BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Elektromobilität: Die Zukunft der bewegten Gesellschaft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ELEKTROAUTO
Getty
Drucken

Elektromobilität ist angesichts steigender CO2-Emissionen durch Verbrennung von Diesel- und Benzinkraftstoffen sowie knapper werdender fossiler Energieressourcen eines der wichtigsten Schlüsselthemen für eine integrierte Klima-, Energie- und Mobilitätsstrategie. Ziel der Bundesregierung ist es, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf deutsche Straßen zu bringen.

„Elektromobilität eröffnet für deutsche Autobauer wie für Energieversorger viel versprechende Chancen. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilwirtschaft hängt mehr denn je von der Leistungsfähigkeit, den Kosten für Schlüsseltechnologien sowie der Kooperation der Akteure in Forschung, Wirtschaft und Politik ab", sagte Univ.-Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI (wo vor allem das „System Mobilität" im Fokus steht) und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), bereits im Jahr 2009 (!).

Zudem braucht es die richtigen Konzepte, Analysen und Methoden. Es ist deshalb das Ziel des Fraunhofer ISI, „die treibenden Kräfte und Rahmenbedingungen der Elektromobilität zu analysieren und in Zukunftsszenarien einzuberechnen, so dass strategische Entscheidungen auf Basis umfassender Analysen und mit Hilfe wissenschaftlich etablierter Methoden der Technologievorausschau getroffen werden können", so die Innovationsforscherin.

Sie ist sich sicher, dass sich elektrobetriebene Fahrzeuge primär in Märkten durchsetzen, in denen ihre spezifischen Vorteile genutzt werden: „kleine Fahrzeuge für den innerstädtischen Verkehr, Elektroroller oder Leichttransporter für den innerstädtischen Lieferverkehr".

Fast jeder große Automobilproduzent entwickelt inzwischen ein Elektroauto. Dennoch empfindet es Frank Thelen, einer der Investoren und Juroren der VOX-Gründershow, der das Wagniskapital seiner VC-Firma e42 unter anderem in deutsche Startups wie MyTaxi, Outbank, Lilium und Scanbot gesteckt hat, als schlechtes Zeichen, dass er als Deutscher ein amerikanisches Auto fahren muss: „Weil es kein deutsches Elektroauto gibt, das den Namen verdient. Die deutschen Autohersteller haben es ja nicht mal hinbekommen, in ihrem eigenen Land eine Infrastruktur mit Ladestationen aufzubauen. Ein US-Startup, nämlich Tesla, muss in Deutschland eine solche Infrastruktur errichten -- für mich ist das beschämend." Die deutschen Autobauer nehmen dies überhaupt nicht ernst, sagte er im Dezember 2016 in einem Interview (Wired).

Sie würden zwar ein elektrisches Concept Car nach dem nächsten präsentieren, das dann irgendwann auf den Markt kommen soll - tut es aber seiner Ansicht nach nicht. Oder Förderprojekte werden ins Laufen gebracht - danach „bewegt" sich jedoch wenig, weil die Nachfrage fehlt. Dazu ein Beispiel:

So waren beim Förderprojekt „Energieautarke Elektromobilität im Smart-Micro-Grid vom Einfamilienhaus bis zum intelligenten Parkhaus" die BMW AG, SMA Solar Technology AG, der Lehrstuhl für Energiewirtschaft und Anwendungstechnik (TU München) und das Zentrum für nachhaltiges Bauen (TU München) Projektpartner. Als fördernde Institution fungierte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB):

Die Firma Dynahaus stellte als Demo-Gebäude für 1,5 Jahre ein neu errichtetes zweigeschossiges Musterhaus in Hallbergmoos bei München mit einer beheizten Wohnfläche von 122 m² zur Verfügung. Die Energieversorgung des Gebäudes erfolgte allein mit Strom durch eine Photovoltaikanlage und Netzbezug des nicht selbst gedeckten Restbedarfs und schloss das Laden eines Elektrofahrzeugs ein. In einem begehbaren Anbau (E-Box) befanden sich der Hausanschluss und der Wechselrichter sowie an der Außenwand die Wallbox zum Laden des BMW ActiveE.

Gebäudenutzer war eine vierköpfige Familie, die das Demogebäude vom 22.12.2014 bis zum Projektende 2016 bewohnte. Ein Elternteil nutzte als Berufspendler das im Rahmen der Demonstration zur Verfügung gestellte Elektrofahrzeug, der andere befand sich während der gesamten Demophase in Elternzeit. Als Projektfahrzeug diente ein BMW ActiveE mit einer nutzbaren Batteriespeicherkapazität von 28,8 kWh (Quelle: Abschlussbericht, September 2016) Dieses Referenzobjekt diente Studenten, Professoren und Dynahaus zur Forschung, Weiterentwicklung und Verbesserung der eingesetzten Technologien. Und jetzt?

Fast die Hälfte der Deutschen ist sich sicher, dass in etwa 20 Jahren vorwiegend elektrisch gefahren wird. Allerdings hat das auf das heutige Kaufverhalten keinen Einfluss. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Forschungsinstituts Yougov, die das Wirtschaftsmagazin „Capital" und der Energieversorger Innogy gemeinsam in Auftrag gaben. Zudem spielen deutsche Hersteller als Anbieter von E-Autos in der Kundenwahrnehmung nur eine nebensächliche Rolle. Für alle finden sie irgendwann statt - aber noch nicht vor der eigenen Haustür (Capital 872017, S. 58).

Als Gründe für diesen Zustand nannte Thielen Ende 2016 das Mindset - viele Unternehmenschefs definieren sich vor allem über ihre Funktion: „Die sitzen auf Vorstandsetagen mit fünf Sekretärinnen vor der Tür, die die Wirklichkeit draußen halten. Status wird weiterhin höher bewertet als das Machen und Tun." Er plädiert dafür, dass wir in Deutschland zu einer Mentalität kommen sollten, die der von Jeff Bezos oder den Google-Gründern entspricht: „Sag mir, was mich morgen töten wird, dann mache ich es vorher selbst groß."

Jedes Unternehmen muss sich im Komplexitätszeitalter bewusst sein, dass es ständig etwas gibt, das es zerstören kann. Es reicht nicht, darauf zu warten, dass Entwicklungen - Thielen verwendet das Symbol der Wellen - vorübergehen, denn die nächsten sind schon mit voller Wucht auf dem Weg. Es kommen härtere Tage, auf die Unternehmen vorbereitet sein sollten. Wer sich heute noch fest im Sattel glaubt, kann morgen rasch hinweggespült werden

Was uns in Deutschland leider häufig fehlt, ist für ihn die Fähigkeit, groß zu denken und die Welt zu verändern. Lieber optimiert das Land der Ingenieure in kleinen Schritten - in der Vergangenheit hat uns das weit gebracht. Die Zukunft aber kann mit alten Denkweisen und Werkzeugen nicht gestaltet werden. Hier genau liegen Thielens Sorgen: „Wie kriegen wir dieses große Denken in die Köpfe unserer Ingenieure rein? Nicht so sehr in die der Betriebswirte, von denen haben wir eh schon zu viele. Nein, wenn dann werden unsere Ingenieure dieses Land hier in die Zukunft führen."

Anfang August hat das Fraunhofer ISI eine Analyse zu den industriewirtschaftlichen Effekten bei einem Umstieg auf Elektroautos vorgelegt. Das Ergebnis klingt weniger pessimistisch als eine (weitere) Untersuchung: Forscher des ifo-Instituts warnen bei einem Verbot des Verbrennungsmotors bis 2030 vor dem massiven Verlust von Arbeitsplätzen: Über 600.000 der heutigen Industriearbeitsplätze und 13 Prozent der industriellen Wertschöpfung in Deutschland hängen von der Verbrennungstechnik ab, so das Ergebnis.

Das Fraunhofer ISI sieht dagegen Chancen auf eine Kompensation des Beschäftigungsrückgangs. Basis dieser Untersuchung sind institutseigene Analysen zur aktuellen und künftigen Wettbewerbsposition der deutschen Automobilindustrie bei Elektrofahrzeugen sowie Auswertungen nationaler und internationaler Studien: Sollte es gelingen, die derzeitige Wettbewerbssituation der deutschen Industrie bei Elektrofahrzeugen zu erhalten oder auszubauen, stehen die Chancen gut, dass die Elektromobilität insgesamt positive Auswirkungen auf Beschäftigung und Wertschöpfung in Deutschland hat.

Bei der Diskussion um die Folgen eines Verbots konventioneller Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren in Deutschland ab 2030 sei nach Ansicht der Forscher der hohe Exportanteil von 60 Prozent der in Deutschland hergestellten konventionellen Fahrzeuge zu beachten. Zudem seien die Marktanteile der hybriden Elektrofahrzeuge auf heute bereits knapp 40 Prozent aller Elektrofahrzeuge gestiegen.

Werden diese Positionen gehalten, wird ein schneller Ausstieg bei konventionellen Fahrzeugen in Deutschland ab 2030 nur bedingt negative Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Wertschöpfung haben, die vom Verbrennungsmotor in Deutschland abhängen (Quelle: IWR Online, 2017).

Politik und Wirtschaft sind nun gefordert, dafür Sorge zu tragen, dass Deutschland kein Elektroauto-Entwicklungsland bleibt, sondern künftig auch die technologische Marktführerschaft im Bereich der Elektromobilität übernimmt.

Weitere Informationen

Marion A. Weissenberger-Eibl: Bestandteil eines zukünftigen Mobilitätskonzepts. In: ifo Schnelldienst 22/2009, 62. Jahrgang, S. 8-10.

Matthias Krieger: Mit Dynahaus gemeinsam einen bedeutenden Beitrag zur Energiewende leisten. In: CSR und Energiewirtschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Berlin und Heidelberg 2016.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.