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Es ist Zeit: Was den Herbst mit Nachhaltigkeit verbindet

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Der argentinische Autor, Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay sieht eine Parallele zwischen der Aufgabe, unser eigenes Leben zu meistern, und der, Land urbar zu machen. Das Wort „kultivieren" ist für ihn mit dem Gedanken von Entwicklung verbunden und nicht des simplen Erwerbs: „Dies sind Ressourcen, die man früh entwickeln muss, damit sie einem dienen können, und nicht erst dann, wenn man sie braucht."

Er schreibt den Gedanken fort, den sein Freund und Kollege Enrique Mariscal in seinem Handbuch des menschlichen Gärtnerns angelegt hat: Entsprechend lässt sich das menschliche Dasein in drei große Phasen unterteilen, die jeweils ein Drittel der Lebenszeit ausmachen:

Die 1. Phase entspricht unserer Kindheit und Adoleszenz, wo Lernen und das Bereiten des Bodens anstehen, aber auch Unkraut jäten, umgraben, umwenden, auflockern, düngen - die Vorbereitung für den Zeitpunkt der Saat. Es ist die Zeit, in der sich unsere „Identität" ausbildet. In einer solchen Phase ernten zu wollen, wäre nicht klug.

Die 2. Phase steht fĂĽr die Zeit der Jugend und das Erwachsenenalter, wo es ums Wachstum geht. In dieser Zeit wird der Samen eingepflanzt, es wird gegossen und gehegt. Es ist die Periode der Saat, der Entfaltung und des Aus-sich-Herausgehens. Hier verwirklicht sich der Mensch.

Die 3. Phase ist die der Reife und die Zeit der Ernte: „Die Zeit, da einem die Endlichkeit vor Augen liegt und man verantwortungsbewusster, hingebungsvoller, und mit größerem Weitblick handelt." Ein Fehler wäre es, jetzt noch umzugraben, weiter auszusäen oder anbauen zu wollen, um das Feld noch zu vergrößern.

Der Herbst sollte uns zu allen Jahreszeiten innewohnen, weil er uns bewusst macht, was Nachhaltigkeit bedeutet. Er ist ein schönes Sinnbild für das Zusammenspiel von Lebensinhalt und -form. In Vollendung. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat dies in seinem berühmten Gedicht „Herbsttag" zum Ausdruck gebracht und uns ein Gefühl für das „schrecklich schöne Leben" (Konstantin Wecker) gegeben, das enden muss, wenn es reif ist und Neues entstehen kann.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben."

Der Garten des Lebens mag im Herbst einsam anmuten. Aber erst über seine Einsamkeit, sagt Horaz, ist es möglich, „den Tag zu pflücken", was angesichts der Todesgewissheit und mancher Alltagssorgen elementarstes Prinzip eines glücklichen Lebens ist.

Literatur:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.Ă  r.l. Kindle Edition 2017.

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