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Ehrentitel: Darum brauchen wir unbeholfene Träumer!

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HANNAH ARENDT
SCIENCE SOURCE via Getty Images
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Die Herausforderungen und Krisen der Gegenwart sind oft nur schwer auszuhalten - viele Menschen versuchen dann, sie einfach „wegzudenken" und finden Trost bei Philosophen und Literaten wie Hannah Arendt und Walter Benjamin, die sich in den 1930er Jahren in Paris kennenlernten.

Hier gab es genügend Raum zum Flanieren, das heute eine Renaissance erlebt - wie auch Magazine wie „Der Flaneur" von Miriam Dovermann belegen.

Dabei geht es nicht nur um physisches Schlendern, sondern auch eine neue (Gang-)Art des Denkens, durch die dem Zerfall der Gesellschaft begegnet werden soll.

Dazu gehört(en) damals wie heute auch das Sammeln und Ordnen von Dingen, die stellvertretend für die aus den Fugen geratene Welt stehen.

Sie zusammenzufügen heißt, der eigenen Welt ein Zuhause zu geben. Walter Benjamin sammelte Bücher und Zitate, arbeitete als Übersetzer und suchte überall nach „Entsprechungen" („Correspondances" im Sinne Baudelaires).

Es kommt noch etwas hinzu, das Hannah Arendt nicht in ihrem Benjamin-Essay erwähnt, aber eine „Entsprechung" ist: Die 1814 erschienene Geld- und Schattennovelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" des französischen Adelsemigranten Adelbert von Chamisso erlebt heute ebenfalls eine Renaissance und hat auch mit Walter Benjamins Geschichte zu tun, weil er wohl selbst ein „Schlemihl" war (vermutlich ohne je so tituliert worden zu sein).

Zweifellos gilt, dass in der späteren, vielfach auf jüdische Quellen zurückgehenden jüdisch-deutschen Gaunersprache Schlemihl allgemein mit einem Unglücksmenschen in Verbindung gebracht wird.

In Chamissos Geschichte heißt es, dass er ungeschickt und linkisch war. Dieser Typ hat in der Kunst vielfache Ausprägungen erfahren.

Das häufig böse gemeinte Scheltwort "unbeholfener Träumer" gilt ihm und allen, die das Los der Fremdheit teilen, als Ehrentitel.

Schlemihls Weg als Pechvogel wurde von Freunden des Dichters und Naturforschers als sein eigenen Weg verstanden. Karl August Varnhagen von Ense schreibt in seinen autobiografischen „Denkwürdigkeiten" (!):

„Seine langen Beine, die knappe Uniform, der Hut und Degen, der Zopf, der Stock und die Handschuhe, alles konnte ihm unvermutet Ärgernis machen."

Während des Ersten Weltkriegs wurde viel vom kosmischen Schlemihl geschrieben, der zerrissen und wütend ist über die Sinnlosigkeit der Wirklichkeit.

Bei Walter Benjamin finden sich viele Züge davon in der Figur des „Buckligen". Schon als Kind machte er beim Lesen in einem Kinderbuch mit ihm Bekanntschaft.

„Ungeschickt läßt grüßen", hatte Benjamins Mutter immer gesagt, wenn sich eine der „unzähligen kleinen Katastrophen" ereignet hatte. Denn „wen dieses Männlein ansieht, gibt nicht acht. Nicht auf sich selbst und auf das Männlein auch nicht. Er steht verstört vor einem Scherbenhaufen."

Wie Chamisso von seinen Freunden mit Schlemihl verglichen wurde, verweist Hannah Ahrendt auf die Ähnlichkeit zwischen Benjamin und dem Buckligen:

Sein „Ungeschick leitete ihn mit einer nachtwandlerisch anmutenden Präzision jeweils an den Ort, an dem das Zentrum eines Mißgeschicks sich befand oder doch wenigstens befinden konnte. So beschloß er zum Beispiel im Winter 1939/40 wegen der Bombengefahr sich aus Paris in Sicherheit zu bringen. Nun ist bekanntlich auf Paris nie eine Bombe gefallen; aber Meaux, der Ort, an den er sich begab, war ein Truppensammelplatz und wohl einer der sehr wenigen Plätze in Frankreich, die in jenen Monaten des ‚drôle de guerre' ernsthaft gefährdet waren."

Lange bevor das Dritte Reich ausbrach, spielt der Bucklige schon seinen „bösen Schabernack": so veranlasst er Verleger, die eine Jahresrente versprechen für Übernahme des Lektorats oder die Herausgabe einer Zeitschrift mit Benjamin planen, „bankrott zu gehen, bevor auch nur die erste Rate gezahlt oder die erste Nummer erschienen ist".

Benjamin, in dessen Pariser Wohnung sich regelmäßig jüdische Emigranten aus Deutschland trafen, riss Fragmente („Denkbruchstücke") aus ihrem Zusammenhang und ordnete sie neu an, so dass sie sich gegenseitig „illuminieren" konnten.

Sein größter Ehrgeiz bestand darin, schreibt Arendt in ihrem Benjamin-Essay, einen nur aus Zitaten zusammengesetzten Text herzustellen.

Denken ist dabei das wichtigste Werkzeug. Was es heute für uns bedeutet, lernen wir nicht von reinen Theoretikern, sondern von anpackenden Menschen, die versuchen, greifbare Lösungen für die Probleme der Gegenwart zu finden.

Als die Schauspielerin Valerie Niehaus einmal im ZDF-Frühstücksfernsehen gefragt wurde, was sie am liebsten in ihrer Freizeit macht, antwortete sie: „denken".

Sie bezeichnet sich als „Amateurdenkerin". Den Begriff des Amateurs nimmt auch Prinz Charles für sich in Anspruch: Er wagt sich in Gebiete vor, für die ihm die Fachkenntnisse fehlen.

Ein Amateur ist zuallererst jemand, der das Lernen liebt, schreibt Tim Leberecht in seinem Bestseller „Business Romantiker":

„Der Amateurgeist erfrischt unsere Augen: Er erlaubt uns, das Fremde im Gewohnten zu entdecken und es neu zu würdigen."

Denken ist auch für Valerie Niehaus eine so kraftvolle Fähigkeit, die „so viel Macht über das Sein eines einzelnen Menschen und die Gemeinschaft hat, in der er lebt". Immer wieder übt sie sich in dieser Fähigkeit.

Im Juni startete sie mit ihrer Schauspielkollegin Christina Hecke und der Fotografin Steffi Henn die Initiative AUF EIN WORT, die Denken und verantwortungsvolles Handeln auf nachhaltige Weise miteinander verbindet.

Walter Benjamin verwendet in einem Essay über Bertolt Brecht den Begriff „plumpes Denken". Damit ist gemeint, dass sich der Wahrheitsbegriff in Richtung Wirksamkeit bzw. Nachhaltigkeit verschoben hat.

Das Denken muss sich zu allen Zeiten an den Standards der Praxis messen lassen, wie auch die Initiative AUF EIN WORT zeigt.

Buchempfehlung:

Hannah Arendt. Menschen in finsteren Zeiten. Hg. von Ursula Ludz. München, 2013.

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