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Erst gegeben, dann genommen: Was uns die Geschichte von Hiob heute zu sagen hat

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Macht des Schicksals

Was hat die biblische Geschichte von Hiob, die zu den ergreifendsten Erzählungen der Menschheit gehört, mit Weihnachten und dem bevorstehenden Jahreswechsel zu tun?

In ihr findet sich gebündelt die Essenz eines Augenblicks, eines Jahres oder eines Lebens. Hiobsbotschaften sind oft mit Schicksalsschlägen verbunden, die die Betroffenen als ungerecht empfinden. Wie Hiob, der immer gottgefällig lebte, aber plötzlich sein gesamtes Vermögen verloren hatte.

Auch seine Kinder starben, und er wurde sehr krank. Seine festen Überzeugungen gerieten ins Wanken, denn es traf nicht ein, was er erwartet hatte: dass gute Taten mit guten Folgen und schlechte Taten mit negativen Folgen verbunden sind.

Doch er fügte sich in sein Schicksal (es ist, wie es ist). Schon am Beginn seiner Lebenskatastrophe bekannte er: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." (Buch Hiob, Kap. 1, Vers 20)

In einigen Medien war 2015 zu lesen, dass Thomas Middelhoff, einst gefeierter Superstar unter Deutschlands Top-Managern, dem Boulevard anvertraut haben soll, dass er in der Haft ein Tagebuch geführt hat, das 700 Seiten umfassen soll und ebenfalls mit diesem Bibelzitat beginnt.

Im Uniklinikum Essen wurde er wegen einer seltenen Autoimmunerkrankung (Chilblain Lupus) behandelt, von der seine Anwälte sagten, dass sie sei dem permanenten Schlafentzug im Gefängnis geschuldet sei. Die "BamS" zeigte Middelhoff auf einem Foto mit geschwollenen, bläulich gefärbten Fingergelenken.

Auch der Katholik Leo Kirch verwies im Gericht auf den leidgeprüften Hiob und den viel zitierten Satz: Auch er verlor zuerst sein Vermögen und dann seine Gesundheit.

In seinen letzten Lebensjahren nahmen die Leiden zu. „Er musste sich am Herzen operieren lassen, verlor einen Unterschenkel durch Amputation und konnte nicht mehr gut artikulieren. Die Stimmbänder waren angegriffen. Trotzdem fuhr er täglich in sein Stadtbüro, um den Kampf seines Lebens zu organisieren, den Prozess gegen die Deutsche Bank. Ihr gab er die Schuld am Zusammenbruch", schreibt Helmut Markwort im Juli 2011 über Aufstieg und Fall des Medienunternehmers.

Middelhoff und Kirch wurden zuerst geliebt und verehrt und dann wegen ihrer „Gier" und „Unersättlichkeit" öffentlich gegeißelt. „Die Pläne werden zunichte, wo man nicht miteinander berät", meint Salomo und warnt vor Selbstüberhöhung (Sprüche 15, 22; Prediger 7, 16).

Die Mächtigen werden in ihrem (öffentlichen) Scheitern am Ende zu Machtlosen. Die Härte des Aufpralls entsteht für sie aus der Fallhöhe: „Die spektakuläre Niederlage braucht den vorausgegangenen Erfolgslauf", schreibt Katja Kraus in ihrem Buch „Macht" (S.Fischer Verlag 2013), das diese beiden Geschichten von Erfolg und Scheitern zwar nicht enthält, aber dennoch zum Verständnis beiträgt, Themen wie diese differenzierter zu betrachten.

Auch in ihren Niederlagen scheinen einst Mächtige noch groß zu denken - und eine Identifikation mit Hiob bestärkt sie vielleicht darin, sich noch in der Niederlage als Auserwählte zu sehen.

Allerdings findet sich auf dem Weg des Managements oft kein Wort von einer ethischen Ausrichtung, wie sie der „echte" Hiob gelebt hat

Das müde Glück

Hiobs Geschichte ist mit einem gutes Ende verbunden: „Der Herr gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte." Hiob wurde von „fortan mehr als einst" gesegnet und starb „alt und lebenssatt" (Sprüche 15, 22, Prediger 7, 16).

Diese Stelle nimmt auch Roger Willemsen am Schluss seines Buches „Das müde Glück" (mit Illustrationen von Kitty Kahane, Edition chrismon, 2012) auf:

Der Alte verbeugte sich, „satt vom Leben, reich an Erfahrung" - „ein Mensch, so schön wie ein Baum, der in allen Wettern gestanden hat".

Es ist ein Mensch wie jeder von uns, der nicht Middelhoff heißt, sondern einfach nur Hopp. Irgendwann fühlte er eine düstere Wolke heranrollen „mit schlechten Nachrichten in ihrem Bauch". Der Überbringer der Nachricht, dass er eigentlich Hiob und nicht Hopp heißt, war Herr Gottlieb.

Jemand, der die Härte von Managern repräsentiert, die ihre weibliche Seite verdrängen:

Er „stolziert hinaus in den Garten mit der Hoheit eines Mannes, der schon als Kind von Beruf Alleinherrscher werden wollte".

Ihm stellt Roger Willemsen Hopp/Hiob gegenüber, der am Rande der Stadt eine Manege aufgebaut hat: „Hopps Welt". Ein Zirkus, der nicht wanderte, sondern blieb - eine Welt mit Tieren, Pflegern, Artisten, Clowns und einem Papagei, der sagen konnte: „Prost Gemeinde, der Vorstand ist besoffen!".

Dass der Zirkus eine so wichtige Bedeutung im Buch und im Leben hat, mag damit zusammenhängen, dass hier niemand betrügt. Zirkusleute schwindeln nicht, sie können nicht so tun „als ob", weil sie dann vom Hochseil fallen würden.

Als Hopp/Hiob das Schicksal auf dem Boden trifft, tröstet ihn der Clown Pico:

„Jetzt mal halblang. Du hast andere aufgerichtet, doch jetzt, da es dich trifft, kannst du dich selbst nicht aufrichten? Was glaubst du denn? Dass du das Glück bewohnen kannst wie ein Eigenheim? Das Unheil geschieht nicht in der weiten Welt allein, es kann auch in deiner passieren. Also verzweifle nicht, sondern finde eine Haltung."

Noch unglücklicher machten ihn die Worte seiner Frau Helga:

„Wenn es abwärts mit dir geht, wird ein anderer steigen. Bist du wichtiger als er? Hat er keine Kinder? Stehen nicht Tiere auch in anderen Ställen und möchten gestreichelt werden?"

Damit nicht genug:

„Du glaubst, weil du einen Bauch hast, wirst du nie hungern? Du glaubst, wenn du ein Haus aus Steinen besitzt, können die Mauern nicht einstürzen und die Steine nicht zum Bau von neuen Häusern davongetragen werden? Du glaubst, wenn du ans Meer trittst, soll es nur glitzernd da liegen, sich aber nie erheben zu einer Welle, die alles wegschwemmt? Du träumst. Das ruhige Meer ist schön nur, weil wir wissen, es schläft, und sein Erwachen kann furchtbar sein!"

Trotz aller Rückschläge war Hiob davon überzeugt, dass es immer noch besser ist, wenn man teilweise wenigstens auch für andere lebt - auch wenn man selbst vom Glück nicht oder nur selten belohnt wird

Die Stimme aus dem Dunkel, die sich an ihn wendet, ist hörbar für alle, die vom Schicksal hart getroffen wurden. Sie spenden Trost und geben Hoffnung auch in hoffnungslosen Situationen:

„Du hast deine Sache gut gemacht. Die Herren haben mit dir gelacht, als du stark warst. Die Traurigen haben sich erkannt in deiner Klage. Immer warst du, zu einem Teil deines Lebens, für alle da. Das war gut."

Leben ist Überlebenskunst

Die Jugend des Autors Roger Willemsen, der im August 2015 selbst schwer erkrankt ist, war auch vom Sterben seines Vaters begleitet. 1969 erkrankte er an Krebs. Es folgten zwei Jahre Ängste, Sorge und das Gefühl des Verlassenwerdens. Dann der Tod des Vaters.

„Man lebt diachron, so kindlich wie gereift, künstlich gereift, wie eine Frucht auf dem Transport", sagt Roger Willemsen im lesenswerten Herausgeberband von Insa Wilke „Der leidenschaftliche Zeitgenosse" (S. Fischer Verlag 2015) über jene Zeit, die er ein „erstes Zu-Ende-Gehen" nennt.

Sein Vater starb im Augenblick, als Willemsen zu begreifen begann, was für eine große Persönlichkeit er war. „Diese Autorität bricht weg, und du musst sie dir dann also selber geben."

Ich erinnere mich an diese Lesefrüchte in diesen Tagen ganz besonders und möchte sie mit Alltäglichem in Beziehung zu setzen, denn die Weihnachtsgrüße aus der Nachhaltigkeitscommunity sind in diesem Jahr anders als sonst.

Die Zeilen von Martin Lutze stehen stellvertretend für viele, die sich in Überlebenskunst üben und Hiob verstanden haben ohne auf ihn zu verweisen. Sie drücken zugleich aus, wie unvollkommen wir sind und dennoch die Möglichkeit haben, daraus eine „Vollkommenheit anderer Art" (wie Willemsen sagen würde) zu machen.

„Als meine Frau Christa im Januar starb, kam auch mein Hobby zum Stillstand. In letzter Zeit erlebe ich fast etwas verwundert, dass meine kreative Lokomotive langsam wieder Fahrt aufnimmt und neue Kraftreserven mobilisiert. Ich nehme das Geschenk gerne an, weiß aber auch, dass ich es jederzeit wieder herzugeben bereit sein muss.

Momentan jedenfalls werkle ich wieder in meiner kleinen Kellerwerkstatt, und meine Gedanken konzentrieren sich aufs Sägen, Schrauben, Schleifen, Bohren. Dabei treten Zeit, Endlichkeit und all das Grübeln wohltuend in den Hintergrund. Ich wünsche uns allen, dass wir in Bewegung bleiben und dabei viel positive Energie erzeugen. Zu tun gibt es genug. Nicht nur im Hobbykeller."

Und nicht nur zur Weihnachtszeit.

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