BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Ein Stück heile Welt: Warum Vogelhäuser uns ein Gefühl von Heimat geben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
VOGELHAUS
Thinkstock
Drucken

Sehnsucht nach Nestwärme

Die Risikogesellschaft entdeckt zunehmend die Welt der Dinge und sucht nach Begrenzungen und Konturen. Und wie in allen Krisenzeiten wächst das Bedürfnis, Vorräte anzulegen, um durch kalte Zeiten zu kommen. Der gesellschaftliche Nestbau erlebt derzeit einen Boom in allen Bereichen des Lebens.

Das lateinische „manu factum" (zu Deutsch: das Handgemachte) trifft nicht nur den Nerv der Zeit, sondern auch den einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die der glatten Welt der Industrieprodukte den Rücken kehren.

Vor allem die Generation Manufactum entdeckt das Bauen und Basteln an einer besseren Welt wieder, „weil es die Bedürfnisse nach anspruchsvoller Handarbeit, Nachhaltigkeit und ökologischer Verträglichkeit übererfüllt. Obendrein liefert es jene Geschichten, die den Dingen zu einer Seele verhelfen" (Alexandra González in: SZ, 13./14.12.2013).

Aber auch die Geistesschaffenden von heute ahmen mit ihren fliegenden Gedanken und durch ihr emsiges In-Beziehung-setzen und Vernetzen den Nestbau nach. Das Gedankenbuch „Allein mit allen" von Botho Strauß ist dafür das beste Beispiel: „Als Autor von Sätzen bleibt mir keine Wahl - ich muß hypoleptisch, d.i. anknüpfend sein. Episch wäre ich ein Experimentierer gewesen. Anknüpfen aber war mein Handwerk."

Er schreibt, „um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt". Denn das Globale ist vielen längst vertrauter als das eigene Umfeld. Und so wächst das Fernweh des urbanen Menschen nach vertrauten Verhältnissen. Da bietet die Sehnsucht nach Heimeligkeit („Cocooning") und neuer Niedlichkeit Halt, die etwa im aktuellen Vogelhausboom zutage tritt. Wunschwelten in Miniaturformat.

Stilgebiete

Früher war ein Vogelhaus nur ein brauner rustikaler Holzkasten mit einem stabilen Holzgestell. Doch in den letzten Jahren ist die Nachfrage in Deutschland nach originellen Vogelhäusern gestiegen, die Designobjekte sind und gleichzeitig viel über Geld und Geist ihrer Besitzer aussagen: einige protzig und bunt (Vogelvilla Bellevue), andere smart, elegant, mondän (VH-1).

Vom futuristischen Eck- und Stadthaus über energieeffiziente Einfamilienhäuser mit Solarzelle, recyclingfähige Objekte in Leichtbauweise aus wasserabweisender Pappe, Upcycling-Häuschen aus Tetrapaks, alten Dosen, Flaschen, Gläsern, Keramik, Schaufeln, Korken und Schuhen, mal im Regenbogen- oder Prinzessinnen-Design oder im Stil von Miro oder Hundertwasser, bis zum Sicherheitsgebäude dank rundum Videoüberwachung (Big-Brother-Vogelhaus) ist alles vertreten.

Damit verbunden scheint der kollektive Wunsch, sich ein Stück heile Welt in verkleinertem Maßstab nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, in dem zugleich auch die großen Probleme auf ein Minimum schrumpfen.

Die Süddeutsche Zeitung widmete der „Vogelhaus-Architektur für gehobene Ansprüche" sogar einen umfangreichen Artikel („Vogelwild", 25./26.10.2014). Nicht alle Modelle sind nachhaltig, schließlich ist die Vogelhauswelt ja nur ein Abbild der Wirklichkeit, die sich auch in den verschiedenen Typen wiederspiegelt: Bauhaus, Jägerhaus, Bauernkate, Schweden, Maritim, Toskana oder Vogelvilla.

Wie in der realen Welt finden sich auch hier viele gute Ansätze. Zum Beispiel das Craftsman Birdhouse: „Der Craftsman ist im Grunde ein Handwerker. Darüber hinaus verwendet man den Begriff für Dinge, die besonders ‚wertig' gefertigt sind... funktional, solide, unaufgeregt", heißt es in der SZ, die das Futterhaus allen empfiehlt, die wissen, „dass Nachhaltigkeit kein Trend, sondern ein Begriff aus der Forstwirtschaft ist".

Auch das Designstudio Andreu Carulla aus Spanien, das sich regelmäßig in Nachhaltigkeitsprojekten engagiert, hat ein Designer-Vogelhaus entwickelt. Die Futterstelle namens "Neighbirds" ist aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Die handgeschnittenen Module sind aus Pinienholz, und ein außen angebrachter, natürlicher Zweig gibt den Tieren ein „heimeliges Gefühl" am Landeplatz.

Vogelhäuser aus nachhaltiger Forstwirtschaft, die Kleinvögeln einen massiven und wetterfesten Unterschlupf bieten, sind besonders beliebt. Allerdings ist es wichtig, auch bei Nischenprodukten wie diesen auf Qualitätsstandards in der gesamten Wertschöpfungskette zu achten.

„Dazu gehört, dass beispielsweise auch alle verwendeten Farben umweltfreundlich sind und das Produkt einfach gereinigt werden kann, dass Vogelfutter im Haus vor Regen, Wind und Schnee geschützt ist und nicht herausfällt", sagt Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation der memo AG.

Der Ökoversender bietet ebenfalls Futterhäuschen an: „Und weil selbst gebastelt immer noch am schönsten ist, wird das Set als unbehandelter Bausatz geliefert", heißt es auf der Website, auf der auch handbemalte Varianten zu finden sind. Die Herstellung erfolgt komplett in Deutschland. Das unbehandelte Fichtenholz stammt aus regionaler Forstwirtschaft.

Aus hochwertigem heimischem Lärchenholz in Werkstätten für Menschen mit Behinderung handgefertigt ist auch das Insektenhotel, das als großzügig gestaltete „Fünf-Sterne-Unterkunft für willkommene Gartengäste wie Schmetterlinge, Marienkäfer und Wildbienen" beschrieben wird: „Unter den vielfältigen, ausschließlich aus Naturmaterialien bestehenden ‚Zimmern' finden zahlreiche kleine Nützlinge ihr artgerechtes Quartier zum Nisten und Überwintern".

Am Beispiel der Vogelhäuschen lässt sich in besonderer Weise zeigen, dass es sich lohnt, auch in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte einmal abzuschweifen. Denn ein Gedanke, der fliegt und zuweilen auch „abirrt", bietet „eine tiefere Orientierung als der, der stur die Linie hält", schreibt der Autor Botho Strauß.

Dabei ist es nicht wichtig, ihn immer zu Ende zu denken, sondern auf einen Ergänzer zu vertrauen, dem sich im Geist mühelos fügt, „was für ihn, wie Futter", lose ausgestreut wurde. Wer die Welt verstehen will, muss immer auch ein guter und aufmerksamer „Leser" sein, der auch zwischen den Zeilen erkennt: „Es wird keine bessere Zeit kommen. Sie ist immer schon da."

Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play

Video: Trick eines Obsthändlers Sie werden Ihre Ananas nie wieder anders schneiden!