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Feel Good! Warum jedes Team einen Lukas Podolski braucht

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LUKAS PODOLSKY
Reuters Staff / Reuters
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Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches), die mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl, arbeiten.

Als Lukas Podolski als Nationalspieler in den EM-Kader 2016 berufen wurde, bezeichnete ihn die ZEIT als „Maskottchen" des DFB. Auch andere Medien stellten seine Fähigkeiten in Frage. Dennoch setzte Jogi Löw auf ihn als guten Spieler und Stimmungsmacher im Team. Weshalb werden solche menschen auch in Unternehmen gebraucht, auch wenn sie nicht immer die besten Zahlen liefern?

Eine Fußballmannschaft besteht bekanntlich aus 11 Spielern - ein ganzes Team dagegen meist aus 23 Kickern und mehr. Das heißt: Mehr als die Hälfte der Teammitglieder sitzen an einem Spieltag auf der Bank oder sogar auf der Tribüne - und haben somit zumindest als Tribünenhocker keine Chance, auflaufen zu dürfen. Das in einem solchen Fall der eine oder andere Spieler frustriert ist, steht sicherlich außer Frage - denn das eigentliche Geld wird mit Auflaufprämien verdient. Mal ganz abgesehen davon, dass es das oberste Ziel eines jeden Spielers ist zu spielen - aus der Freude am Tun heraus sowie dem Wunsch, sich der Öffentlichkeit zu zeigen und so auch seinen individuellen Marktwert zu steigern. Genau an dieser Stelle zeigt sich die Größe des Trainers. Denn nichts ist schwieriger als die Bankdrücker bei Laune zu halten, also das Team hinter den ersten 11.

Auch aus diesem Grund nahm Jogi Löw den Nationalspieler Lukas Podolski mit zur Europameisterschaft 2016. Zuvor hatte Poldi über Jahre hinweg bewiesen, dass er zu Recht zur Spitze der Deutschen Elite gehörte - durch Tore genauso wie durch Leidenschaft und Willenskraft sowie nicht zuletzt durch seine ganz besondere, individuelle Note: Ein schlagfertiger Spaßmacher, der auf ganz außergewöhnliche Weise die Dinge einfach und positiv auf den Punkt bringen konnte.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

So antwortete Lukas Podolski beispielsweise auf die Spitze von Uli Hoeneß, Podolski habe 80 Prozent seiner Länderspiele nur gegen unterklassige Mannschaften wie Lichtenstein gemacht: „Ich werde Jogi Löw bitten, mich nur noch gegen die Top 20 der Welt einzusetzen."

Eine weitere Stärke, die den Stürmer auszeichnete: Kein Jammern, kein Meckern, keine negativen Energien durch ihn im Team. Anders gesagt: Auch als Ersatzspieler sorgte er für positive Stimmung - statt für Dramen und Konflikte. Er erkannte die Leistung der ersten 11 an - und war für den Fall der Fälle gerüstet. Das wiederum strahlte Podolski auch auf die Mitspieler aus.

Der US-amerikanische Basketballtrainer Mike Krzyzewski spricht in diesem Fall von Unterschied, der den Unterschied ausmacht, vom „Herz der Mannschaft", das durch die eigene Vorbildfunktion das Beste aus anderen herausholen kann. Sein oberstes Ziel zu Beginn einer jeden Saison: Eben dieses zu finden.

Inwiefern macht sich das Herz der Mannschaft dabei bemerkbar?

In willensstarken Spielern, die durch Leistung vorwegmarschieren und andere mitreißen genauso wie durch empathische Sportler, die sich um die Belange anderer kümmern - bis hin zu Athleten, die durch ihr positives Wesen für eine gute Grundstimmung sorgen. Umso besser, wenn sich diese wie im Fall Podolski in der zweiten Reihe befinden - und andere in ähnlicher Situation auf Spannung halten oder als Vorbilder dienen.

Ist der im Wirtschaftskontext derzeit viel gebrauchte Begriff „Feel Good Manager" im Fußball schon länger verankert?

Ja, auch Jürgen Klinsmann berichtet rückblickend auf die WM 2006 von einer Art „Feelgood-Manager" - damals in Person von Thomas Hitzlsberger. Auch dieser spielte in der ersten 11 keine große Rolle, sorgte dafür aber im Hintergrund der Ersatzbank für echte Wohlfühlatmosphäre. Ganz gezielt entschied sich Klinsmann daher für die Nominierung von Hitzlsberger. Er wusste (auch aus eigener Erfahrung vergangener Weltmeisterschaften), was gute Stimmung für Energien im Team freisetzen konnte - und negative Stimmung ebenfalls.

„Ein Glücksfall, dass ich einen Spieler hatte, der auf den Plätzen 13 bis 23 für Balance sorgen konnte," so Klinsmann.

Welche Bedeutung hat das Thema heute für Unternehmen?

Immer mehr Arbeitgeber erkennen, dass zufriedene Mitarbeiter für Produktivität in Unternehmen sorgen - und Motivation, gute Kommunikation und Teamgeist wichtige Erfolgsfaktoren sind. Allein aus diesem Grund kann ein Beschäftigter mit einer positiven Grundeinstellung, selbst wenn er vielleicht nicht fachlich der allerbeste ist, mehr als wertvoll für den Betrieb sein. Denn: Er hält das Team zusammen, geht in Zeiten von Stress voran, zieht andere mit und sorgt für enge Bindungen. Er spricht Dinge offen an, legt auch mal den Finger in die Wunde, immer aber mit dem Ziel, das Gesamte von innen heraus zu entwickeln.

Feelgood-Manager ist mittlerweile ein festes Berufsbild geworden. Was ist seine Aufgabe?

Die Hauptaufgabe ist es, Mitarbeiter glücklich zu machen und zu motivieren, sowie ihre Leistungen auf hohem Niveau zu halten. Die Werkzeuge eines Wohlfühl-Managers hängen dabei von seinen eigenen Qualifikationen und Erfahrungen ab. Dazu können Teambildung, Stress-Management, Persönlichkeitsentwicklung, Zeit-Management, und sogar die Vermittlung einfacher Strategien für das Wohlbefinden, wie zum Beispiel viel Bewegung und gesunde Ernährung, gehören.

Nicht immer ist es aber einfach, von außen kommend in einem Betrieb Fuß zu fassen - und nicht immer wird dies bei Mitarbeitern positiv aufgenommen. Wie erzählte uns unlängst ein bekannter Unternehmer aus der Reisebranche: „Der einzige Zweck, den ein Feelgood-Manager aus meiner Sicht erfüllen könnte, ist die Wahrnehmung bei den Mitarbeitern zu verändern, das sagt ja auch schon die Bezeichnung aus - anders gesagt das Unternehmen setzt ein Zeichen, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen - und das wird vermutlich positiv wahrgenommen."

Den selben Zweck würde seiner Meinung nach auch eine andere nicht finanzielle Zuwendung erfüllen, wie z.B. wöchentliche Massagen, eine Jahreskarte für das Fitnessstudio genauso wie freie Getränke, freie Grundnahrungsmittel usw.. Sein interessantes Fazit: Wirklich zielführend kann nur ein Feelgood-Manager sein, der nicht diesen Namen trägt und nicht offiziell zum Wohlbefinden beiträgt. Es muss organisch aus ihm heraus erwachsen und somit dann auch organisch angenommen werden von den Mitarbeitern.

Ein Glücksfall also, wer einen Lukas Podolski in seinen Reihen hat.

Vielen Dank für das Gespräch.