Gruber und seinem mit dem NESTROY-Theaterpreis ausgezeichnetem aktionstheater ensemble (die Premierenserie im Rahmen des Bregenzer Frühlings 2017 startet am 7. Juni im Kosmos Theater Bregenz und geht bis 9. Juni).

Im Mittelpunkt steht die Suche nach Verlässlichkeit und Orientierung, nach einem inneren Geländer, das uns hilft, unser eigenes Kreuz zu tragen: Vor der Kulisse einer durch Attentate verletzten Welt gehen die die ProtagonistInnen den verschiedenen Facetten des Glaubens auf den Grund und werfen sich „mehr oder weniger funktionierende Lebensphilosophien einer saturiert-säkularen Welt an den Kopf". Harte Beats werden durch aus der Zeit gefallene Liebeslieder sabotiert, so dass der Entwurf einer zeitgenössische Passion entsteht.

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Copyright: Apollonia Bitzan

Die verzweifelte Suche nach einer Erlösung in der Gegenwart geht mit weltweitem Terror, familiären Zerfallsprozessen und der Reduzierung tragfähiger sozialer Beziehungen einher. Was früher abstrakte Ängste waren, ist heute konkret geworden.

In einem schwindelerregenden Parforceritt werden bei Gruber vor diesem Hintergrund auch religiöse Lebensentwürfe durchdekliniert mit der Erkenntnis, dass der Glaube an absolute Wahrheiten noch nie wirklich funktioniert hat. Den AkteurInnen ist das allerdings nur ein schwacher Trost.

Mehr zum Thema: Das Gesetz der Anziehung - Wahrheit oder Humbug?

Was bleibt, ist die Suche nach einem verbindenden Element wie Identität, Gemeinschaft, Solidarität. Wo es an diesen Vertiefungen fehlt, fehlt es auch an inneren Ressourcen und Reserven, die wir brauchen, weil sie uns immun gegenüber Verführungen machen und uns emotional nicht abstumpfen lassen. Glaube, Resilienz und Nachhaltigkeit gehören deshalb zusammen.

Damit schließt Gruber an seine anderen Theaterstücke an - mit einer einfachen Botschaft: Die richtigen Lösungen können nicht allein von der Politik, von intellektuellen Eliten oder „der" Gesellschaft kommen, sondern müssen aus dem Einzelnen „hervorgehen", kommuniziert werden und im Lebensalltag verankert sein.

Die globalen Herausforderungen und die damit verbundenen Unsicherheiten werden dem Einzelnen und der Gesellschaft noch mehr „Stehfestigkeit" abverlangen, die mit dem Glauben eng verbunden ist. So definiert der Hebräerbrief den Glauben als „Feststehen in dem, was man erhofft". (Heb 11,1) Glauben heißt also: einen festen Stand haben, ohne sich täglich nach dem Wind zu drehen. Beim Propheten Jesaja sind Glaube und Stehen eine Einheit: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht, so habt ihr kein Stehvermögen." (Jes 7,9) Dass wir im Glauben feststehen sollen, sagt auch Paulus. Es geht um eine Wirklichkeit, die uns Halt gibt in einer haltlosen Welt.


Weitere Information:

Alexandra Hildebrandt: Tiefe des Glaubens: Warum wir ganz unten nicht verloren sind. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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