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Erfolg folgt, wenn man den Dingen Zeit gibt

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Karin Helle war schon immer von der Fußballwelt begeistert. Als Rektorin leitete sie eine Grundschule in der Dortmunder Nordstadt im Brennpunkt, bis sie sich selbständig machte, um sich zu 100 Prozent auf den Fußball und das Coaching von Spielern, Trainern und Managern zu konzentrieren. Neben ihrem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie bildete sie sich als Managementberaterin, Mentaltrainerin und Coach weiter - und coachte zunächst Unternehmer, Teams und Einzelpersonen.

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Foto und Copyright: Karin Helle

Claus-Peter Niem wohnt in Dortmund und arbeitet als Lehrer sowie als Coach in der Lehrerfortbildung. Schon als Junge wurde er von seinem Onkel mit ins Stadion genommen - und war fortan vom Fußball begeistert. Während seines Studiums in den Bereichen Pädagogik, Psychologie und Soziologie beschäftigte er sich insbesondere mit der Fußballsozialgeschichte des Ruhrgebiets sowie Englands - und bereiste viele Stadien in ganz Europa.

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Foto und Copyright: Claus-Peter Niem

Durch eine Begegnung im Jahr 1999 mit Spitzentrainern des Premier-League-Tabellenführers Aston Villa FC tauschen sich Karin Helle und Claus-Peter Niem seitdem gemeinsam mit vielen Führungskräften aus, arbeiten mit einzelnen Profitrainern sowie Profisportlern und Teams, unter anderem mit Jürgen Klinsmann, Jogi Löw, Sebastian Kehl, Christoph Metzelder, Hansi Flick oder Stefan Kuntz - getreu Ihres Mottos: „A great leader is a great teacher who is a lifelong learner!" Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Meine Fußballschule" (Loewe 2004), "Die Fußballakademie" (Loewe 2006), "Raus und Spielen" (4 Bände, Loewe 2006), „Spiel, Schuss und Tor - so wirst du ein Fußballprofi" (Duden 2010), Talente-Reihe "Camp Castle - entdecke deine Stärken!", Band 1: "Jojo kommt ins Team" (Velber 2013). Regelmäßige Veröffentlichungen auf www.fD21.de sowie in Fachzeitschriften (fussballtraining, fussballtraining-junior, Kommunikation heute etc.).

Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem

Frau Helle, Herr Niem, in Ihrem Buch „One touch" beschäftigen Sie sich unter anderem mit dem Konzept der Nachhaltigkeit im Fußball und verweisen auf Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, die schon damals von einem Zehn-Jahres-Plan sprachen. Weshalb folgt Erfolg, wenn man den Dingen Zeit gibt?

Ohne stete, immer wieder tiefgreifende Veränderung bleibt kein Unternehmen lange wettbewerbsfähig. Change-Management gilt daher als eine der schwierigsten Disziplinen der Unternehmensführung. Ein solches Reformprojekt braucht Entwicklungszeit, um die erforderlichen Rahmenbedingungen und Strukturen zu schaffen, die das Fundament des Wandels auf breiter Basis auch nachhaltig ermöglichen. Die Arbeit von Jürgen Klinsmann mit der Deutschen Fußballnationalmannschaft ist ein solches wirklich positives Beispiel für den radikalen Wandel einer Organisation in nur zehn Jahren.

Gemeinsam mit seinem damaligen Co-Trainer Jogi Löw analysierte Klinsmann gründlich die Stärken und Schwächen des deutschen Fußballs. So konnte er die Dringlichkeit seiner Reformen gut begründen und ein schlüssiges Ziel entwickeln. Er scharrte ein Team von fachlich und menschlich hochprofessionellen Experten um sich, denen er Handlungsfreiheit ließ und generierte schnell sichtbare Erfolge.

Durch seinen emotionalen und integrativen Führungsstil gelang es ihm, die Spieler, die Betreuer und die Helfer von strukturellen Veränderungen zu überzeugen und sie zu aktiven Unterstützern des Wandels zu machen. Er kümmerte sich intensiv um jedes einzelne Teammitglied, analysierte dessen Fähigkeiten und coachte die Spieler. So erreichten Klinsmann und CO. die für einen erfolgreichen und nachhaltigen Wandeln so wichtige emotionale Mobilisierung.

Was machte sein Führungsteam aus?

Es teilte dieselben Werte und arbeitete in dezentralen Strukturen mit klaren, abschließenden Verantwortlichkeiten. Dadurch war es Jogi Löw, der in alle Prozesse involviert war, möglich, das Projekt nahtlos zu übernehmen und es im selben Geiste erfolgreich fortzuführen - mit dem Gewinn des WM-Titels in Brasilien nach genau zehn Jahren.

In unserem Buch verraten wir diesbezüglich dem Leser - anhand von vielen anschaulichen Beispielen und Geschichten aus der Welt des Fußballs -, wie er seine Führungsqualitäten entwickeln, seine Kommunikation verbessern, Beziehungen anschieben, Expertenwissen steigern und seine Ich-Firma stärken kann.

Wer sind die Protagonisten Ihres Buches? Welchen persönlichen und „nachhaltigen" Bezug haben Sie zu Ihnen?

Es sind Trainer, Manager, Spieler und Menschen rund um den Profifußball, die wir in den letzten 15 Jahren kennen und schätzen lernen durften - und von denen wir stets viel lernen konnten. Zu vielen entwickelte sich eine enge Freundschaft, ein nachhaltiger Bezug mit dem Ziel: Mit den Besten zusammen zu arbeiten, uns auf Augenhöhe austauschen, Wissen teilen, vernetzen, Parallelen ziehen und über den Tellerrand schauen - und uns dennoch für nichts und niemanden zu schade zu sein. Letzteres ist im Übrigen einer der Schlüssel, der uns stets begleitete und so manche Tür öffnete.

Was heißt das konkret?

Offen auf die Menschen zugehen, zuhören, neugierig sein und Fragen stellen (denn wer fragt, der führt). Sich auf jedem Parkett bewegen können, da sein, wenn es darauf an kommt und stets den ganzen Menschen im Fokus haben. Und dies alles nicht nur in Zeiten des Erfolges, sondern vor allem dann, wenn Spiele verloren werden, Protagonisten im Abseits stehen, sich wieder neu sortieren und erfinden müssen oder wollen - dranbleiben, wenn keiner mehr zuhört oder Fragen stellt, besonders in schwierigen Situationen. Nachhaltigkeit durch Persönlichkeitsentwicklung, Stärken stärken, Hilfe zur Selbsthilfe.

Warum müssen große Trainer viele Rollen ausfüllen können und ihr Rollenspektrum ständig erweitern?

Je mehr Wahlmöglichkeiten ein Trainer zur Verfügung hat, desto besser. Mal ist er als Pädagoge gefragt, mal als Konfliktlöser, Mentor oder Psychologe - und in jeder Situation als eine starke Führungspersönlichkeit. Besonders in Drucksituationen und vor entscheidenden Duellen diskutieren wir mit unseren Trainern häufig auch über das imaginäre Bild des Türstehers - wir sprechen dann von Türsteher-Mentalität. Das heißt nicht anderes, als stark aufzutreten in Gestik, Mimik und Körpersprache. Also gerade und aufrecht zu stehen sowie die eigenen Botschaften ruhig, prägnant und bestimmt weiter zu geben - um so das Team zu stärken, eine Einheit zu formen, seine Energien auf das Team zu übertragen - eben immer Energiegeber sein.

In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass Trainer dann am erfolgreichsten sind, wenn sie über ein möglichst breites Rollenrepertoire verfügen. Große Trainer sind solche, die alle Rollen zu meistern zu verstehen, denn alle Rollen sind wichtig. Wenn man sich einige Trainer einmal näher anschaut, so ist festzustellen, dass ihre Erfolge über die Jahre gemeinsam mit ihren Fähigkeiten gewachsen sind, nach und nach ihr Rollenspektrum zu erweitern und situationsangemessen anzuwenden. Für einen Trainer ist es daher wichtig, sich über die Rolle, die er spielen will, im Klaren zu sein. Er muss eine klare Rollendefinition vornehmen und der Rolle entsprechend handeln lernen.

Übrigens haben sich die Trainer der Deutschen Nationalmannschaft auch schon mal eine Ritterrüstung angelegt - und zwar immer dann, wenn es zu unangenehmen Krisengesprächen oder Pressekonferenzen ging.

Im Fußball ist One Touch die schnelle Weitergabe des Balles - ohne ihn zu stoppen. Welche Voraussetzungen braucht es dafür?

Das setzt nicht nur hohe Laufbereitschaft, technisches Können und automatisierte Laufwege voraus. Bei einer solchen Taktung wird für Individualisten der Raum für Möglichkeiten immer kleiner und das Kollektiv immer wichtiger. Die Spielidee ist dabei so simpel wie genial: Alle Spieler greifen an und alle verteidigen gemeinsam im Verbund. Jeder Spieler agiert bereichs- und positionsübergreifend. Durch diese Integration aller in die jeweiligen Aktionen entstehen stetig neue Verbindungen und Wege auf dem Spielfeld, urplötzlich werden aus dem Kollektiv unerwartete Passkombinationen oder Laufwege entwickelt.

Mit dem Ergebnis?

... eine Mannschaft, die nur schwer berechenbar ist und in Auftritt und Verhalten einem Schwarm gleicht. Gaben früher einzelne Platzhirsche den Takt auf dem Spielfeld vor, so spielt heute ein ganzes Orchester zusammen. Es ist die Intelligenz des Schwarms, die Weisheit der Vielen, die Geschwindigkeit des Kollektivs, das Wir steht über dem Ich.

Der Schwarm und damit die Mitarbeiter und deren Führung stehen im Brennpunkt, um die ständig steigenden Anforderungen und die zunehmende Komplexität anzugehen. Spieler, die mitdenken, die sich einbringen und auf dem Platz einem Schwarm gleich eigenständig nach Lösungen suchen. Spieler, die wissen, dass sie sich auf einer gemeinsamen Lern- und Entwicklungsreise befinden, bei der sie sich gegenseitig helfen und unterstützen können. Eine Vision, die mit allen Beteiligten gemeinsam erarbeitet wird und die im Alltag allen Sinn und Orientierung gibt. Offenheit und Kooperation, fließende Organisationsformen und ein empathischer, involvierter und kooperativer Führungsstil - weg vom Individual-, hin zu Kollektivzielen, welche die gesamte Mannschaft betreffen. Langfristiger Erfolg bedarf echten Miteinanders.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen:

Claus-Peter Niem, Karin Helle: One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Mit Einwürfen von Jürgen Klinsmann, Joachim Löw & Co. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016.

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