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Einfach. Jetzt. Machen! Klimawandel in unseren Städten

24/11/2014 14:59 CET | Aktualisiert 24/01/2015 11:12 CET
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Klimawandel in der Stadt

Das richtige Stadtklima ist nicht nur eine Frage der entsprechenden Infrastruktur für den Verkehr, die Versorgung oder des Energie- und Abfallmanagements. Es wird vor allem von Menschen beeinflusst, die die Herausforderungen der Gegenwart als Chancen begreifen und sich die Rahmenbedingungen selbst schaffen, die sie brauchen, um etwas nachhaltig zu bewegen. Denn es ist das „Trotzdem", das sie immer weiterbringt.

Der Bedarf an kostspieligen Infrastrukturen und entsprechender Standards wächst stetig. Durch die zunehmende Mobilität stößt die vorhandene Infrastruktur an Auslastungsgrenzen. Zudem beeinträchtigt sie auch die Lebensqualität. Elektroautos verursachen zwar keinen Schmutz und machen kaum Lärm, aber sie verbrauchen genauso viel Fläche wie Benziner. Auch braucht es Lösungen für den zunehmenden Lieferverkehr, der durch Onlinehandel entsteht.

Dass auch Sharing Economy für Städte mit einer Vielzahl von Problemen verbunden ist, zeigen folgende Beispiele: So sehen sich Taxi- und Hotelinnungen durch die neuen Anbieter einem asymmetrischen Wettbewerb ausgesetzt. Wo getauscht und geteilt wird, haben Finanzbehörden kaum einen Überblick und wenig Zugriff.

Ein weiteres Konfliktfeld ist das zwischen dem gemeinnützigen und zunehmend kommerzialisierten Segment der Ökonomie des Teilens und Tauschens, das vor allem unter den 14- bis 29-Jährigen im Netz sehr beliebt ist.

Der Blogger Sascha Lobo nennt es „Plattform-Kapitalismus": „Im schlimmsten Fall wird die Sharing-Economy dann eben nicht ein Handlungsraum mit primär sozialen und ökologischen Motivlagen sein, sondern von digitalen Riesenmetropolen gesteuert werden, die nur ein Ziel kennen: Wachstum und Profit!" Schrieb Reinhard Loske kürzlich in seinem Beitrag „Aufwachen, bitte!" (DIE ZEIT 43/16.10.2014, S. 27),

Green Cities - Nachahmung erwünscht

Für die Oberbürgermeister sind ausgeglichene Haushalte und der Schuldenabbau zugunsten kommender Generationen ein zentrales Anliegen. Es ist notwendig, dass sie Nachhaltigkeit zur Chefsache machen und das Anliegen „in alle Verwaltungsbereiche und in die kommunalen Unternehmen tragen.

Sie haben die Mittel und Möglichkeiten, andere mit ihrem Engagement zum Nachahmen und Weitermachen zu ermutigen", sagte Wolfgang Scheunemann, Initiator und Organisator des Deutschen CSR-Forums - Internationales Forum für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit beim letzten Kongress, der vom 7. bis 8. Mai 2014 in der Fair-Trade-Stadt Ludwigsburg bei Stuttgart stattfand.

Ludwigsburgs Oberbürgermeister Werner Spec bezeichnete die Kommunen als „living labs", also als Real-Labore, die bei der nachhaltigen Kommunalentwicklung immer wieder Neuland betreten, sei es bei Bildung, Umwelt oder Mobilität. Umso wichtiger sei der Austausch zwischen Kommunen und Wissenschaft - auch transnational.

Die Städte- und Wirtschaftskonferenz „Green Cities - Green Industries. Magdeburg", eine Initiative der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, ist ein Beispiel dafür.

„Die weltweit stattfindenden Klimagipfel zeigten bisher keine schlüssigen oder befriedigenden Konzepte für die Lösung diesbezüglicher kommunaler Aufgaben, Städte müssen selbst aktiv werden, um sich zukunftssicher auf der Basis ihrer realen Möglichkeiten entwickeln zu können.

Städte sind wichtige Akteure und Auftraggeber bei der Gestaltung und Entwicklung von Plattformen und Netzwerken zwischen Unternehmen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Bürgern. Städte sind ein Teil der Ursachen des globalen Klimawandels, sie können und müssen entscheidend zur Problemlösung beitragen"

heißt es auf der Website.

Städte stellen ihre Best-Practice-Projekte vor, um voneinander zu lernen. Unternehmen präsentieren parallel innovative Produkte und Dienstleistungen, u.a. in den Bereichen Erneuerbare Energien, Logistik, Ressourcenmanagement oder Mobilität. Initiiert von der Landeshauptstadt Magdeburg, treffen sich am 25. und 26. November im Rathaus rund 170 Teilnehmer u.a. aus Thailand, China, der Mongolei, Spanien, Polen, Kroatien, der Ukraine sowie der Türkei. Auch deutsche Städte wie Essen, Freiburg, Hamburg oder Tübingen sind vor Ort.

„Das große Interesse der internationalen Delegationen bestätigt unseren Ansatz, die Herausforderungen des Klimawandels für Städte selbst in die Hand zu nehmen und hier auch die regionale Wirtschaft einzubinden. Der Weltklimagipfel in New York wird sicherlich politische Rahmenbedingungen schaffen, doch was zählt, sind real umsetzbare und effektive Maßnahmen vor Ort!", so Rainer Nitsche, Beigeordneter für Wirtschaft, Tourismus und regionale Zusammenarbeit in Magdeburg.

Warum nicht?

Zukunftskonzepte müssen nach Meinung des Ludwigsburger Oberbürgermeisters Werner Spec gemeinsam entwickelt werden. Er erachtet es als besonders wichtig, die Gesellschaft mit einzubeziehen, vor allem auch um Verständnis für erforderliche Maßnahmen aufzubauen. Für eine Entlastung der steigenden Kosten von Sozialstätten muss gesellschaftliches Engagement zukünftig einen höheren Stellenwert einnehmen. Von der Politik darf als Bürger nicht erwartet werden, dass diese der alleinige Treiber von Nachhaltigkeit ist.

Die Ergebnisse des Deutschen CSR-Forums bestätigen, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht „verordnet" werden darf, sondern sowohl von der Bevölkerung getragen als auch auf breiter Ebene gelebt werden muss. Die unverzichtbare Basis dafür bilden der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern sowie die Vernetzung aller verantwortlichen Institutionen und Personen vor Ort.

Nachhaltigkeit wird damit zu einem wichtigen Standortvorteil für Kommunen und sichert deren Wettbewerbsfähigkeit. Sie schafft neue Arbeitsfelder, stärkt die Innovationskraft einer Region, bietet einen attraktiven Investitionsraum für Unternehmen und steigert zudem die Lebensqualität.

Oft wird in den Medien der Eindruck vermittelt, dass es bei einer smarten, also intelligenten Stadt, lediglich darauf ankommt, alles miteinander zu vernetzen: Straßenlaternen gehen nur dort an, wo Bewegung ist, Elektroautos laden sich mit Solarenergie auf, sobald sie unter dem Carport stehen, Haushalte erzeugen ihre Energie mit Solar- und Brennstoffzellen.

Ja, eine smarte Stadt macht das Leben einfacher - aber sie hört nicht bei Energieeffizienz, Klimaschutz oder intermodaler Mobilität auf. Sie schafft auch Arbeits- und Bildungsangebote, verbessert die Gesundheitsversorgung und beteiligt die Bürger bei der Mitgestaltung. All das schafft eine höhere Lebensqualität für Bewohner und bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen.

Robert Kennedy erinnert: „Manche Leute sehen die Dinge, die es gibt und fragen ‚Warum?' Ich träume von Dingen, die es nie gegeben hat und frage ‚Warum nicht?'" Diese Frage verbindet alle Menschen, die eine Vision haben, die natürlich nicht nur Träume bleiben, sondern im besten Wortsinn „verwirklicht" werden sollen.

Einige Beispiele:

_ Auf Youvo, einer Engagement-Online-Plattform für junge Kreative und Interessierte aus Nonprofit-Organisationen, können Studierende der Bereiche Gestaltung, Medienproduktion und Kommunikation online ein passendes Volunteering-Angebot finden, Praxiserfahrung sammeln und soziale Organisationen bei der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

_ Der IDEENKANAL Liechtenstein fördert das Kreativpotenzial von BürgerInnen und deren Eigenengagement sowie die Selbstorganisation. Die Öffentlichkeit wird dazu aufgerufen, eigene Ideen einzureichen. Sie erhalten dabei die Chance auf eine Unterstützung von fachkundigen MentorInnen sowie eine Startfinanzierung.

Gesucht werden Ideen, die in Liechtenstein oder von da ausgehend in der Welt zur Lösung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und/oder ökologischer Herausforderungen beitragen. Bisher geförderte Ideen sind zum Beispiel ein Mode-Label aus recycelten Stoffen, ein innovatives Blinkersystem für FahrradfahrerInnen oder ein Film über Freiräume im Alpenrheintal.

_ Die Journalistin Carolin Waldmann startete das Projekt „mitfahrbutton": Fahrer, die gern jemanden mitnehmen, sind am Mitfarbutton an der Windschutzscheibe erkennbar. Auf der Internetseite wird es das ausdruckbare Erkennungszeichen zum Selberbasteln fürs Auto geben. „Jeder kann mitmachen und einfach starten", sagt die Initiatorin, die als Studentin nach einer Möglichkeit gesucht hat, Kosten für Aufkleber und Buttons auf mehreren Schultern zu verteilen.

Da sie und ihr Team freiwillig und unbezahlt arbeiten, könnte sie die ersten 1000 Buttons nach erfolgreicher Finanzierung auf der Crowdfunding Plattform startnext bereits mit einem kleinen Betrag realisieren und versenden. Städte können helfen, indem sie den Button ebenfalls verteilen, darauf aufmerksam machen und die Nutzung anbieten. Ihr Credo: „Ich bin eine Macherin. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, möchte ich es auch durchziehen und fange einfach an."

Hier sei auch an Roman Herzogs berühmte „Ruck-Rede" von 1997 erinnert: „Wir müssen jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr Selbstverantwortung. Ich setze auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf unsere Gestaltungskraft. Glauben wir wieder an uns selber. Die besten Jahre liegen noch vor uns." Ruck bedeutet heute wie damals: sofort etwas abliefern, auch wenn es unvollständig ist.

_ Dem Anfängergeist verdankt sich auch die Gründung des ÜBERMORGEN Verlags in Stuttgart, der 2014 ins Leben gerufen wurde. Die jungen Geschäftsführer Lennart Arendt und Dominik Ochs fragten sich, wie man die Massen für ein Thema sensibilisiert, das so komplex ist wie Nachhaltigkeit. Ihre Antwort: Am besten konkret sein. Sie sprechen mit Organisationen, Menschen und Initiativen, die soziale und ökologische Projekte in der Region vorantreiben. ÜBERMORGEN verbindet Nachhaltigkeit mit Lifestyle. Die Macher wollen zeigen, wie viel Spaß und Positives auch in diesem Thema steckt.

Sie werden künftig auch mit dem Deutschen CSR-Forum kooperieren, das jährlich zusammen mit der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) Unternehmen, gemeinnützige Organisationen, Schulen, Gemeinden und Privatpersonen dazu aufruft, der Öffentlichkeit ihr Engagement für Nachhaltigkeit zu zeigen und das Thema mit Leben zu füllen.

_ Die bundesweiten „Wochen der Nachhaltigkeit" werden zum Anlass genommen, um Aktionen, Seminare oder einen Tag der offenen Tür durchzuführen. Die Organisatoren bieten für die vielfältigen Aktionen auf der Website www.nachhaltigkeitswoche.de eine öffentlichkeitswirksame Plattform an und belohnen die fünf originellsten Aktionen mit einer Urkunde. Der originellste Beitrag wird im Rahmen der Verleihung des Deutschen CSR-Preises in Ludwigsburg ausgezeichnet.

Zu den Anregungen der Organisatoren gehören beispielsweise die Gestaltung eines CO2-reduzierten Tages, in dem Fahrgemeinschaften gebildet werden oder die Mitarbeiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, die Organisation eines Secondhand-Markts in der Gemeinde, der Wechsel des Stromanbieters, um auf Erneuerbare Energien umzustellen, regionale und fair gehandelte Lebensmittel in der Kantine oder die Organisation eines Seminars für Kunden und Geschäftspartner zum Thema nachhaltiger Einkauf.

Dass ein besonderer Fokus auch auf der nachhaltigen öffentlichen Beschaffung liegt, hat mit der zunehmenden Relevanz des Themas in allen gesellschaftlichen Bereichen zu tun. Im kommunalen Bereich ist die Umsetzung allerdings schwieriger, denn die Vorgaben hier sind nach Ansicht von Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation der memo AG, oft zu kompliziert und unverständlich:

„Mittlerweile gibt es zahlreiche Leitfäden zur nachhaltigen öffentlichen Beschaffung - diese sind jedoch meist so unverständlich verfasst, dass es für den eigentlichen Einkäufer fast unmöglich ist, diesen ‚Dschungel' zu lichten. Wenn es dann doch einmal so weit kommt, dass in Frage kommende Produkte ausgesucht werden, scheitert es an der Kalkulation. Durch enge und unzureichende Budgets entscheidet dann eben doch letztlich der Preis und die Umwelt und der Mensch treten in den Hintergrund."

Warum Zukunft vor Ort gemacht wird

Was uns fehlt, sind nach Meinung des englischen Umweltaktivisten Rob Hopkins, der im irischen Kinsale und in der britischen Kleinstadt Totnes zwei der ersten Transition Towns ins Leben rief, die sozialen „Werkzeuge", um Menschen zu bewegen, gemeinsame Visionen umzusetzen. Die Transition-Bewegung ist einer dieser Versuche, solche „Werkzeuge" in die Welt zu bringen.

Unter dem Dachbegriff „Transition Towns" sammeln sich viele weitere Initiativen, die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel und dem konkreten Handeln vor Ort auseinandersetzen: gemeinsam, pragmatisch und visionär werden innovative Konzepte erprobt und umgesetzt.

„So wie steter Regen auch die ‚dauerhaftesten' Strukturen auflösen kann, so können die zahlreichen dezentralen Projekte in ihrer Vielfalt den Wandel herbeiführen." Schreibt Gerd Wessling für das Transition Netzwerk D/A/CH im Vorwort des Buches von Rob Hopkins „Einfach. Jetzt. Machen!"

Die Sehnsucht nach „Machbarkeit" - für den CSR-Experten Wolfgang Scheunemann einer der wichtigsten Begriffe im Nachhaltigkeitskontext - ist auch eine Bestätigung dafür, dass es um nichts anderes als um den Punkt geht, den jeder in der Welt setzt. Dort, wo er gerade steht, denn nur vor Ort werden komplexe Probleme gesehen und durch kreatives und pragmatisches Handeln gelöst.

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