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Fair Fashion: Ein Plädoyer für den Kleiderschrank der Zukunft

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„Die größte Waffe, die wir haben, ist die öffentliche Meinung: Starte damit, die Welt zu verstehen, in der Du lebst. Du wirst zur Freiheitskämpferin, sobald Du damit beginnst." Dieser Satz der Modedesignerin Vivienne Westwood ist prägend für den Fair Fashion Guide, der vom Beneficial Design Institutes zusammen mit der Femnet.e. V. entwickelt und umgesetzt wurde. Gefördert wurde das Projekt von ENGAGEMENT Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Die Publikation, die hier heruntergeladen werden kann, zeigt, wie Mode „Gefühl und Verstand mit fairen und gesunden Herstellungsprozessen vereinen kann", denn Mode ist weitaus mehr als nur das Kaufen von Kleidungsstücken.

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Coverfoto Fair Fashion Guide

Gewinnmaximierte Bekleidung, die an kurzfristigen Trends und Verkaufszahlen ausgerichtet und billig hergestellt wurde, ist für die Autoren keine Mode im eigentlichen Sinne. Mode ist für sie kulturschaffend, sinnstiftend, zukunftsweisend - und sie ist gekennzeichnet durch Qualität: „Gutes, Wertiges, etwas, das mit Zeit und einem gewissen Aufwand hergestellt worden ist".

Gezeigt werden aber nicht nur nachhaltige Mode, sondern auch ihre wahren Kosten und die Schattenseiten der Modeindustrie: ihre komplexe Lieferketten, die sich um den Globus mit immensen Auswirkungen wie Arbeitsrechts- und Umweltschutzverletzungen spannen, vor allem die katastrophalen Arbeitsbedingungen von Frauen in Asien, Entwicklungs- und Schwellenländern: 80 % der Angestellten in den Nähfabriken in Bangladesch sind Frauen, die von den Arbeitsrechtsverletzungen besonders stark betroffen sind.

Dass es um die CSR-Kommunikation in der Textilbranche nicht gut bestellt ist, belegen auch die im April 2016 veröffentlichen Ergebnisse einer Online-Befragung von 504 Frauen in Deutschland, die von der Kölner Kommunikationsexpertin Nicole Franken entwickelt und von der respondi AG durchgeführt wurde:

Über zwei Drittel der Befragten im Alter zwischen 15 und 49 Jahren konnten kein CSR-aktives Textillabel benennen. Als wichtigste Informationsquellen nannten die Frauen im Ladengeschäft angebotene Informationen, gefolgt von Informationen im WWW und TV.

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Diese Studie ist wie der Fair Fashion Guide (FFG) ein wichtiger Wegweiser für Konsumenten. Nahrung und Kleidung sind die Güter, die dem Menschen am nächsten kommen: Nahrung nimmt er auf, Kleidung trägt er auf der Haut, die ihn begleitet und vor Wärme und Kälte schützt. Kleidung ist ein Ausdruck von Identität, Zugehörigkeit oder Abgrenzung. Sie spiegelt den Zeitgeist und ist Ausdruck für Innovation und gesellschaftlichem Wandel.

Öko wurde schon vor Jahren im Textilsektor zu einem Trend - und wegen der Verbindung von Lifestyle und Moral zu einem Modethema. Während sich in Großbritannien, den USA oder Japan der Trend „Green and Ethical Fashion" längst durchgesetzt hatten, startete der Öko-Mode-Boom auf dem deutschen Markt etwas zeitverzögert.

Einige Jahre später brachten auch Massenanbieter wie die OTTO Group oder H&M ihre eigenen „ethical fashion"-Labels auf den Markt. Auch C&A setzte mit einem umfassenden Sortiment aus 100%-Bio-Baumwolle seit September 2007 Standards. Auch adidas lancierte Anfang April 2008 unter dem Namen „Grün" seine ersten Öko-Produkte. Aber auch Onlinehändler wie der Öko-Pionier memo erlebten plötzlich eine enorme Nachfrage nach ethisch korrekter Kleidung.

„Es ist sexy, die Welt verändern zu wollen", sagte U2-Sänger Bono einmal, der die Idee „gut aussehen und damit Gutes tun" selbst umsetzte: Erst verhalf er mit seinem Namen dem Label Edun zu Kultstatus und kreierte dann „eine umwelt- und sozialbewusste, aber dennoch ästhetisch schöne Kollektion", um dann mit dem Biolabel Red in einem anderen Markt weiterzumachen.

Im Fair Fashion Guide geht es auch um die kreative Gestaltung des eigenen Kleiderschranks: „Stylen, Kombinieren von Alt und Neu, von Schnell und Langsam. Es geht um Qualität, Wertschätzung und Zukunftsfähigkeit", so Prof. Friederike von Wedel-Parlow vom Beneficial Design Institute.

Redesign (Umgestaltung), Upcycling und Recycling sind inzwischen in den Fokus der Modeschaffenden und der Verbraucher gerückt. Was vorher ungenutzt in den Müll geworfen wurde, ist heute Ausgangsmaterial für neue Produkte, wie auch in verschiedenen Publikationen zu Circular Thinking anhand zahlreicher Beispiele gezeigt wird: „Aus der getragenen Hose wird ein Rock, aus Restrollen neue Hemden, Textilverschnitt aus der Produktion wird mechanisch recycelt und zu neuen Fasern gesponnen, aus Plastikmüll aus dem Meer werden Jacken hergestellt.

Eins haben alle gemeinsam: aus Abfällen werden neue Ressourcen. Die Kür ist, Produkte so zu schaffen, dass sie gar nicht erst zu Müll werden", heißt es im Fair Fashion Guide, der dazu anregen will, Mode mit gutem Gewissen zu tragen, aber auch über eine Änderung des Konsumverhaltens nachzudenken, denn Mode und Design sind Triebfedern für gesellschaftliche Veränderung.

Deutschland ist Weltmeister der Kreislaufwirtschaft: Mehr als 60 Prozent der Textilien werden bei uns gesammelt, sortiert und weiterverwertet. Recycling und Upcycling stehen derzeit hoch im Kurs. Das ist jedoch „nur die Speerspitze einer neuen Bewegung, einer radikalen Umwandlung des Systems Mode, wie wir es kennen".

Denn noch steht die Frage im Fokus, wie es gelingen kann, die über eine Million Tonnen Textilmüll, die jährlich allein in Deutschland am Ende der textilen Kette anfallen, einer attraktiven Wiederverwertung zuführen können.

Im Kern geht es - wie der Fair Fashion Guide zeigt - jedoch darum, das Problem zu lösen, bevor es entsteht und ästhetische Produkte in gesunden Herstellungs- und Nutzungsprozessen umzusetzen, die stimmig mit der Natur und für die Menschen sind. Nachnutzungen sollten dabei von Beginn an mitgestaltet werden, denn erst dann ist der Kreislauf geschlossen.

Literatur:

Nicole Franken: Corporate Responsibility in the clothing industry. From a consumer's perspective. oekom Verlag 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt. Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Alexandra Hildebrandt, Claudia Silber: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l.

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