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Fabelhafte Finanzwelt: Ein Stoff aus Krisenzeiten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PETER SCHLEMIHL
DEA / G. DAGLI ORTI via Getty Images
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Die erste „richtige" TV-Rolle des Schauspielers Götz George, die ihm so viel bedeutete, wurde in keinem Nachruf erwähnt: 1967 spielte er unter der Regie von Peter Beauvais die Hauptrolle im TV-Film „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" (ZDF). Er basiert auf der gleichnamigen Novelle des französischen Adelsemigranten Adelbert von Chamisso.

Als 1813 der Befreiungskrieg ausbricht und die Berliner Universität geschlossen wurde, gerät er erneut in eine schwierige Lage. Der Inhaber des Zoologischen Instituts, Professor Martin Heinrich Lichtenstein, beschafft ihm ein „Asyl" in Kunersdorf bei Wrietzen (Oderbruch). Ironisch gefärbt und aus der Rückschau notiert, fasst Chamisso seine Bekanntschaft mit dem damaligen Besitzer des Landgutes, Peter Alexander Graf von Itzenplitz, in den Worten zusammen:

„Nun fand sich eben zu der Zeit, dass ein reicher Edelmann, der [...] im schönen Oderbruch [...] mehrere Millionen Güter besitzt, sich nach einem jungen Gelehrten umsah, der die Hand an dieses alles den Sommer über legte. Ich ward hinbefördert, angekündigt als ebenbürtiger Gast und Liebhaber der Botanik zu dem Herrn von Itzenplitz. Einige Klotzigkeiten des Reichtums, die mir nicht entgingen, wurden mir lächerlicher als drückend."

Neben seiner ersten botanischen Arbeit „Adnationes quaedam ad Floram Berlinensem, C. S. Kunthii. Auctore Adelberto de Chamisso", die 1815 erscheint, entsteht zwischen Mai und Oktober auch der Peter Schlemihl, zu dem Chamisso nachträglich wiederholt Stellung genommen hat:

„Da fiel es mir dennoch ein, ich weiß nicht wie, ein Buch und zwar ein ganz fabelhaftes, nämlich eine Fabel zu schreiben und ich kriegte es lustig zu Stande."

Mit dem Motiv des Schattens, das der Protagonist für ein Glückssäckel dem Teufel vermacht, hat Chamisso seinen Lesern ausdrücklich ein Rätsel vorgelegt. Zweifellos und zum Glück eine Bestätigung dafür, dass sich große Literatur nicht dem ersten Eindruck ergibt.

An seinem Lebensende schreibt er:

"Gegenwärtige Geschichte ist in die Hände von besonnenen Leuten gefallen, die, gewohnt nur zu ihrer Belehrung zu lesen, sich darüber beunruhigt haben, was denn wohl der Schatten bedeute. Mehrere haben darüber kuriose Hypothesen aufgestellt: andere, indem sie mir die Ehre erweisen, mich für Gelehrter zu halten, als ich es bin, haben sich an mich gewandt, um durch mich die Lösung ihrer Zweifel bewirkt zu sehen. Die Frage, mit welcher sie mich bestürmten, hat mich über meine Unwissenheit erröten lassen."

Die Antwort gibt vielleicht das Leben selbst: Der Schatten ist in Fiktion und Wirklichkeit gleichermaßen Symbol der eigenen Identität. Wer seinen Schatten verliert, ist sich selbst und der Welt abhandengekommen.

Vor diesem Hintergrund verstehen sich die Schlusszeilen der Schlemihl-Dichtung von selbst: "Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld."

In der Vorrede zur zweiten Auflage der französischen Übersetzung, zu der Chamisso das Vorwort schreibt, nimmt er eine späte und ironische Interpretationshilfe vor: Ausgehend von der physikalischen Definition des Schattens geht es im Peter Schlemihl um das Solide:

„Die Finanzwissenschaft belehrt uns hinlänglich über die Wichtigkeit des Geldes: die des Schattens ist minder allgemein anerkannt. Mein besonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte und nicht an das Solide gedacht."

Im Chamissoischen Sinne ist dies die Seite der Persönlichkeit, die sich nicht durch die Scheinwerte einer vordergründigen und flüchtigen Welt bestechen lässt.

Götz George hat das Buch und die Verfilmung sehr geschätzt, denn es ist der Stoff, aus dem auch die heutige Finanzwelt ist.

Für den studierten Dipl.-Volkswirt und Politikwissenschaftler, Journalisten und Kommunikationsexperten Helmut K. Doerfler wurde die Story von Peter Schlemihl im vergangenen Jahr hoch aktuell und zu einer Parabel der "diabolisch" entgleisenden Geld- und Finanzwelt. In Adelbert von Chamisso sieht er einen märchenhaften Ahnherrn der aktuellen Banken- und Kapitalismuskritik:

„Und zwar u.a. bei der Lektüre des Buches ‚Ökonomie der Verbundenheit. Wie das Geld die Welt an den Abgrund führte - und sie dennoch jetzt retten kann' von Charles Eisenstein, US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor, der als wichtiger Theoretiker der Occupy-Bewegung gilt. Spannend für einen Volkswirt im Kontext von globaler Finanzwirtschaft und der modernen Nachhaltigkeitsbestrebungen. Mit buddhistischem Hintergrund dazu in die gleiche ökonomische Richtung zielt aus meiner Sicht auch das Buch des Philosophen, Kreativitätsforschers, Ökonomen und Wirtschaftsethikers Karl-Heinz Brodbeck: ‚Die Herrschaft des Geldes' und seine neueren Werke."

Chamisso stirbt 1838 in Berlin. Genau 100 Jahre später wird dort Götz George geboren. Beide verbindet lebenslang die Sehnsucht nach dem Schatten, mit der viele Menschen heute nichts mehr anfangen können. Vielleicht wurde dem "Schlemihl" deshalb in Georges Nachrufen keine Beachtung geschenkt.

WeiterfĂĽhrende Informationen:

Götz George: Zum Tod eines Schattensuchers

Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Kyrene Verlag, Innsbruck-Wien 2014.

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