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Erst auserkoren, dann verloren? Frauen und das Spiel der Macht

08/02/2016 18:23 CET | Aktualisiert 08/02/2017 11:12 CET
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Die Entzauberung der Frauen

Wer aufsteigt, betritt die Arena der Macht und des politischen Handelns, in der um Status und Einfluss gerungen wird. Für die meisten Männer ist dieses Spiel um die vorderen Rangplätze selbstverständlich. Sie gehen ihre Karriere entschlossen an und besetzen zuweilen auch Funktionen, bei denen eine ausgewiesene Fachkompetenz keine Rolle spielt.

Diese simplen Spielregeln gelten für Frauen „natürlich" nicht. Denn noch immer müssen sie in den meisten Fällen die Qualität ihrer Arbeit stets neu beweisen, während Männer in gleicher Position einen Vertrauensvorschuss erhalten und besser beurteilt werden.

Bei Frauen schaut „man" genauer hin, während bei Männern ein Auge zugedrückt wird, wenn sie einen Fehler machen oder weniger qualifiziert sind.

Ein aktuelles Beispiel findet sich in der Februar-Ausgabe des manager magazins. Hier wird eine Frau entzaubert, die einst als „Wonder Women" betitelt wurde und nun mit Häme überhäuft wird: „Die Wirtschaftsprofessorin und Multiaufsichtsrätin verliert lukrative Ämter".

Beatrice Weder di Mauro wurde 2004 von Wolfgang Clement als Wirtschaftsweise für den Sachverständigenrat der Bundesregierung entdeckt und füllte seither raumgreifende Positionen in internationalen Kontrollgremien aus - von der Ergo Versicherung über Roche und ThyssenKrupp bis Bosch.

Doch nun verblasst der Nimbus der Ökonomin, wie die beiden Autoren des managern magazins, Tim Bert und Dietmar Palan, genüsslich in ihrem Beitrag beschreiben: Sie verweisen auf die „volkswirtschaftliche Inselbegabung" der Volkswirtschaftlerin, die sich nur wenig mit strategischen und unternehmerischen Fragestellungen auseinandersetzen wollte (die Quellen dafür nennen sie nicht).

Ihr Mandat beim Pharmakonzern Roche „ist die nach der Generalversammlung los", und bei UBS sei sie nur noch „Verwaltungsrätin auf Abruf". Ihr werden Wissens- und Verständnismängel im Bankgeschäft vorgeworfen.

Die wichtigste Aussage der beiden Autoren am Schluss: „Der Verlust der beiden Topmandate wird herbe Einkommenseinbußen nach sich ziehen." (Die Entzauberung der Wonder Women, in: manager magazin 2/2016, S. 10)

Was ist der Sinn eines solchen Beitrags? Würden die beiden Autoren auch über männliche Mandatsträger in dieser Form schreiben? Auch hier gibt es Mehrfachbesetzungen, die qualitativ zu wünschen übrig lassen. Denn Masse macht noch keinen Inhalt.

Bereits am 10. Oktober 2014 erschien ebenfalls im manager magazin ein Beitrag ähnlicher Prägung. Jan D. Beyer fragte in seinem Artikel „Ein Angriff auf Adidas wäre nur logisch", wie es denn sein kann, dass eine Aufsichtsrätin, „deren maßgebliche Leitungserfahrung in der Betreuung von Sponsoren und Presse beim Hamburger Sportverein bestand, und für deren Sportmarketingagentur Adidas einen (potentiellen) Großkunden darstellt, einen mit allen Wassern gewaschenen DAX-Vorstandsvorsitzenden überwachen soll."

Kluge Frauen lassen sich nicht entzaubern

Sie beherrschen die Spiele der Macht und verlieren dabei nicht ihren inneren Kern. Erst in ihren unterschiedlichen Rollen offenbaren sie ihr eigenes „Können" und die Fähigkeit zur Veränderung. Wer nur vom Authentischen im Zusammenhang von Führung und Management spricht, hat seine Rolle und Aufgabe nicht verstanden.

Rollen machen zudem auch resilienter gegenüber äußeren Störungen, die im „Kostüm" hervorragend abgefedert werden können.

Gute Spielerinnen geben sich nicht selbst die Schuld, wenn ein Stück nicht gut läuft und sie ihre Rolle nicht professionell zu Ende spielen konnten, denn sie sind sich bewusst, dass (Bühnen-)Systeme funktionieren müssen und professionelle Strukturen und Mitstreiter/innen für den Gesamterfolg entscheidend sind.

Wenn sie aus Systemen aussteigen, verzichten sie zwar auf Funktionsmacht, gewinnen aber an Gestaltungsmacht, die mit eigenen Überzeugungen, Leidenschaften und Können einhergehen. All das ist klugen Frauen wichtiger statt einen neuen Posten oder das nächste Aufsichtsratsmandat anzusteuern.

Warum inneres Wachstum wichtiger ist als beruflich hoch zu klettern

In einer Zeit, in der sich traditionelle Organisationsformen auflösen und neue entstehen, wird das eigene innere Wachstum wichtiger als im Unternehmensdschungel immer höher zu klettern. So war es auch bei Gabriele Braun, die Individualität, Passgenauigkeit und Nachhaltigkeit mit der Rolle ihres (neuen) Lebens verbindet: Die ehemalige Top-Managerin, die aus Vernunftgründen Wirtschaft studierte, beim DAX-Konzern Continental arbeitete und sich immer auf ihr „Bauchgefühl" verlassen konnte, traf 2013 eine grundlegende Entscheidung:

Sie wollte das Große im Kleinen finden, das sie selbst gestalten konnte und begann eine Ausbildung zur Schuhmacherin bei der Maßschuhmacherei Hennemann in Berlin.

„Ich habe einen Haufen Geld verdient", sagt sie. Und doch war sie wegen des geringen Gestaltungsspielraums nicht glücklich. „Immer mehr Meetings, Absprachen, zu viele Menschen, die mitreden, dazu die Bürokratie, die alles lähmt." (Capital 2/2016, S. 30 f.).

Unverständnis für ihre Entscheidung gab es nur von einigen Männern, bei denen das alte Statusdenken besonders ausgeprägt war. Wo am Ende des Beitrags im manager magazin von „Einkommenseinbußen" die Rede war, stand hier die erste Frage nach dem Verdienst.

Frauen machen Quote im Mittelstand

Während das frühere Karrierespiel der einfachen Regel entsprach, dass der Weg nur nach oben in die nächste Position entlang der Hierarchien führt, so folgt er heute vielfach dem inneren Kompass. Weibliche Kompetenzen helfen bei der Navigation.

Während in Großorganisationen noch immer über die Frauenquote gesprochen wird, ist das Thema in mittelständischen Unternehmen mit nachhaltiger Geschäftspolitik eine Selbstverständlichkeit. Und das oft seit der Gründung der Unternehmen.

Im Nachhaltigkeitsbericht der memo AG, einem Öko-Pionier und Onlineversender aus Greußenheim, der in diesen Tagen sein 25. Firmenjubiläum feiert, sind dazu einige interessante Fakten und Zahlen zu finden:

Im Laufe der Jahre ist hier der Frauenanteil immer weiter auf aktuell 62,2 % gestiegen. Die Frauenquote innerhalb der mittleren Führungsebene (Teamleiter) liegt bei 41,6 %. Die einzige Frau im fünfköpfigen Vorstand ist Ulrike Wolf, eines der Gründungsmitglieder der memo AG.

Auch für die ausländischen Mitarbeiter gilt das Prinzip der Gleichberechtigung. Ihr Anteil an der gesamten Belegschaft beträgt 5,51 %. Als ebenso selbstverständlich wird die Nicht-Diskriminierung aufgrund der religiösen Prägung und Weltanschauung, des Alters, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung genannt.

Das Prinzip der Gleichberechtigung gilt hier deshalb auch hinsichtlich einer gerechten Entlohnung. „Aspekte wie Geschlecht, Herkunft, Religion, Behinderungen, Familienstand oder Alter besitzen keinen Einfluss auf die Entlohnung. Gehaltsunterschiede resultieren daher ausschließlich aus leistungsbezogenen Faktoren wie Fähigkeiten, Erfahrung oder Verantwortung eines Mitarbeiters."

Besonders wird darauf geachtet, „dass die Spreizung zwischen den Gehaltsstufen vergleichsweise gering bleibt. Ein Vorstandsmitglied verdient - gerechnet auf Basis des Stundensatzes beim Grundgehalt - aktuell etwa das dreifache eines Mitarbeiters in der niedrigsten Gehaltsstufe." (memo Nachhaltigkeitsbericht 2015/2016).

An einem solchen Beispiel zeigen sich die positiven Auswirkungen eines strategischen Nachhaltigkeitsmanagements, das ohne die Macht der Gestaltung und der gleichberechtigten Einbindung von Frauen nicht funktionieren würde.

Strategische Gesellschaftsspiele

Während im manager magazin noch vom fehlenden weiblichen Strategieverständnis „gesprochen" wird, „handeln" viele Frauen und betrachten Situationen sogar aus spieltheoretischer Perspektive:

„In der Spieltheorie versucht man, vereinfacht gesagt, in einer sozialen Konfliktsituation ein bestimmtes gewünschtes Ergebnis dadurch zu erzielen, dass man die Aktionen aller Mitspieler geistig vorwegnimmt."

Zu ihnen gehört auch die Politikerin Julia Klöckner, die schon als Kind gern das Gedächtnisspiel Memory und Dame, „ein strategisches Gesellschaftsspiel für zwei" (Tina Hildebrandt: Die Julia auf dem heißen Blechdach. In: DIE ZEIT, 28.1.2016, S. 2) gespielt hat. Sie lässt sich nicht einfach entzaubern, sondern hält den Stab selbst in der Hand.

Ein bisschen Romantik gehört allerdings immer dazu, wie der internationale Marketingexperte in seinem Buch „Business-Romantiker" (2015) vielfach bemerkt und betont hat.

Business-Romantiker/innen stehen für das, was Frauen besonders gut können: sich zwischen den Rollen des Wieso, Was und Wie zu bewegen und dabei die „Trennlinien zwischen Strategie und Taktik" zu verwischen.

Im März 2016 wird im Carl-Auer-Systeme Verlag in der Reihe „Carl-Auer LebensLust" ein weiteres Buch erscheinen, das längst überfällig ist, denn es bringt Ordnung in unsere Köpfe, vor allem aber in die öffentliche Debatte über Frauen, Macht und Karriere, weil es mit Klischees und gängigen Vorurteilen aufräumt:

Cornelia Edding: „Herausforderung Karriere. Strategien für Frauen auf dem Weg nach oben".

Es zeigt anhand zahlreicher Bruchstücke, dass die Wahrheit über Frauen heute vielfach in Scherben liegt. Und so erscheinen sie im Buch zunächst wie ein zerbrochener Spiegel ihrer selbst. Am Ende aber wird dieser Spiegel durch die eigene „Zusammensetzung" der Leserinnen und Leser wieder ganz.

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