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Erarbeitetes Glück: Das Gute Leben in der Toskana

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Zutaten des Guten Lebens

Wenn man verstehen will, was das „Gute Leben" beinhaltet, dann findet man die besten Zutaten in der Toskana, wo es auf Harmonie mit der Natur gründet, auf Gegenseitigkeit und Zusammenhalt zwischen Einzelpersonen und Gemeinschaften. Es bietet wichtige Ansatzpunkte für die dringliche Debatte über nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Selbstversorgung und gutes Leben gehören zusammen, weil Einfachheit, Unmittelbarkeit und Selbstbestimmtheit unverzichtbare Werte im Leben sind.

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Copyright: Fattoria La Vialla

Vor mehr als 400 Jahren vor Christus begann Sokrates damit, Fragen darüber zu stellen, was ein gutes Leben ausmacht. Vertieft haben diese Fragestellungen dann Platon und Aristoteles, die stoischen Philosophen und die deutschen Idealisten und Kant. Für die antiken Griechen hatten diese Fragen einen so hohen Stellenwert, dass sie eine eigene Disziplin daraus gemacht haben: die Teleologie (Lehre vom höchsten Ziel oder Gut).

Der griechische Philosoph Platon stellte sie im vierten Jahrhundert v.Chr. in den Mittelpunkt seines Denkens und glaubte fest daran, dass es das „Streben nach dem Guten" sei, was den Menschen zum Handeln bringt. Er ging davon aus, dass es nicht im Reich der sichtbaren Wirklichkeit zu finden sei, sondern im Reich der „Ideen".

Es muss deshalb interpretiert und mit Bedeutung gefüllt werden. Allerdings bedarf das Gute einer dialogischen Praxis, um sichtbar zu werden. Sein Schüler Aristoteles wandte sich gegen die Vorstellung einer idealisierten Welt der Ideen und holte das Gute zurück ins Reich der Wirklichkeit, die betrachtet, analysiert, erklärt und gestaltet werden wollte.

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Copyright: Fattoria La Vialla

Wer sich der Praxis des Guten widmet, tut dies auf nachhaltige Weise mit dem, was er hat - dort, wo er gerade ist. Wer die Welt zum Besseren verändert, gehört zu den Glücklichen. Auch ist erwiesen, dass resiliente Gemeinschaften, in denen sich Menschen für ihre Nachbarn und ihre Umwelt verantwortlich fühlen und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl haben, eher in der Lage sind, Krisen zu bewältigen.

Nicht jeder kann das Gute Leben in der Toskana vor Ort genießen, aber es gibt viele Möglichkeiten, sich Teile davon nach Hause zu holen. Auch das Lebensmittelhandwerk und Publikationen wie die von der Fattoria La Vialla zeigen, was eine Gesellschaft tragfähig macht, wenn die in ihr lebenden Gemeinschaften gut funktionieren und Sinn schaffen.

Toskanatraum statt Tourismusfalle

Das Beispiel ist deshalb ausgewählt worden, weil Nachhaltigkeit hier nicht nur Gesichter hat, sondern auch das Ideal und die Ganzheitlichkeit des Themas zeigt: Die Lo Francos haben das Glück verdient, weil sie es sich in der Toskana mühsam erarbeitet haben: Seniorchef Piero Lo Franco, der sein Geld in der Textilindustrie verdient hat, verkaufte seine Industrieanteile und erwarb mit seiner Frau Giuliana 1978 ein verfallenes Landgut zwischen Florenz und Arezzo.

Nach dem Vorbild alter toskanischer Selbstversorger-Höfe entstand schrittweise die Fattoria La Vialla, ein ökologisch-nachhaltiger und unabhängiger Familien- und Landwirtschaftsbetrieb, der sich über eine Fläche von 1.342 Hektar erstreckt: Eine Hälfte besteht aus Weinbergen, Olivenhainen, Weiden, Gemüsegärten und Äckern, die andere wird als Wald erhalten. Vom Anbau über die Ernte, von der Verarbeitung und Verpackung bis hin zum Versand der handwerklich hergestellten Erzeugnisse - alles wird hier noch selbst gemacht wie auf Bauernhöfen längst vergangener Zeiten.

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Copyright: Fattoria La Vialla

In den Weinbergen, den Olivenhainen, dem Agrotourismus, den Feldern, der Soßenküche, der Bäckerei und der Käserei arbeiten heute über 150 Mitarbeiter.

Die drei Brüder Lo Franco - Gianni (Jahrgang 1969), Antonio (Jahrgang 1971) und Bandino (Jahrgang 1976) - sind heute gleichberechtigte Teilhaber und Verwalter der Fattoria La Vialla.

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Copyright: Fattoria La Vialla

Sie haben Universitätsabschlüsse in Wirtschaftslehre und Handel. Bereits in der Kindheit wurden sie an ihre Aufgaben herangeführt, als sie mit ihren Eltern und befreundeten Familien die Wochenenden auf dem ersten restaurierten Hof von La Vialla verbrachten. Die wichtigste Grundlage für eine gute Lebensweise ist eine sinnvolle Aufgabe, die nicht primär wegen des Geldverdienens ausgeübt wird, sondern wegen des Beitrags für die Gesellschaft und die Natur - und wegen der enormen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich damit bieten.

Das meinen die Brüder, wenn sie betonen, dass ihr Unternehmen beweist, „dass es in jeder Hinsicht lohnenswert ist, Wirtschaftlichkeit nicht mit Profit gleichzusetzen, sondern Projekte aufgrund persönlicher Überzeugung zu initiieren."

2009 wurde die Fattoria La Vialla während der Internationalen Klimakonferenz in Kopenhagen als Beispiel für einen nachhaltigen Betrieb vorgestellt. 2015 gelangte das Familienunternehmen unter die Top Ten beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Fünf Mal durfte es sich "Bester Produzent Italien biologischer Anbau" bei der Berliner Wein Trophy, drei Mal "Erzeuger des Jahres International" bei der MundusVini Biofach nennen. 2016 war es "Italian Wine Producer of the Year" bei der International Wine and Spirit Competition. Im Mai 2017 wurden die Brüder Lo Franco mit dem B.A.U.M.-Umweltpreis in der Kategorie "Kleine und mittelständische Unternehmen" ausgezeichnet.

Das Landgut gehört zu den bekanntesten kulinarischen Toskana-Adressen im deutschsprachigen Raum. „Was zuerst aussieht wie eine Touristenfalle, entpuppt sich als Fleisch gewordener Toskanatraum", schrieb Philipp Maußhardt im September 2016 in der Süddeutschen Zeitung. „Metti bòn, cava bòn!" (Tu Gutes rein, hol Gutes raus!) - dieses Motto lebt die Familie Lo Franco seit fast 40 Jahren. Der Betrieb wurde bereits 1983 biologisch zertifiziert. Seit 1997 ist die Produktion bio-dynamisch, die ersten Erzeugnisse mit Demeter-Zertifizierung gab es 2005. Aufgebaut wurde auch ein System der Direktvermarktung, das in Italien vermutlich einmalig ist - es reicht bis zur eigenen, patentierten Schreibschrift.

Die nachhaltigen Unternehmensrezepturen zum Nachmachen von A bis Z

• BIOLOGISCHE VIELFALT: Die Brüder Lo Franco möchten auch andere Menschen zum Umdenken anregen: Ihre im Jahr 2009 ins Leben gerufene Stiftung "Famiglia Lo Franco" stellt Finanzmittel und Ressourcen zur Förderung und Verbreitung der biodynamischen Landwirtschaft zur Verfügung. Bis heute hat sie 590 Hektar eigenes, neu erworbenes und gepachtetes Land auf Biodynamik umgestellt und 88 andere Betriebe dazu bewegen können, ebenfalls auf "Bio" zu setzen.

• CIRCULAR THINKING: Sie denken und handeln wie ihre Vorfahren in geschlossenen Kreisläufen - mit vollständiger Rückverfolgbarkeit für eine Vielzahl verschiedener Erzeugnisse.

• Die eigene Photovoltaikanlage versorgt Bauernhof und Weingut komplett mit Strom, eine Pflanzenkläranlage bereitet das Wasser wieder auf. In ihrer Gesamtheit wird hier mehr Kohlendioxid aufgenommen als abgegeben wird.

• DIREKTVERTRIEB: Es gibt keine Zwischenhändler und Produktionsüberschüsse - die Produkte des Landguts sind entweder im Hofladen oder auf Bestellung erhältlich.

• ENERGIE: Seit 2008 werden alle Emissionen erfasst und in einer CO2-Bilanz ausgewiesen. 2009 erfolgte ein bedeutender Schritt zur Optimierung der Energieeffizienz der Bürogebäude. Durch Flächenvereinigung und -rationalisierung, die Installation einer Warmwasserheizung sowie den Einsatz energiesparender Geräte konnte der Energieverbrauch um insgesamt 20 Prozent gesenkt werden. Recyclingpapier und eine neue Ölmühle sparen sparen zusätzlich Energie und Wasser ein. Die Fattoria La Vialla gewinnt bisher 36 Prozent der gesamten verwendeten Energie durch Photovoltaikanlagen (in fünf Jahren sollen es 60 Prozent sein). Der restliche Energiebedarf wird durch zertifizierten Öko-Strom gedeckt.

• GROßZÜGIGKEIT macht die Familie glücklich - weniger glücklich sind dagegen Menschen, die aus purem Selbstinteresse handeln. Dies belegen Neuroökonomen vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit internationalen Forscherkollegen in einer neuen Studie. Anderen Gutes zu tun erfüllt viele Menschen mit einem angenehmen Gefühl, das Verhaltensökonomen "warm glow" nennen.

• HANDWERK: Mandelbrot oder Crostini werden von Hand hergestellt. Der Pizza-Ofen wird mit Holz aus eigenen Wäldern geschürt.

• KULTUR des Essens und Trinkens: Essen beschränkt sich nicht nur auf die Zufuhr von Energie und Nährstoffen - es ist ein Teil des Guten Lebens. Bislang konnten Besucher an einem der Tische rund um den Hofladen eine "Mirenda" ("Brotzeit" oder "Vesper") essen, vor einiger Zeit wurde auch zwei Mittagsrestaurants eröffnet: Vor dem Haupthaus wird eine Tafel aufgebaut, an der bis zu 40 Personen Platz finden, unweit davon entfernt stehen Holztische im Garten, an denen wochentags die Gäste zur Mittagszeit mit einem toskanischen Menü bewirtet werden.

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Copyright: Fattoria La Vialla

• NACHHALTIGES WIRTSCHAFTEN: Die Herstellung der Erzeugnisse erfolgt bis auf einige

Ausnahmen über die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Unternehmen - von der Saat bis hin zum Versand. Der Wein, der auf 150 Hektar heranreift, wird von Hand geerntet, die 30.000 Olivenbäume werden konsequent bio-dynamisch gepflegt, auf den Feldern gedeiht Gemüse in bester Bio-Qualität, die 1300 sardischen Schafe und rund 700 Valdarno-Hühner fressen Futter aus eigener Produktion und liefern neben Milch und Fleisch den Dünger für die Landwirtschaft.

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Copyright: Fattoria La Vialla

• Das verwendete PAPIER und der Karton sind FCS-zertifiziert.

• Auf PLASTIK wird konsequent verzichtet.

• QUALITÄT: Bei den Produkten sollen die Vitamine erhalten bleiben. Der Pecorino reift in der eigenen Käserei.

• TRANSPORT und Logistik: Vor einigen Jahren wurde vom Straßen- auf den Schienentransport umgestellt. Seit 2017 wird bereits zehn Prozent über Schienen abgewickelt. Der Transport wird mit dem goGreen-System durchgeführt, das bescheinigt, dass die CO2- Emissionen zu 100% durch ökologische Projekte kompensiert werden. Das Unternehmen ist seit 2014 klimaneutral.

Mit den Gästen seiner Stiftung „Fondation Prince Albert de Monaco" (www.fpa2.com) besuchte Fürst Albert II. von Monaco im Juni 2016 die Fattoria, um Gästen aus aller Welt seine Stiftung vorzustellen, die sich wie die „Stiftung Lo Franco" zum Ziel gesetzt hat, die Umwelt und Artenvielfalt zu schützen. Er wählte diesen Ort, weil von hier aus unsere Welt neu gedacht und gestaltet werden kann.


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Copyright: Fattoria La Vialla

Literatur:

Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.