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Essen statt beten: Wie Gotteshäuser Sinn und Sinne ansprechen

07/11/2015 10:17 CET | Aktualisiert 07/11/2016 11:12 CET
Christopher Futcher via Getty Images

Es werde Licht

Konferenzraum, Restaurant, Lounge-Bildergalerie, Business- und Conference-Center, Bar und Café, Konzertsaal, Modeboutique? Die Zukunft und künftige Nutzung von Gotteshäusern, dessen Erhalt viele Kirchengemeinden wegen des dramatischen Rückgangs der Kirchensteuereinnahmen nicht mehr finanzieren können, ist heute vielfältig. Doch was tun mit den Gebäuden?

Schlagzeilen wie „Kirchensterben - Deutschland schleift seine Gotteshäuser" (FAZ) oder „Gott zieht aus" (Die Zeit) häufen sich schon seit Jahren. Kirchenvertreter verweisen darauf, die sakralen Gebäude nicht zu behandeln wie eine gewöhnliche Immobilie.

Nicht vergessen werden sollte, dass jede Kirche „Ad Majorem Gloriam Dei" gebaut ist und als religiöses Abbild Sinn stiftet. Ernst Bloch sagte einmal, dass es beim Kirchenbau um die Ästhetik des Erhabenen und „den Glanz dahinter" geht. Das unterscheidet Gotteshäuser von vordergründigen Zweckbauten wie Warenhäuser oder Kinos. Bei der Umnutzung und Neuinterpretation sollte deshalb dieser „Mehrwert" berücksichtigt werden.

Das gelingt, wenn Nutzungskonzepte zum Beispiel mit Neuromerchandising verbunden werden. Es verbindet die Erkenntnisse aus Hirnforschung, Evolutionsbiologie mit den Realitäten und Notwendigkeiten des modernen Point of Sale.

„neuromerchandising ist ein von Achim Fringes entwickelter Ansatz mit dem Ziel, aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen und vier Jahrzehnten praktischer Handelserfahrung heraus konkrete und direkt umsetzbare Lösungen für Handel, Marke und Dienstleistung zu entwickeln." Sagt der Handelsexperte Bert Martin Ohnemüller.

Schöne neue Welt

Kirchen üben aufgrund bestimmter architektonischer Spezifika konkrete Wirkungen auf die menschliche Wahrnehmung und speziell das Gehirn aus. Das hat die Hirnforschung erkannt und macht es sich für die Umnutzung bestehender Kirchen für kommerzielle Zwecke zunutze.

„Reinkommen und wohlfühlen", das ist laut Werbeaussagen stets das Ansinnen von Geschäften, Restaurants und Hotels. Dabei geht es auch um die Frage, welche Lösungswege am besten passen (z.B. Corporate Design, Ladenlayout, Interior, Sinne und Wahrnehmung, Lichtkonzeption, Audiokonzeption, Duftkonzeption, haptische Konzeption).

Mit allen Sinnen zu handeln ist eine zentrale Aufgabe und Chance in der Bemühung um positive Kundenentscheidungen. Achim Fringes verweist darauf, dass ihn die katholische Kirche mit großem Erfolg „entwickelte".

So werden beim Betreten einer Kirche sofort alle Sinne angesprochen (Musik, Weihrauch, Kunst, Riten), und es werden wesentliche Elemente des modernen Marketings genutzt: „Testimonials", die die Markenbotschaft verbreiten, das Kreuz als einprägsame erfolgreiche „Marke".

Die Kirche als Gotteshaus, Versammlungsort der Gemeinde, des Gebetes und der Sinnsuche ist ein Ort geheimnisvoller Gegenwart - ein Raum, der Menschen aufnimmt und getrennt ist von üblichen Räumen und Orten. Dieser Ort ist so gestaltet, dass er den Besuchern hilft, sich dem „Anderen" zu öffnen.

Ein wesentliches Element ist dabei auch das Licht: das dunkle und mystische und das hell flutende. Es wird durch die Fenster eingelassen - nicht ungestaltet, sondern immer gefiltert. Die besondere Atmosphäre wird durch gegenständliche Bilder der Heilsgeschichte unterstützt.

Hinzu kommt die Innenausstattung, zu der auch das Chorgestühl bzw. die Kirchenbänke gehören. Insgesamt lädt die Atmosphäre dazu ein, die innere Haltung und „Aufmerksamkeit des Herzens" zu fördern und sich selbst zu erneuern.

Was hier hervorgebracht wird ist „schön" (von „schauen"), womit der Sinnesbezug angesprochen ist. Glaubensästhetik und Warenästhetik haben denselben Anspruch, der auch in Läden genutzt wird. Denn Produkte mit Emotionen zu verbinden, verbessert nicht nur die menschliche Wahrnehmung, sondern auch das Gedächtnis.

Die Kirchenarchitektur mit ihrer verstärkenden Präsenz erzeugt Affekte und vermittelt Werte, die hier dauerhaft und bildhaft vorgeführt zu sehen.

Die neue Glückseeligkeit: shoppen und essen statt beten?

Ein Beispiel für die Umwandlung einer Kirche zu einer Shopping Mall ist Limelight in New York: Hier flossen etwa 20 Millionen Dollar in den Umbau eines Kirchengebäudes. Architekt und Designer war James Mansour, dem sehr daran gelegen war, die ursprüngliche sakrale Architektur zu zeigen:

Mit großem Aufwand wurden die Kalksteinwände freigelegt, sakrale Mosaik-Fenster erneuert, ein Lüster als Highlight integriert und der labyrinthähnliche Aufbau der Mall als typisches Kennzeichen kultiviert, damit „der auf Abwechslung und prickelndes Einkaufsfeeling geeichte Metropolenkunde auch wirklich hinter jeder Ecke etwas Neues entdeckt."

Nicht nur der Handel, sondern auch die Gastronomie profitiert von Neuromerchandising. Dass das Restaurantkonzept in einem Sakralbau funktionieren kann, zeigt zum Beispiel das Restaurant „Hopper" im Belgischen Viertel in Köln, das in einer früheren Kapelle untergebracht ist. 2005 entstand in Maastricht das „Kruisherenhotel" aus einem ehemaligen Kreuzherrenkloster.

Im gleichen Jahr wurde die die im neogotischen Stil erbaute ehemalige evangelische Bielefelder Martinikirche in das Sternerestaurant "Glückundseligkeit" umgewandelt.

Es entstand ein einmaliges Gastronomieprojekt, das in verschiedene Bereiche gegliedert ist und dem Gast immer wieder neue Perspektiven bietet: Im Hauptschiff verbinden sich Modernität und Tradition im sakralen Raum zu einem stilvollen Ensemble. Im leicht erhöht gelegenen Chor am Ende des Hauptschiffes ist ein Loungebereich eingerichtet.

Wer die Nutzung eines Kirchengebäudes vor diesem Hintergrund nur als Dekoration wahrnimmt, hat das Konzept, das sich dahinter verbirgt, nicht verstanden. Denn Neuromerchandising gibt der emotionalen Nachhaltigkeit einen Rahmen, der Sinn und Sinne gleichermaßen umfasst.

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