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Foresight: Warum wir uns mit möglichen Zukünften auseinandersetzen müssen

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EUROPA
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Wie die Europäische Union im Jahr 2025 aussehen könnte, skizziert die Europäische Kommission in einem 30-seitigen „Weißbuch zur Zukunft Europas", das Anfang März 2017 präsentiert wurde.

Es enthält Aussagen über Trends in der demografischen, wirtschaftlichen, umwelt- und sicherheitspolitischen Entwicklung in Europa sowie fünf Szenarien, die als Denkanstoß verstanden werden sollen:

1. Weiter wie bisher
2. Konzentration auf die Vollendung des Binnenmarkts
3. Europa der vielen Geschwindigkeiten
4. Weniger, aber dafür effizienter
5. Mehr Europa

Warum wir uns heute mit möglichen Zukünften auseinandersetzen müssen, erläutert die Innovationforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl im folgenden Interview.

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, was bedeutet Foresight?

Foresight heißt Voraussicht oder Vorausschau und ist wissenschaftliches Arbeiten, ein systematischer Ansatz und strategischer Prozess, der sich aller Methoden der Zukunftsforschung und gegebenenfalls auch anderer Methoden bedient. Dabei geht es im Wesentlichen darum, Zukunftsbilder zu entwickeln, wobei es sich da um keine illusionären Bilder handelt. Es geht eher darum, Chancen und Risiken bestimmter Entwicklungen bereits im Vorfeld zu beleuchten, um mögliche Entwicklungsabläufe vorauszusehen und früher darauf vorbereitet zu sein, damit man nicht so sehr davon überrascht wird. Man betrachtet hier etwa technologische Entwicklungen oder deren Implikationen für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

Für wen sind Foresight-Ergebnisse relevant?

Foresight hilft uns, uns mit der Zukunft auseinanderzusetzen - ohne so zu tun, als ob wir eins zu eins vorhersagen könnten, was an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Uhrzeit passieren wird. Es ist so: Nur wer mögliche Zukünfte kennt, kann rechtzeitig Strategien für die Nutzung von Potenzialen und den Umgang mit Herausforderungen entwickeln. Dabei hilft Foresight bei der systematischen Auseinandersetzung mit relevanten und plausiblen Zukunftsbildern und bietet Unternehmen, Forschungseinrichtungen und anderen Organisationen ebenso wie der Politik eine solide Grundlage zur Überprüfung bisheriger Maßnahmen und eine gute Ausgangsbasis für die Entwicklung neuer Strategien.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI?

Strategische Vorausschau, die strukturierte Auseinandersetzung mit komplexen Zukünften, ist ein wichtiges Element des strategischen Innovationsmanagements. Sie zielt auf die langfristige Orientierung im Unternehmenskontext, also im dynamischen Spannungsfeld von Wettbewerb und Umweltbedingungen einer oder mehrerer Branchen.

Die Methoden können u. a. Orientierung bieten für die Positionierung im Wettbewerbsumfeld, Übersicht zu den komplexen Abhängigkeiten einer Branche geben und neue Geschäftsoptionen aufzeigen. Nach unserem Selbstverständnis werfen wir durch Foresight den systematischen Blick in die unterschiedlichen Zukünfte, die eintreffen könnten.

Dann bewerten wir, auf welche wir uns vorbereiten wollen. Dabei arbeiten wir systematisch an langfristigen Problemlösungen, um unsere Zukunft so gut wie möglich zu gestalten. Diese Vorbereitung auf Zukunft kann dabei helfen, positive Entwicklungen zu verstärken und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Ein Rest an Unsicherheit bleibt jedoch immer. Foresight ist ergebnisoffen, beschrieben werden mögliche Zukünfte, positive wie negative.

Bei welchem Thema wird über die Möglichkeiten zur Vorausschau aktuell viel diskutiert?

Es ist vor allem der demographische Wandel. Hier versucht man zu sehen, was es für die Zukunft bedeutet, wenn etwa 30 Prozent der Bürger in den nächsten zehn Jahren über 60 Jahre alt sind. Was hat dies für Auswirkungen auf das Wohnen, aber auch auf die Arbeitswelt? Das sind die Themen, mit denen sich Foresight beschäftigt: vorbereitet zu sein, eine Orientierung zu geben und gleichzeitig in der Politik Impulse zu setzen, um klarzumachen, dass es wichtig ist, sich mit den Auswirkungen frühzeitig auseinanderzusetzen.

Welche Wahrnehmungs- und Denkwerkzeuge erleichtern die Kommunikation über die Zukunft?

Das sind vor allem gute Szenarien, die unterschiedliche plausible Entwicklungen abbilden. Mit ihnen identifizieren wir die ersten, schwachen Anzeichen von Trends, die wir dann zu thematischen Fragestellungen weiterentwickeln können. Wenn es um ein spezifisches Produkt, eine Dienstleistung oder innovative Prozesse geht, nutzen wir am Fraunhofer ISI das Roadmapping. Roadmaps beschreiben zukünftige Wege und zeigen Kreuzungen sowie Knotenpunkte auf - genau wie klassische Straßenkarten. Im Prozess des Erstellens werden gemeinsame Begrifflichkeiten festgelegt, wodurch eine Roadmap die Basis der gemeinsamen Kommunikation bilden kann. Der Roadmapping-Prozess gibt die Möglichkeit, getrennte Entwicklungen und unterschiedliche Einschätzungen gemeinsam einzuordnen und zusammenzuführen. Oft werden dabei auch wertvolle Synergien identifiziert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das Forschungsprojekt "BMBF-Foresight-Prozess" (beauftragt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung) beschäftigte sich damit, die Gestaltung von Foresight-Prozessen zu beleuchten, neue Methoden auszuprobieren und zu kombinieren. Dazu haben wir unser Konzept als Vorreiter vorgestellt und durchsetzen können.

Welche Forschungsgebiete werden künftig an Relevanz gewinnen?

Ich denke die Zukunftsfelder, die aus dem Prozess des BMBF-Foresight herausgearbeitet wurden, zeigen sehr gut, in welche Richtungen wir denken sollten, zumindest für die Bundesrepublik. Natürlich sind die jeweiligen Gegebenheiten und Ziele relevant, auch wenn diese für Österreich natürlich wieder ganz anders sein können. Es war ein aufwendiger Prozess, der nicht pauschal auf ein anderes Land übertragen werden kann. Aber zumindest die Stoßrichtung, lässt sich erkennen.

Das Fraunhofer ISI spricht von „Märkten für übermorgen". Welche sind das?

„Märkte von übermorgen" war ein internes Programm der gesamten Fraunhofer-Gesellschaft, um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können. Sie orientieren sich an den Bedarfsfeldern der Gesellschaft. Wir entwickeln nicht mehr zuerst die Technologie, und fragen uns dann, wofür sie gut ist.

Wir gehen von konkreten Bedürfnissen und Problemen aus, für die wir dann konkrete Lösungen entwickeln. In diesem institutsübergreifenden Portfolio-Prozess wurden fünf für die Fraunhofer-Gesellschaft relevante Zukunftsthemen identifiziert, die forschungsintensive Wachstumsmärkte erwarten lassen: Elektrische Energie; Bezahlbare Gesundheit; Produzieren in Kreisläufen; Emissionsarme, zuverlässige Mobilität in urbanen Räumen; Erkennen und Beherrschen von Katastrophen. Für diese "Märkte von übermorgen" will Fraunhofer integrierte Lösungsansätze anbieten.

Was verstehen Sie unter Konsumieren 2.0?

„ProduzierenKonsumieren2.0" als eines der Zukunftsfelder des BMBF-Foresight-Prozesses zielt auf langfristig zukunftsfähiges „Produzieren und Konsumieren" ab. Es geht um neue Wege zur bedarfsgerechten Leistungserstellung vor dem Hintergrund veränderter globaler Rahmenbedingungen. Ebenso entscheidend ist eine der größten Herausforderungen der Zukunft, nämlich die für den Menschen lebenswichtige Ökosphäre zu erhalten.

Welche Rolle kommt der Industrie zu?

Im Mittelpunkt der Forschung stehen zukunftsfähige Muster industriegesellschaftlicher Stoffumsätze. Etablierte Forschungsstränge aus Produktionsforschung, Dienstleistungsforschung, Umweltforschung, Biotechnologie und Materialwissenschaften arbeiten alle mit hoher Dynamik an Aspekten dieser Thematik. Sie können jedoch den notwendigen systemischen Wandel des Gesamtgefüges alleine nicht adäquat thematisieren. Zentraler Träger der Entwicklung und Umsetzung der Innovationen um ProduzierenKonsumieren wird sicherlich die Industrie sein. Der Kreis der zentralen Innovatoren reicht weit über die enge Forschungslandschaft hinaus und schließt Akteure der Zivilgesellschaft ein. Eine zentrale Rolle wird zudem die Politik spielen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

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Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. In ihrer Arbeit beschäftigen sie sich mit möglichen Zukünften. Dabei werden Innovationspotenziale für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufgezeigt. Marion Weissenberger-Eibl hat ein Ingenieurstudium der Bekleidungstechnik in Sigmaringen absolviert und Betriebswirtschaftslehre in München studiert. Sie arbeitete als Ingenieurin und promovierte und habilitierte sich an der Technischen Universität München. Heute ist sie zudem Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sie berät Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Sie leitete unter anderem die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012.

Weitere Informationen.

Vorausschau statt Nachsehen. Ein Gespräch mit der Innovationsexpertin Marion Weissenberger-Eibl. In: Logistik entdecken. Magazin des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML Dortmund. Nr. 6 (2009), S. 7-10.

Auf der Suche nach der Zukunft. In: Die Übermorgenmacherinnen. Hg. Ministerium für Finanzen und Wirtschaft. Baden-Württemberg. Stuttgart 2012, S. 21-23.

BR-ONLINE | Das Online-Angebot des Bayerischen Rundfunks. Sendung vom 07.01.2009.

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