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Erlesene Orte. Wo wir unsere Wurzeln finden

06/09/2015 18:05 CEST | Aktualisiert 06/09/2016 11:12 CEST
Travelif via Getty Images

Warum Orte nicht berühmt sein müssen

Was wirklich nachhaltig ist, braucht keine große Aufmerksamkeit. Es wirkt still und im Kleinen. Das gilt auch für Orte. Dass der Journalist Michael Jürgs, ehemaliger STERN-Chefredakteur und Autor („Der Fall Romy Schneider", „Seichtgebiete", „Sklavenmarkt Europa"), in seinem aktuellen Buch „Wer wir waren, wer wir sind" (Verlag C. Bertelsmann) berühmte Orte in Deutschland zeigt und sich mitunter von Prominenten aus Politik und Kultur, Sport und Wirtschaft begleiten lässt, die ihm ihre persönlichen Erinnerungen erzählen, mag für viele Leser sicher von Interesse sein.

Doch wer das Bleibende im Kleinen sucht, das Besondere, Ankerpunkte des eigenen Lebens, das wirklich Erwärmende auch in der Sprache, der hat es möglicherweise etwas schwer damit, weil das Große und Berühmte zuweilen erdrückend wirkt.

Dazu trägt nicht zuletzt die Vielzahl der Bücher bei, die nach einem ähnlichen Prinzip verfahren: Ihre Autoren reisen zu oder mit Prominenten und präsentieren Gespräche und Geschichten. Das mag zuweilen funktionieren, wenn die inhaltliche Substanz stark genug ist, aber die Menge dieser Publikationen macht es nicht leicht, den Weg zu ihr zu finden.

Dabei ist der Ansatz von Michael Jürgs durchaus positiv hervorzuheben: Große Geschichte soll in 25 kleinen Geschichten und Orten erlebbar gemacht werden - im Osten und im Westen Deutschlands.

Seine Deutschlandreise zu den „bedeutendsten Orten deutscher Geschichte" ist von folgenden Fragen geprägt: Wen haben die Steinmetze in der Spitze des Kölner Doms verewigt? Wer pilgert heute noch zu Bismarcks Grab in Friedrichsruh? Wofür hielt sich die SS im KZ Buchenwald einen Zoo mit Wildtieren? Wieso gehört Rahns linker Fußballstiefel in ein Museum? Was hat ein CDU-Politiker mit Nathan dem Weisen gemein? Wie schützt Johann Sebastian Bach die Thomanerchorknaben gegen Heimweh?

Auf anderen Wegen

Das ist nicht im Buch zu finden: Gerade die junge Generation schätzt es sehr, wenn es in Großstädten noch traditionelle Geschäfte und Manufakturen gibt, die gerade einen Boom erleben. Zudem ist vielen von ihnen bewusst, dass das regionale und lokale Engagement von Unternehmen, aber auch das persönliche Handeln einen wesentlichen Einfluss auf die Regionalentwicklung hat.

Sie setzen sich selbst vielfach für eine Umstrukturierung der Wirtschaftswelt hin zu mehr Nachhaltigkeit ein und bringen das Thema mit positiven Impulsen selbst voran.

Zu ihnen gehört auch die Diplom-Kauffrau Astrid Schultze, die an der Universität Trier Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Strategisches Tourismusmanagement und Nachhaltige Stadt- Regionalentwicklung studierte.

Sie arbeitet als zertifizierte CSR-Managerin (IHK) und Umweltauditorin für kirchliche Einrichtungen im Rahmen des ökumenischen „Netzwerks Kirchliches Umweltmanagement" (KirUm). In einem wohnungswirtschaftlichen Unternehmen in Nürnberg befasst sie sich mit Umweltmanagement und Nachhaltigkeitsprojekten.

Zudem ist sie Autorin des Beitrags „Die Wohnungswirtschaft und ihr Beitrag zur Energiewende" („CSR und Energiewirtschaft", hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer, SpringerGabler Verlag Berlin Heidelberg 2015).

Astrid Schultze ist wie Michael Jürgs „unterwegs" - aber auf anderen Wegen. Am 18. September wird sie um 10 Uhr zu einer „Stadt(ver)führung" einladen. Treffpunkt ist am Waagplatz in Fürth/Bayern. Zeitgleich findet auch der Grafflmarkt in Fürth statt, wo Dinge zur Weiternutzung an andere Menschen verkauft werden statt sie wegzuwerfen.

Mit ihrer Führung "Zurück zu den Wurzeln - Möglichkeiten für einen nachhaltigen Lebensstil" zeigt sie anhand unterschiedlicher Stationen, „wie einfach der eigene Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit im Leben durch regionales, faires und biologisches Einkaufen auf geographisch kleinstem Raum sein kann."

Die Stadt(ver)führungen 2015 finden vom 18. bis 20. September 2015 statt. Seit 2000 ermöglichen sie den Nürnberger und Fürther BürgerInnen in einem dreitägigen Führungsmarathon ihre Stadt von einer anderen Seite kennenzulernen. Namhafte Persönlichkeiten, Künstler, Institutionen, gemeinnützige Organisationen, Stadtführer oder Menschen mit besonderen Interessen geben mit über 390 Führungsthemen Einblicke in unbekannte oder normalerweise verschlossene Orte.

Das Jahresmotto 2015 lautet „Wurzeln". Die Frage, wie Nürnberg zu dem wurde, was es heute ist, erinnert auch an das Buch von Michael Jürgs. Wo liegen die Ursprünge seines Erscheinungsbildes, seiner bekannten Bauten und Sehenswürdigkeiten sowie die Hintergründe seiner geographischen Ausbreitung? Welche Herkunft und Vergangenheit haben die Bürgerinnen und Bürger der Stadt und wie haben sie Nürnberg mit ihrem Handeln wirtschaftlich, politisch, kulturell, sozial und gesellschaftlich geprägt?

Über allem steht die Frage nach dem Warum, auf die Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), einer der Gründerväter der Genossenschaftsbanken, eine einfache Antwort hat: „Nur wer seine Wurzeln kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten."

Stadt(ver)führungen 2015

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