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Einfach verstehen. Warum Kommunikation eine Lebenskunst ist

20/04/2015 09:06 CEST | Aktualisiert 20/06/2015 11:12 CEST
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Die Kunst des Herausfindens

Lebenskunst im Sinne eines bewusst geführten Lebens ist ein ständiger Lernprozess und keine vollendete Meisterschaft. Sie kann dazu beitragen, mit den persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen besser zurechtzukommen, eine positive Einstellung nicht zu verlieren und dennoch negative Dinge nicht auszuklammern.

„Der Glaube an das Gute ist begründet, aber er darf uns nicht blind machen für das enorme Unheil, das der Mensch anrichten kann", sagt der Psychologe und Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun im Buch „Kommunikation als Lebenskunst - Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens" (Carl-Auer Verlag Heidelberg, 2014), das er gemeinsam mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen geschrieben hat.

Es beschäftigt sich u. a. mit den Fragen: Warum funktionieren Kommunikationsrezepte nie? Was bedeutet Schweigen? Warum sind Missverständnisse normal? Wie kann Kritik geübt werden, ohne den anderen zu verletzen? Und wie lässt sich das Miteinander-Reden in eine Lebenskunst verwandeln?

Lebenskunst wird von den Autoren als dynamische Balance aus Selbstfürsorge und Hingabe an ein Ganzes verstanden, von dem man selbst ein Teil ist. Statt fertiger Antworten bieten sie eine Heuristik im Sinne einer Kunst des Herausfindens.

Von Heraklit soll die Aussage überliefert sein, dass die schönste Harmonie durch das Zusammenbringen der Gegensätze entsteht. In diesem Sinne lässt sich nach Schulz von Thun auch das gelingende Leben und Kommunizieren als „ein Ensemble von Regenbogenqualitäten" begreifen, die wiederstreitende Impulse oder Werte von ihrer scheinbaren Ausschließlichkeit befreien und Unterschiedliches verbinden: „Beständigkeit und Wandel, Ehrlichkeit und Takt, Authentizität und Diplomatie, Autonomie und Angewiesenheit".

Wann CSR-Kommunikation Sinn macht

Wer sich mit CSR- und Nachhaltigkeitskommunikation beschäftigt, sollte das Buch von Schulz von Thun/Pörksen nicht nur lesen, sondern auch nachhaltig in „Gebrauch" nehmen, Aussagen vergleichen und miteinander verknüpfen.

Die folgenden Kernaussagen des Buches sind m. E. besonders wichtig. Ich setze sie in Beziehung zu Aussagen von Wolfgang Scheunemann, Geschäftsführer von dokeo in Stuttgart sowie Gründer und Organisator des Deutschen CSR-Forums.

CSR-Kommunikation ist für ihn authentisch und werbefrei in allen Ausdrucksformen, übergreifend und vernetzend in ihren Maßnahmen, ergänzend zu den Aussagen der anderen Kommunikationsbereiche, nachhaltig von der Konzeption bis zur Umsetzung, induktiv vom Einzelfall auf das Gesamte weiterleitend, werte- und dialogorientiert, reputationsfördernd, inhaltlich geprägt sowie transparent und glaubwürdig.

Worte und Taten, Reden und Handeln

Verständlich sein.

Schulz von Thun: Dadurch wird Beteiligung ermöglicht, und es können Kommunikationsbarrieren eingerissen werden. „Einfachheit besagt, dass es besser ist, geläufige, anschauliche Wörter zu verwenden und eher kurze, einfach gebaute Sätze. Der Ratschlag lautet somit: „Sprich wie ein Mensch und nicht wie ein Universitätsgelehrter!"

Sich selbst erkennen.

Schulz von Thun: Wer sich selbst versteht, kommuniziert besser. Selbsterklärung ist die Grundlage für eine klare Kommunikation.

Scheunemann: „Unternehmen sollten ihre Zahlen und angepriesenen Modellprojekte in einen transparenten Gesamtkontext stellen. Nehmen wir das Beispiel Klimawandel. Hier muss geprüft werden: Werden bei Behauptungen über die Reduzierung von Emissionen relative oder absolute Zahlen angeben?"

Authentisch und glaubwürdig sein.

Pörksen: Für Carl Rogers und seine Anhänger sind Authentizität, Kongruenz, Übereinstimmung von innerem Erleben und kommunikativem Selbstausdruck ein Kommunikationsideal.

Scheunemann: „Der schlimmste Fehler ist es, mit plumpen Botschaften genau das zu konterkarieren, was CSR bedeutet: Glaubwürdigkeit. Ein anderer Fehler ist die Leichtigkeit, mit der CSR-Kommunikation oft betrieben wird. Statt die dafür affinen Journalisten zu adressieren, gehen Pressemitteilungen oder andere Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit an nicht affine Journalisten. Wenn ein Unternehmen etwa eine CO2-Emissionen halbiert, löst das noch lange keine Schlagzeile auf einer Wirtschaftsseite einer Zeitung aus. Also muss diese Tatsache in den gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Das Unternehmen muss zeigen, dass dieses Ziel nur ein kleines in einem großen Ganzen ist."

Übersetzer statt Experte sein.

Schulz von Thun: Der Princeton-Professor George A. Miller plädierte dafür, dass der Psychologe der Zukunft zu einem Dolmetscher der eigenen Disziplin werden sollte - „mit dem Ziel, Menschen zu helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen, Konflikte zu entschärfen".

Scheunemann: „CSR-Kommunikation kann erfolgreiche Geschichten über das Unternehmen fast nur in Form von Features anbieten. Das sind in der Regel ‚Soft News', mit denen Wirtschaftsjournalisten nichts anfangen können. Zunächst können Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung eines Unternehmens auch für die CSR-Kommunikation sämtliche Instrumente nutzen: von regelmäßigen Meinungsumfragen über Presseinformationen, Interviews, Anzeigen, Broschüren, interner Kommunikation bis hin zur Kommunikation in sozialen Netzwerken. Wichtig ist dabei aber immer, dass aus diesen Aktivitäten Features resultieren. Denn die sind es, die von den Medien aufgegriffen werden."

Auf dem Boden bleiben.

Schulz von Thun: „Wer nur hierarchisch und von seinem eigenen Standpunkt aus entscheidet, der gerät in Gefahr, sich in einen arroganten, wenig kollegialen Autokraten zu verwandeln, der auf dem hohen Ross der Ignoranz und Überheblichkeit dahintrabt und nicht selten vom Pferd fällt."

Auf den Punkt kommen und argumentieren.

Pörksen: Wer mit einem Beispiel arbeitet, sollte sich bewusst sein, dass es auf Anhieb „sitzen" und auf den Punkt fokussiert sein muss. Es „darf nicht durch eigene Komplexität die Aufmerksamkeit allzu sehr auf sich selbst lenken - denn es soll ja „nur ein Beispiel" sein - für etwas."

Scheunemann: „Oft wird die Realität aber nur selektiv dargestellt, etwa wenn Fakten nicht im Gesamtkontext stehen, eigene ökologische oder soziale Modellprojekte überbetont und negative Auswirkungen des Kerngeschäfts ausgeblendet werden. Oder wenn Begriffe wie CSR oder Nachhaltigkeit sinnentleert benutzt werden. Hinzu kommt die Verwendung einer klischeehaften Bildsprache, wie zum Beispiel Bäume, grüne Landschaften, blauer Himmel, Sonne oder Globus."

Greifbar sein.

Schulz von Thun: Auf die „technisch perfekte Fertigware einer PowerPoint-Präsentation" sollte verzichtet werden, wenn es auf den direkten Austausch und vertiefenden Dialog ankommt. Hier greift das Haptische im Besten Wortsinn: das „Anfertigen von Skizzen, die Nutzung von ganz einfachen Symbolen, das Zeichnen im Gespräch mit anderen...Denn unser Gehirn nimmt Visualisierungen anders und schneller auf als den gesprochenen oder geschriebenen Text."

Verlebendigungen und Alternativen unterstützen das Verstehen und können Menschen überzeugen

Eine Vielzahl von Beispielen zur Überzeugungsarbeit durch Geschichten aus der Geschichte der Rhetorik findet sich im aktuellen Buch „Mythos Redemacht" (S. Fischer Verlag GmbH) des Germanisten Karl-Heinz Göttert.

Redekunst allein genügt dem Autor nicht, Sachbezug und Reputation müssen seiner Ansicht nach ebenfalls hinzukommen. Allerdings genügen Sachbezug und Reputation allein eben auch nicht. Besonders interessant ist seine Beobachtung, dass spezifisch „männliche" Elemente wie eine hochgestochene Argumentation heute mehr und mehr verschwinden oder um „weibliche" Elemente ergänzt werden, wie sie von erzählerischen Einlagen ausgehen.

Er zeigt, was Nachhaltigkeit AUCH ist: „Das Konzept europäischer Redekunst erweist sich als erstaunlich stabil, die fixe Idee des Überwältigens durch (Anwendung von) Kunst hat immer noch Erfolg, ja bezeugt eine Form von Nachhaltigkeit, die wohl nicht zuletzt für die Befestigung des Mythos von der ‚Natürlichkeit' dieser Art von Kunst verantwortlich ist."

Aktueller Veranstaltungshinweis:

Glaubwürdige Unternehmens-Kommunikation durch CSR -Kreativität statt Langeweile

Anja Rechenberg, Akzente, Viola Rühl, Edelman, Wolfgang Scheunemann, dokeo, und Matthias Vollbracht, Media Tenor International, sind ausgewiesene Experten für CSR-Kommunikation. Sie diskutieren auf dem 11. Deutsches CSR-Forum vom 20. bis 21. April 2015 in Ludwigsburg bei Stuttgart über neueste Entwicklung sowie darüber, wo sie richtig eingesetzt wurde und wo "richtige" CSR-Kommunikation Schaden hätte vermeiden können.


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